MERKEL-BESUCH SOLL TRANSATLANTISCHES KLIMA VERBESSERN
Friederich Mielke
Atmosphäre ist Substanz, oder: Der Ton macht die Musik.
In diplomatischen Kreisen ist Form ebenso wichtig wie Inhalt.
Das weiß man in Washington und Berlin. Ein verbessertes
Klima zwischen Amerikanern und Deutschen gilt als Hauptziel
des ersten Besuches der Bundeskanzlerin in den USA. Die deutsch-amerikanische
Beziehung soll wieder vertrauensvoll, herzlich und entspannt
werden. Politiker sind Menschen: Sympathie und Vertrauen helfen
ihnen, gemeinsame Probleme zu lösen und gleiche Ziele
zu setzen.
Bush mag Merkel. Seine Aversion gegen Schröder entsprang
sozialen, kulturellen und politischen Differenzen. Beide Politiker
lebten in verschiedenen Welten. Für Bush ist Merkel unkomplizierter,
gradliniger und vorhersehbarer als Gerhard Schröder.
Bush hatte Schröder nie verziehen, dass er mit anti-amerikanischen
Tönen auf Stimmenfang ging. Die Kanzlerin hat mehrfach
bekundet, sie suche eine offene und vertrauensvolle Beziehung
zu Washington. Vielleicht hat Angela Merkel auch mehr Respekt
vor Amerika. Während sie im Osten das Mutterland der
Demokratie idealisierte, demonstrierten Fischer, Schily und
Genossen gegen Vietnam und „US-Imperialismus.“
Merkels konservative Position wirkt beruhigend auf den US-Präsidenten,
Schröders rot-grüner Geist hatte ihn bedroht. Und
schließlich ist Merkel eine Frau: George W. Bush arbeitet
gern mit Frauen. Condoleezza Rice, Karen Hughes und Laura
Bush sind befreundete Beraterinnen. Er fühlt sich wohl
in ihrer Nähe.
Merkels Washington-Reise wird schon ein Erfolg, wenn sie
das Ohr und die Sympathie des Präsidenten gewinnt. Zuneigung
und Vertrauen sind für Bush äußerst wichtig.
Will die Kanzlerin die US-Politik beeinflussen, muss sie freundlich
und verlässlich sein. Frau Merkel hat gewonnen, wenn
Bush ihr zuhört und die Sorgen der Deutschen und Europäer
ernst nimmt. Erst dann werden potentielle außenpolitische
Kurswechsel der Supermacht denkbar.
Die diplomatische Agenda ist lang: Irak, Iran, Afghanistan,
Palästina, Außenhandel, Währungspolitik, Handelspolitik,
China und der „Krieg“ gegen den Terrorismus sind
die offensichtlichen Themen; CIA-Übergriffe, Guantanamo,
Menschenrechte und die Auslieferung von in Deutschland verhafteten
Terroristen bestimmen die bilaterale Tagesordnung. In Amerika
will man hohe Erwartungen an das Treffen vermeiden. „Die
mächtigste Frau im deutschsprachigen Raum seit Kaiserin
Maria Theresia“ erhält dennoch Vorschusslorbeeren.
Die konservative Zeitschrift „Weekly Standard“
nennt sie vertrauenswürdig und ehrlich. Die regierungsnahe
Heritage-Stiftung meint jedoch, eine „grundlegende Änderung
der deutsch-amerikanischen Beziehung“ werde nicht erwartet.
Merkels Handlungsfreiheit werde durch Mitglieder der Großen
Koalition beschnitten, „deren Missachtung der Bush-Regierung
nicht kaschiert werden kann.“
Für die deutsch-amerikanische Begegnung empfiehlt die
Heritage-Stiftung der US-Regierung, ein europäisches
Gleichgewicht der Macht anzustreben und eine zentralisierte
EU zu verhindern. Die Deutschen sollen den Iran unter Druck
setzen, die Reform der europäischen Landwirtschaftspolitik
forcieren und mehr Zusammenarbeit im „Krieg“ gegen
den Terror anbieten. Washington dürfe sich dabei nicht
der Illusion hingeben, das heutige Deutschland sei „das
gleiche wie zur Zeit von Helmut Kohl und Konrad Adenauer.“
Jackson Jane vom Institut für Deutschlandstudien erinnert
daran, dass der Koalitionsvertrag die Verbesserung des negativen
Bildes der Vereinigten Staaten in Deutschland verspricht.
Kanzlerin Merkel müsse der deutschen Öffentlichkeit
die Bedeutung besserer transatlantischer Beziehungen begründen.
Sie müsse deutsche Interessen in Washington vertreten,
ohne politische Konflikte mit den USA zu beschwören.
„Deutschland spielt eine wichtige Rolle im transatlantischen
Dialog. Diese Rolle darf aber nicht als Gegenmacht verstanden
werden“, schreibt Jane.
Aus Washington erfahren wir, dass sich Bush auf den Merkel-Besuch
freut. Es wird schöne Fotos von einer strahlenden Kanzlerin
und einem heiteren Bush geben. Das Klima kann sich aber nur
verbessern, wenn die deutsche Seite das negative Image der
US-Regierung in Deutschland wirklich korrigieren will. In
Washington wird man genau registrieren, wie ernst es die Deutschen
damit meinen.