BUSH-REDE ÜBERRASCHT MIT ALTERNATIVER ENERGIEPOLITIK

Friederich Mielke

US-Präsident Bush hat ein Problem: Nur ein Drittel des amerikanischen Volkes ist mit seiner Amtsführung zufrieden. Dies ist die niedrigste Zustimmungsrate im letzten Jahrzehnt. Die alljährliche Rede zur Lage der Nation ist somit eine Gelegenheit, sein Image zu verbessern und die Krise in Washington zu entschärfen. „Ich werde daran erinnern, dass wir in historischen Zeiten leben“, sagte Bush in einer Pressekonferenz vor der Kongressrede. „Wir sind für die Verbreitung der Freiheit verantwortlich, und in der Weltwirtschaft spielen wir eine wichtige Führungsrolle.“

Die Stimmung in Washington ist gereizt: 2006 ist ein Wahljahr, im November werden das Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senates gewählt. Viele Abgeordnete kritisieren das Haushaltsdefizit und die steigenden Staatsausgaben. Hohe Benzinkosten, der erfolglose Irakkrieg, außen- und innenpolitische Skandale und die zunehmend scharfe politische Opposition haben Bush das Regieren erschwert. Doch der Präsident klingt optimistisch. Da Wirtschaft, Demographie und Technologie ständiger Veränderung unterlägen, müsse sich Amerika wandeln und den neuen Herausforderungen anpassen: „Wir brauchen eine Politik, die den Wettbewerb in der Weltwirtschaft berücksichtigt und Amerikas Position stärkt“, sagte Bush.

Im „Krieg gegen den Terror“ will der Präsident offensiv bleiben. „Wir werden die Feinde in Afghanistan, im Irak und ringsum jagen“, versprach der Präsident. „Wir werden weiterhin die Sache der Freiheit vertreten. Eine dunkle Ideologie kann nur durch die hoffnungsvolle Vision der menschlichen Freiheit besiegt werden.“

Die markigen Sprüche über Freiheit und Terror klingen vertraut. Neu ist, dass Bush eine alternative Energiepolitik ankündigt. Der Bericht zur Lage der Nation werde eine Überraschung enthalten, prophezeite der Präsident im CBS-Fernsehen. Die Bush-Regierung werde eine neue Energiepolitik propagieren, die auf Entwicklung alternativer Energien basiert. Bush versprach die Verringerung der amerikanischen Abhängigkeit von ausländischem Erdöl: „Wir müssen uns vom Kohlenwasserstoff trennen“, sagte der Präsident. „Fremdes Öl ist ein wirtschaftliches und sicherheitspolitisches Problem. Der beste Weg zu neuen Energiequellen führt über die Förderung neuer Techniken zur Gewinnung alternativer Energien.“

Was hier besonders überrascht: Biotreibstoff sei die Lösung der energiepolitischen Probleme. Die Energiepolitik der Republikaner scheint vor einer Wende zu stehen. Während Bill Clinton und Al Gore einst das hohe Lied der alternativen Energie sangen, lobt jetzt Bush die Vorzüge des Ethanols. „Ich glaube, dass wir neue Techniken zur Bioethanolproduktion entwickeln können“, versicherte der Präsident. Mais und Abfallprodukte seien dafür besonders geeignet. Ein technologischer Entwicklungssprung könne Amerikas Autoindustrie umformen: „Ich möchte andere Autos auf unseren Straßen sehen“, forderte der Präsident auf CBS. „Autos, die nicht mehr mit ausländischem Öl betrieben werden.“ Die Regierung werde der amerikanischen Autoindustrie raten, ihre Produktion auf Fahrzeuge mit Biotreibstoff umzustellen.

Das Interesse an Biotreibstoff, Mais und Bioabfällen überrascht, weil die Energiepolitik der Bush-Regierung bisher auf Erdöl setzte. Bush kommt aus der Ölindustrie; ein Teil seiner Minister – besonders Vizepräsident Cheney – ist eng mit der Ölindustrie verbunden. Die energiepolitische Wende erfüllt die Forderungen der Demokratischen Partei. Im Wahlkampf 2004 hatte Senator John F. Kerry die alternativen Energien propagiert und Amerikas Unabhängigkeit vom Erdöl gefordert. Kerry hatte die Bush-Regierung angegriffen. „Unsere Energiepolitik dient heute ausschließlich den großen Ölkonzernen. Sie kann die Gewinne der Ölkonzerne erhöhen, für die Interessen Amerikas taugt sie nichts“, hatte Kerry im Wahlkampf gesagt.

Der Bericht zur Lage der Nation ist Fensterrede, politisches Programm und Show zugleich. Bush will Amerika und der Welt Fortschritte vorführen – im Irak, in der Wirtschaft, im „Krieg gegen den Terror“ - und in der Energiepolitik. Während die Fortschritte im Irak auf sich warten lassen, wäre die neue Energiepolitik tatsächlich ein konstruktiver Schritt. Wenn die Republikanische die alternativen Energien fördert, ginge sie in eine gute Richtung. Fehlt nur, dass die Bush-Regierung das Kyoto-Protokoll akzeptiert. Dann wäre der Fortschritt perfekt.