“THE MAC IS BACK”: DAS GROßE COMEBACK DES
JOHN MCCAIN
Friederich Mielke
John McCain ist eine lebende Legende. Sein Patriotismus, kerniger
Charakter und zäher Kampfgeist gelten in Amerika als
beispielhaft. „The Mac is back“, heißt es
anerkennend in Kreisen der Parteifreunde. Denn McCain ist
ein Kämpfer – im Krieg wie in der Politik. Der
Erfolg sei den Kampf wert, schreibt der Senator in seinem
Buch „Worth Fighting For“ („Es lohnt zu
kämpfen“): „Wir müssen täglich
unsere Pflicht tun und einen nobleren Platz in der Geschichte
anstreben. Doch in Amerika kommen unsere Rechte vor unseren
Pflichten“. Das hören seine Parteifreunde gern.
Freiheit als wichtigstes Credo amerikanischer staatsbürgerlicher
Gesinnung. Wenn das politische Urgestein McCain redet, hört
Amerika zu.
Das war nicht immer so. McCain musste Niederlagen wegstecken
und Feinde in den eigenen Reihen bekämpfen. Als George
W. Bush im Vorwahlkampf 2000 in South Carolina gewann, schlug
McCains schwärzeste politische Stunde. Zu den Feinden
zählen bis heute scharfzüngige Talk-Show-Zaren,
evangelikale Prediger, radikale Abtreibungsgegner und Kritiker
gleichgeschlechtlicher Lebensformen und liberaler Einwanderungsgesetze.
McCain ist dem rechten Flügel der Republikaner zu liberal.
So verbreitet der Radiohetzer Rush Limbaugh über 600
Hörfunkstationen, McCain sei ein „Linksliberaler“,
seine politischen Positionen würden dem Programm von
Hillary Clinton ähneln. Schlimmer könnten die Anschuldigungen
nicht lauten: Für konservative Amerikaner ist Hillary
Clinton ein rotes Tuch.
Trotz dieser Widerstände wird McCain von den Republikanern
zum Präsidentschaftskandidaten nominiert. Er hat sich
gegen seine Konkurrenten Mike Huckebee und Mitt Romney durchgesetzt.
Prominente Amerikaner wie George Herbert Walker Bush, Henry
Kissinger, George W. Bush, Mitt Romney oder Arnold Schwarzenegger
haben sich öffentlich für McCain erklärt. Auch
die liberale Ostküstenzeitung „New York Times“
hat dem Senator aus Arizona ihre Anerkennung ausgesprochen:
McCain habe die schlechte Führung des Irakkrieges kritisiert,
die menschliche Behandlung von Kriegsgefangenen verlangt,
die Erderwärmung thematisiert und eine große Wahlkampffinanzierungsreform
verlangt. „Er ist zwar immer noch kein Gemäßigter,
aber er ist die beste Wahl aus den Reihen seiner Partei“,
schreibt die New Yorker Zeitung.
McCains Ansehen basiert stark auf seiner bewegten Biographie.
Sein Vater und Großvater waren Admirale der US-Marine.
In dem Buch „Faith of My Fathers“ beschreibt McCain
seinen Vater als leidenschaftlichen Marineoffizier:„Die
US-Marine war seine Heimat“, resümiert der Sohn.
„Sie hat sein ganzes Leben beherrscht“. Vater
McCain war u. a. Oberkommandeur der US-Marine in Europa. Sohn
John absolvierte die US-Marineakademie, wurde Marineflieger
und erlebte den großen Brand des Flugzeugträgers
„Forrestal“ im Juli 1967. Flugzeuge rauchten,
Bomben explodierten, 134 Soldaten starben. McCain konnte sich
aus dem brennenden Flugzeug retten. Er empfand diese Katastrophe
als Zeichen Gottes, dass seine Zeit noch nicht abgelaufen
sei.
Was dann kam, ist an Leid und Horror kaum zu überbieten:
McCain wurde bei einem Angriff mit einer A4-E „Skyhawk“
auf ein Kraftwerk über Hanoi abgeschossen. Er landete
in einem Teich inmitten der Stadt. Hunderte von Zuschauern
schrieen, traten und bespuckten ihn. Er wurde für fünf
Jahre ins Gefängnis „Hanoi Hilton“ gebracht,
das für amerikanische Kriegsgefangene vorgesehen war.
Hier wurde er gefoltert, beschimpft, verprügelt und verhört.
Die Nordvietnamesen hängten ihn stundenlang an Folterseile,
brachen ihm die Knochen und zertrümmerten seine Zähne.
Die Verhöre dauerten die ganze Nacht. Der Gefangene magerte
auf 50 Kilo ab, ging an Krücken, seine Gliedmaßen
schmerzten, das Haar wurde schneeweiß. Wer durch Klopfzeichen
Kontakt mit anderen aufnahm, wurde schwer bestraft. Die Verhöre
fanden in spartanischen Sonderzellen statt, das Essen wurde
in schmutzigen Eimern gebracht, Diarrhö und Magen-Darm-Infekte
grassierten, die Post wurde zensiert. Die Gefangenen mussten
sich Propagandafilme anschauen und durften nur kommunistische
Propagandazeitungen lesen. Brennende Glühlampen, Mücken
und Kakerlaken raubten den Schlaf.
Im „Hanoi Hilton“ versuchten die Wärter,
McCain ein Geständnis von Kriegsverbrechen aufzuzwingen.
Wer nicht unterschrieb, wurde gefoltert, geschlagen und getreten.
McCain widersetzte sich, musste aber schließlich doch
eine Aussage unterschreiben: „Ich bin ein schwarzer
Krimineller, und ich habe die Untaten eines Luftpiraten begangen.
Ich wäre fast gestorben, aber das vietnamesische Volk
hat mein Leben gerettet.“ McCain war am Ende seiner
Kraft, empfand aber das „Geständnis“ als
Verrat am eigenen Land. „Ich glaube, das Beste getan
zu haben. Aber das Beste war nicht gut genug.“ Um die
brutale Wirklichkeit zu ertragen, verlor er sich oft in langen
Phantasieträumen. In der Einzelhaft fürchtete er
um seine geistige Gesundheit und versuchte mehrere Male vergeblich,
sich aufzuhängen. Entweder wurde er erwischt, oder das
Seil war zu schwach. „Ich erkannte die Oberflächlichkeiten
und Nichtigkeiten des Lebens“, schreibt McCain in „Faith
of My Fathers“. „Ich fasste den Entschluss, meinem
Leben nach meiner Befreiung eine vernünftige und sinnvolle
Wende zu geben“.
Wahrscheinlich rettete ihn sein Status als „Kronprinz“:
Er war der Sohn von Admiral John Sidney McCain und galt er
als Trumpfkarte bei Friedensverhandlungen. Dieser Status habe
ihm das Leben gerettet, meint McCain. Je länger er gefangen
gehalten wurde, desto bevorzugter wurde er behandelt. Als
die Amerikaner Hanoi mit B-52-Bombern angriffen, jubelten
die Gefangenen. Niemand hatte Angst vor einem Volltreffer.
Endlich brachte ihn ein US-C-141-Transportflugzeug auf die
Philippinen. Als er die amerikanische Militärmaschine
sah, weinte er fast vor Freude. Die neuen Krücken, die
er zuvor erhalten hatte, ließ er in Vietnam zurück.
McCain wollte ohne Hilfe in die Freiheit zurückkehren.
Im Gegensatz zu vielen Vietnam-Veteranen wurde John McCain
nach seiner Rückkehr in den Vereinigten Staaten geehrt.
Richard Nixon empfing ihn im Weißen Haus, und er zeigte
sich in Paraden. Weil er wegen seiner Verwundungen nicht mehr
fliegen konnte, ging er Ende der 70er Jahre in die Politik.
Der Gute Ruf seines Vaters und seine Story als Kriegsgefangener
halfen ihm, politisch Anschluss zu finden. 1982 wurde er in
das Repräsentantenhaus gewählt, 1986 folgte der
vakante Senatssitz von Barry Goldwater, der 1964 gegen Lyndon
Johnson für das Weiße Haus kandidiert hatte. Goldwater
symbolisierte den Geist der Republikanischen Partei in Reinkultur
– freiheitlich, patriotisch, heimatgebunden und selbstbewusst.
McCains Wähler schätzten die Offenheit und Ehrlichkeit
des neuen Senators aus Arizona, der einmal einen Kritiker
barsch anpfiff: „Verdammt, ich war 20 Jahre in der Marine,
da ist man überall. Die Stadt, in der ich wohl am längsten
gelebt habe, heißt Hanoi“.
McCain war zunächst ein loyaler „Reagan Republikaner“,
bevor er zum liberalen Flügel seiner Partei wechselte.
Er ging in den Verteidigungsausschuss, den Handelsausschuss
und den Ausschuss für Indianerangelegenheiten. 1988 war
er als Vizepräsidentschaftskandidat für George Herbert
Walker Bush im Gespräch, 1991-93 arbeitete er mit dem
befreundeten Senator John F. Kerry zusammen, der etwaige vermisste
Kriegsgefangene aus Vietnam zurückbringen wollte. McCain
und Kerry bereiteten die diplomatische Anerkennung Vietnams
vor, die 1995 von Präsident Clinton vollzogen wurde.
Die beiden Senatoren reisten nach Hanoi und besuchten die
Zelle, in der McCain gefoltert wurde, aber McCain konnte keine
Wut empfinden: „Ich fühlte primär Mitleid
mit den Haftgefangenen, die jetzt im Gefängnis saßen.
Was vorbei ist, ist vorbei“.
In den 90er Jahren stimmte Senator John McCain für die
Reform der Wahlkampffinanzierung, unterstützte den Präsidentschaftskandidaten
Bob Dole und kämpfte gegen die Tabakindustrie. Er forderte
mehr Geld für die Verteidigung und stimmte gegen das
Telekommunikationsgesetz von 1996. Im Jahr 2000 warf er sich
zum ersten Mal in den Präsidentschaftswahlkampf. Schon
damals reiste er im Bus durchs Land. Er wollte seinen Wahlkampf
„offen, ehrlich und fröhlich“ führen.
„Meine öffentlichen Ansichten sind auch meine privaten
Ansichten“, versprach er seinen Wählern. Wegen
seiner teilweise kontroversen Reden erhielt er den Spitznamen
„Querkopf“. Er gewann die Vorwahl gegen George
W. Bush in New Hampshire, und viele sahen ihn auf dem Weg
zur Nominierung. Dann kam die Katastrophe: McCain verlor die
Vorwahl in South Carolina, und George W. wurde nominiert.
„Ich hatte die konföderierte Fahne in South Carolina
anstößig genannt, und das hatte die Wähler
aufgebracht“, bedauerte McCain später. Er ist anständig
genug, nicht die Schmutzkampagne zu erwähnen, die militante
Bush-Freunde angeblich in South Carolina gegen McCain geführt
hatten: Durch E-Mails und anonyme Telefonanrufe wurde behauptet,
McCain habe eine schwarze uneheliche Tochter – eine
infame Lüge angesichts der Tatsache, dass McCain ein
Mädchen aus Bangladesh adoptiert hat. Erstaunlicherweise
hat der Senator aus Arizona der Bush-Familie diese Kampagne
nie öffentlich vorgeworfen.
McCains Comeback 2008 überrascht: Noch vor wenigen Monaten
stand er auf dem drittem oder viertem Platz. In der gefährlichen
Welt seit dem 11. September schätzen viele Amerikaner
seine sicher- und außenpolitische Erfahrung. Unter den
diesjährigen Präsidentschaftskandidaten versteht
er am meisten von Außenpolitik. Seine markige, humorvolle
und charismatische Persönlichkeit ist beliebt. Seine
Positionen sind konservativer als die Standpunkte von Giuliani
oder Romney. Und McCain hat es immer gewagt, George W. Bush
zu widersprechen – bei der Führung des Irakkrieges,
bei Wahlkampffinanzierung, Foltergesetzgebung oder in der
Steuerpolitik. Er ist für die Todesstrafe, eine Reform
des Sozialstaates und strengere Abtreibungsgesetze. Doch als
Kritiker der Bush-Regierung befürwortet er die sofortige
Schließung des Häftlingslagers auf Guantanamo.
Amerika sehnt sich nach Erneuerung und Läuterung. Die
Bush-Ära wurde durch Lügen, Fehlentscheidungen,
Arroganz und Sturheit belastet. Vielleicht ist McCains ehrliches
Image, seine Offenheit und Wahrhaftigkeit, sein größter
Trumpf. Man kann ihm vertrauen; er sagt, was er denkt. Und
er ist bescheiden – ein Diener des Wahlvolkes, nicht
ihr Manipulator. Sein aufbrausendes Wesen wird ihm verziehen,
die ungebrochene Energie mit 71 Jahren ist bewundernswert.
Und dennoch: McCains militante Position in der Irakfrage,
seine Forderung nach einem „Sieg“ im Irak und
im „Krieg“ gegen den Terror machen ihn bei den
Wählern verwundbar. Er steht George W. Bush zu nah. Amerika
hat genug vom Irak. McCain vertritt die Minderheit. Sollte
er Dr. Condoleezza Rice zur Vizepräsidentschaftskandidatin
ernennen, hätte er ein starkes Team gegen Obama oder
Clinton. Dennoch sieht er gegen den Jungdynamiker Obama „alt“
aus.
2008 scheint sich zu wiederholen, was 1996 politisch vorgelebt
wurde: Die Jungdynamiker Clinton und Gore konnten den Veteranen
Bob Dole schlagen; die Demokraten brachen ins 21. Jahrhundert
auf, die Republikaner kehrten zum Zweiten und Kalten Krieg
zurück. Das „Yes, we can“ des Barack Obama
reißt das Land herum und bricht mit aufgestockten Militärausgaben,
Terrorkriegen, Steuerkürzungen für die Reichen und
vernachlässigten Krankenversicherungen. Auch Obama hat
eine „Story“, seine Biographie ist ein Bestseller.
McCain ist ein ehrenwerter Mann, doch seine Kandidatur kommt
zu spät. Er wird kämpfen, die Fahne hoch halten
und honorig verlieren. Und dennoch: Selbst ein untergehender
McCain zeigt, dass auch die Republikaner fähig zum Wandel
sind, dass Amerika seine alten Werte von Menschlichkeit, Freiheit
und Anstand nicht vergessen hat. Im Wahlkampf 2008 sagt Senator
McCain: „Wir wollen, dass die Regierung ihre Pflicht
erfüllt. Mit weniger Geld soll sie unsere Sicherheit
verteidigen, unsere Werte respektieren, den Rechtsstaat verwirklichen
und Versprechen einhalten anstatt nicht einzuhaltende Versprechen
abzugeben”. Die Kandidatur des John McCain demonstriert
den Gesundungsprozess Amerikas. Das ist die gute Nachricht
der Republikaner im Wahljahr 2008.