Kommentar

Bush-Rede zur Lage der Nation

UNGLAUBWÜRDIG UND WIRKLICHKEITSFREMD

Friederich Mielke

US-Präsident Bush hat seinen Bericht zur Lage der Nation vor einem skeptischen Kongress gehalten. Seit den Zwischenwahlen im November 2006 herrschen die Demokraten in der amerikanischen Legislative. Amerika hat die Begriffe „Fortschritt“ und „Sieg“ im Irak zu oft gehört. Die Beteuerungen der Bush-Regierung klingen unglaubwürdig und wirklichkeitsfremd. Mehrheitlich ist Amerika nicht davon überzeugt, dass Truppenaufstockungen, Durchhalteparolen und militärische Offensiven das irakische Chaos beseitigen können. Entsprechend verhalten klang der Applaus für den Präsidenten.

Bush hat sich im Irak verrannt. Er ignoriert die Empfehlungen der Baker-Kommission, vernachlässigt die diplomatischen Optionen und verhält sich uneinsichtig. Der amerikanische Journalist Bob Woodward spricht von „Verdrängung“ und „Wirklichkeitsverlust“ der Regierung. Der Bericht zur Lage der Nation ist ein Manifest dieser Verdrängung: Bush wiederholt das Dogma, Amerika müssen „den Krieg zum Feind bringen, um den Krieg gegen den Terror zu gewinnen.“ Doch diese Strategie ist gescheitert. Bush hat weder Größe noch Weisheit, seinen Fehler zu erkennen und einen Kurswechsel vorzunehmen. Opfer sind der amerikanische Steuerzahler, das US-Ansehen in der Welt und die vielen Soldaten, die ihr Leben im Irak lassen.

Der oberflächliche und wirklichkeitsfremde Bericht zur Lage der Nation ist peinlich und ärgerlich. Nur noch wenige Amerikaner glauben den Beschwörungen der Regierung, die noch zwei Jahre im Amt bleibt. Schon heute gilt Bush als „lahme Ente“, die primär an ihrem historischen Profil arbeitet. Jetzt schlägt die Stunde des Kongresses: Wenn die Regierung starrsinnig wird, müssen die Abgeordneten zur Tat schreiten. Hillary Clinton, Nancy Pelosi, Barack Obama, Joe Biden und John Kerry sind aufgefordert, Amerika politisch neu zu führen und der Bush-Regierung Paroli zu bieten. In Amerika bricht eine Ära des Umdenkens an. Im Präsidentschaftswahlkampf 2008 kommen politische Kräfte ins Gespräch, die bisher geschwiegen haben. Amerika ist wieder im Aufbruch. Bush muss sich die Zähne an einem kritischen und offensiven Kongress ausbeißen. Das ist die gute Nachricht aus Washington.