DER UNAUFHALTSAME NIEDERGANG DER REPUBLIKANER IN AMERIKA

Friederich Mielke

Die Republikanische Partei Amerikas ist im freien Fall. Skandale, Affären, Korruptionsfälle und politische Fehlentscheidungen haben die Partei in eine Krise gestürzt. Stammwähler und Sympathisanten wenden sich ab. Seit der Wahlniederlage im November 2006 haben die Republikaner zusätzlichen Goodwill verloren. Rückt Amerika ins linksliberale Lager? Beobachter sind sich einig: Selten hatten die Demokraten so viel Rückenwind, weil sich die Gegenpartei selbst schädigt. In Washington herrscht Konsens, dass die Demokraten im November 2008 das Weiße Haus zurückgewinnen werden.

Der Skandal um Senator Larry Craig ist nur das jüngste Beispiel für die Misere der Republikaner. Craig hatte auf der Herrentoilette einem Polizisten in Zivil sexuelle Avancen gemacht. Er wurde angeklagt, bekannte sich schuldig und zahlte eine Geldstrafe. Washington war empört. Republikaner halten sich für moralisch integer und konservativer als die linksliberalen Demokraten: Sie lehnen Schwule und Lesben ab und gelten als familienfreundlich und sittsam. Craig hatte Bill Clinton während der Levinski-Affäre scharf kritisiert und den Demokraten Unmoral und Dekadenz vorgeworfen. Als Larry Craig seinen Fehltritt bekannte, wurde er von der Führung der Republikaner im Senat abgestraft und aller Ämter enthoben. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain drängte seinen Senatskollegen zum Rücktritt. Craigs politische Karriere fand ein Ende, als er wegen des „ungebührlichen Benehmens“ auf der Herrentoilette seinen Amtsverzicht erklärte. Die Partei war zunächst erleichtert.

Doch die Republikaner kommen nicht zur Ruhe. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass Senator David Vitter, eine Nachwuchshoffung der Partei, Kunde eines Callgirl-Rings war. Der Senator Ted Stevens aus Alaska steht unter Korruptionsverdacht. FBI-Beamte haben sein Haus durchsucht und Beweismaterial gesichert. In Alaska wird traditionell republikanisch gewählt. Nun gerät dieser Bundesstaat in Gefahr, im November 2008 von den Demokraten gewonnen zu werden. Nach dem Verlust der Senatsmehrheit im Herbst 2006 wollen die Republikaner die nächste Wahl gewinnen. Zumindest in Alaska ist dies unwahrscheinlich.

Würde heute in Amerika gewählt, wären die Demokraten Sieger im Kongress und im Weißen Haus. Die Demokraten genießen inzwischen auch in den politischen Bereichen mehr Vertrauen, die traditionell von den Republikanern besetzt werden: bei Außen-, Sicherheits- oder Rechtspolitik. Umfragen geben der Bush-Regierung ein vernichtendes Zeugnis. Die konservative „Revolution“ der Bush-Jahre hat sich überlebt. Viele Republikaner sind enttäuscht und wechseln das Lager.

Die Republikaner beherrschen seit den 80er Jahren die politische Szene der USA. Fünf der letzten sieben Präsidentschaftswahlen wurden von Republikanern gewonnen. Acht Clinton-Jahre stehen gegen 20 Jahre republikanischer Dominanz. Der konservativen Bewegung der 80er und 90er Jahre war es 1994 gelungen, den Kongress mehrheitlich mit Republikanern zu besetzen. Konservative Amerikaner halten sich für gottesfürchtige Patrioten; sie lehnen staatliche Subventionen ab und verlangen scharfe Gesetze gegen Kriminalität und eine säbelrasselnde Sicherheitspolitik. 2004 hielten sich 35 Prozent der Wähler für konservativ, nur 20 Prozent nannten sich linksliberal. Die konservative Bewegung hat die politische Agenda beherrscht. Liberale standen mit dem Rücken zur Wand.

Nun hat sich das Blatt gewendet: 40 Prozent der Republikaner glauben heute, dass die Demokraten nächstes Jahr gewinnen werden. Während über 60 Prozent der Demokraten ihren Kandidaten unterstützen, sind nur 35 Prozent der Republikaner mit ihrer politischen Vertretung zufrieden. Die Demokraten führen mit 25 Prozent – ein fast einmaliger Vorsprung in der US-Geschichte. Die Wähler widersetzen sich dem Abbau des Sozialstaates und fordern eine Rückkehr zu linksliberalen politischen Werten und Positionen. In Amerika zeigt sich, dass politische Kursänderungen nicht nur die Außenpolitik beeinflussen. Auch in der Innenpolitik herrscht das Gesetz des Wandels und der Erneuerung.

Die konservative Agenda der Republikaner steht zunehmend in der Kritik: Viele Wähler meinen heute, fundamentalistische Glaubensgruppen, militante Abtreibungsgegner und erklärte Feinde von Schwulen und Lesben hätten den Bogen überspannt. Über 70 Prozent der Republikaner widersetzten sich dem Versuch der Bush-Regierung, die Komapatientin Terri Schiavo künstlich am Leben zu halten. Nur 30 Prozent wollen die Fristenregelung bei der Abtreibung aufgeben. Amerika hat wieder eine Mitte: Radikale, Glaubenskämpfer und Fundamentalisten werden in die Schranken gewiesen. Es gibt viele extreme politische und religiöse Gruppierungen in Amerika – eine uneingeschränkte Herrschaft dieser Gruppen hat es und wird es nicht geben. Die Mitte findet immer zu sich zurück.

Der Sündenbock für die Misere der Republikaner heißt George W. Bush ist. Seine Präsidentschaft wird von Begriffen wie Rumsfeld, Guantanamo, Hurrikan Katrina, Abramoff, Libby oder Abu Graib geprägt. Präsidentenberater „Scoop“ Libby wurde von einem Bundesgericht verurteilt und trat im März 2007 zurück. Sein Name symbolisiert die Serie von Affären und Skandalen der Bush-Regierung. Der Republikanische Lobbyist Jack Abramoff wurde ebenfalls verurteilt. Auch er steht für die korrupten Machenschaften von Regierung, Wirtschaft und Industrie. Vizepräsident Cheney muss sich gegen den Vorwurf wehren, staatliche Aufträge ohne Ausschreibung an Freunde vergeben zu haben. Er war tief in den Enron-Skandal verwickelt. Noch während seiner Amtszeit erhielt er Abfindungszahlungen von seinem ehemaligen Arbeitgeber Halliburton. Für viele Demokraten ist Cheney der Drahtzieher hinter der Bush-Regierung. Cheneys rigoroser Führungsstil sei symptomatisch für das angespannte Klima im Weißen Haus.

Nur 20 Prozent der Wähler glauben, Amerika sei auf dem richtigen Kurs; nur 29 Prozent sind mit dem Präsidenten zufrieden. Das sind fast Negativrekorde. Seit dem Irakdebakel gilt die Bush-Regierung außenpolitisch als gescheitert. Bisher wurden Demokraten gewählt, wenn es um Schulen, Gesundheit oder Kriminalität ging; Republikaner wurden gewählt, weil sie sicherheits- und außenpolitisch für versierter galten. Die Republikaner gewannen die Wahlen von 2002 und 2004, weil sie im „Krieg gegen den Terror“ kämpferisch auftraten. Inzwischen laufen die Wähler zu den Demokraten über. Hillary Clinton genießt inzwischen außenpolitisch mehr Vertrauen als die republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain oder Rudolph Giuliani.

Es wäre jedoch ungerecht, nur den Präsidenten für die republikanische Krise verantwortlich zu machen. Republikanische Abgeordnete sind mitschuldig. Sie haben dem Präsidenten oft mehr Geld bewilligt, als er beantragt hatte. Die freigiebige Ausgabenpolitik der Bush-Regierung wurde vom Kongress mitgetragen. Und der Kongress gab dem Präsidenten freie Hand im Irak. Im Gegensatz zum ersten Golfkrieg (1991) gab es keine schmerzliche Debatte im Kongress. Der Präsident wollte den Krieg, und eine große Mehrheit stimmte zu – auch die Demokraten Hillary Clinton oder John F. Kerry. Andere politische Themen, die der Präsident in den Kongress brachte, wurden mehrheitlich akzeptiert – Senkungen der Unternehmenssteuer, Beschränkungen der Stammzellenforschungen und die Besetzung des Obersten Gerichtes mit konservativen Verfassungsrichtern. Viele umstrittene Entscheidungen der Bush-Regierung wurden vom Kongress mitgetragen.

Für Bush ist die Situation fast aussichtslos. Nach dem Rücktritt seines tüchtigen Stabschefs Karl Rove folgte der Rücktritt von Justizminister Gonzales. Rove galt als „Königsmacher“. Er war der Architekt und „Drahtzieher“ der Bush-Regierung. Ihm werden die Wahlsiege von 2000 und 2004 zugeschrieben. Rove hatte George Bush zunächst als „mitfühlenden“ Politiker präsentiert. Nach dem 11. September formte er Bush in einen harten und unnachgiebigen Terroristenjäger, der mit keinen „Weichlingen“ diskutiert. Dieses Image half Bush im Wahlkampf gegen den nachdenklichen Gegenkandidaten John Kerry.

Rove war ins Kreuzfeuer geraten, weil er angeblich eine CIA-Beamtin enttarnt hat. Somit steckt auch Roves Name im Sumpf der Bush-Skandale. Sein Abtritt hat die Stimmung im Weißen Haus verschlechtert. Auch Justizminister Gonzales’ Name wird durch Affären und Skandale gebrandmarkt. Gonzales hatte sieben Bundesstaatsanwälte entlassen, weil sie seiner politischen Linie nicht folgten. Vorher wurde er mit allem in Verbindung gebracht, was Bush-Gegner an dieser Regierung ablehnen – Guantanamo, Folter, geheime CIA-Gefängnisse oder das illegale Abhören von Verdächtigen. Gonzales hatte Teile der Genfer Konvention „niedlich“ genannt. Für die Linksliberalen war Gonzales ein rotes Tuch. Der Abgang von Rove und Gonzales – beide aus Texas – schwächt den texanischen Flügel im Weißen Haus und läutet die letzten 14 Monate der Bush-Regierung ein – als einsame und glücklose Zeit.

Während Hillary Clinton sich erfolgreich in den Wahlkampf stürzt, kommen die Spitzenkandidaten der Republikaner nicht voran. Senator John McCain hängt der Vergangenheit an. Sein Dienst in Vietnam wirkt heute in Amerika obsolet. Einen tüchtigen Jungdynamiker können die Republikaner nicht vorweisen. Und der Spitzenkandidat Rudolph Giuliani ist umstritten: Für Radikale zu gemäßigt und liberal, für die Liberalen zu konservativ.

George W. Bush hat keinen überzeugenden Nachfolger. Während viele Amerikaner die Bush-Regierung für gescheitert halten, plant die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton einen Neubeginn. Es wäre nicht das erste Mal, dass Amerika sich neu erfindet. Auf den unglücklichen Richard Nixon folgte der gläubige Baptist Jimmy Carter; auf den verkrusteten George Herbert Walker Bush folgte der Jungdynamiker Clinton. Nun ist es Hillarys Aufgabe, Amerika erneut zu Ansehen, Würde und den maßvollen Umgang mit dem mächtigsten Militärapparat der Welt zu verhelfen. Frau Clinton steht für Intelligenz, Fleiß, Mut, politische Erfahrung und charakterliche Integrität. Ihre Präsidentschaft soll das amerikanische Hinterland mit dem politischen Washington versöhnen. Ob ihr dies gelingt, hängt von ihrer Überzeugungskraft ab und dem politischen Klima, das in Washington herrschen wird. Fest steht, dass die Republikaner dann in der zweiten Reihe stehen.