MEDIENSTAR PALIN: AUF DEM WEG INS WEISSE HAUS  
Friederich Mielke

Wer ist Sarah Palin? Diese Frage mag man in Europa stellen, in Amerika ist sie überflüssig. Dort kennt sie jeder, viele lieben sie. Palin ist ein Medienstar. Sie erscheint in Talk-Shows, präsentiert eine „Reality Show“ über Alaska, veröffentlicht Bücher, hält politische Reden und positioniert sich als Präsidentschaftskandidatin für 2012. Sarah Palin ist inzwischen die zweitbeliebteste Politikerin Amerikas – knapp hinter Hillary Clinton. Ihr neuster Coup: ein Buch über Familienwerte, Patriotismus und konservative Politik, das am 23. November erscheint.
In „America by Heart“ erscheint Palin als politische Provokateurin, Kulturkritikerin, Mutter und Patriotin. Sie attackiert Obama als „falschen Führer einer neuen Selbstwertkultur“, kritisiert die Gesundheitsreform und rügt Feministen, anti-religiöse Linke und die angeblich links-liberale Medienmacht Amerikas. Ihr Buch erinnert an Barack Obamas Manifest „Hoffnung wagen: Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream“, das seinen Wahlkampf erfolgreich begleitete. Es soll Palin den Weg ins Weiße Haus ebnen. 
 Mit „America by Heart“ will sich Palin endgültig als Präsidentschaftskandidatin empfehlen. Wird sie 2012 das Weiße Haus erobern? „Darauf können Sie wetten“, meint der links-liberale Kolumnist Frank Rich in der „New York Times.“ Palins Medienpräsenz werde zur politischen Macht. Die großen konservativen Meinungsmacher Amerikas – Rupert Murdoch, Rush Limbaugh oder Sean Hannity – stünden hinter Palin und seien stärker als das politische Establishment der Republikaner, das Palins Aufstieg besorgt verhindern will. So erklärte Bush-Mutter Barbara kürzlich im Fernsehen: „Palin ist in Alaska glücklich. Und ich hoffe, sie wird dort bleiben.“
Amerika erlebt einen politischen Kulturkampf zwischen den Politprofis und einer „Berühmtheit“, deren Markenzeichen aus Klatsch, populistischer Propaganda und medienwirksamem Sex-Appel besteht. Dies ist der Stoff von Seifenopern. Rationale Argumente und parteipolitische Strategien versagen: Je tief Palin in ihren politischen Fettnäpfchen versinkt, desto größer wird ihre Popularität. Das angeblich „echte Amerika“ identifiziert sich mit der hübschen, charismatischen und freimütigen Populistin, die den arroganten und etablierten Politikern in Washington den Kampf ansagt. „Volk“ gegen Elite, Charme gegen Ernsthaftigkeit – dieser Angriff richtet sich gegen die gebildeten Schichten, nicht gegen die Reichen. Dabei dient Obama als Symbol einer privilegierten und gebildeten Machtelite, die den Kontakt zum „echten Volk“ verloren hat.
Da 80 Prozent der Republikaner Palin bewundern, verharren die anderen republikanischen Präsidentschaftskandidaten in der Defensive. Mitt Romney oder  Mike Huckebee halten sich mit Kritik an Sarah Palin zurück. Sie sehen sich der geballten Medienmacht des Murdoch-Konzerns und der Radio-Talkshow-Herren ausgeliefert und warten auf Anweisungen der republikanischen Partei. Doch diese Organisation ist gespalten: Während viele Palins Medienpräsenz begrüßen, befürchten andere ein Wahldebakel, sollte Palin 2012 gegen Obama antreten. Palins Unerfahrenheit, Oberflächlichkeit und mangelnde Seriosität könnten vom Wähler abgestraft werden.
Inzwischen prescht Palin weiterhin nach vorn. Ihr Buch „America by Heart“ wird voraussichtlich die Bush-Memoiren und den Stones-Rocker Keith Richards als Bestseller übertreffen. Amerika ist im Palin-Fieber. Da nützt es wenig, wenn republikanische Gegner sie „für keinen echten Menschen“ halten oder links-liberale Kritiker sich die Haare raufen und den Niedergang der amerikanischen politischen Kultur beklagen. „Palin for President“ wird so lange auf der Agenda stehen, wie Medien, Verlage, TV-Stationen und Radio-Talker die „Elchmutter“ aus Alaska hochjubeln. Und das wird voraussichtlich noch lange dauern.