BUNDESKANZLERIN MERKEL STÄRKT IHREN EINFLUSS IN WASHINGTON

Friederich Mielke

Die deutsche Außenpolitik hat wieder Gewicht in Washington. Bundeskanzlerin Merkel wird am 3. Mai im Weißen Haus für ein ausführliches Gespräch und ein Abendessen mit Präsident George W. Bush empfangen. Dies geschieht zu einem Zeitpunkt intensivster euro-atlantischer Diplomatie. Die Irankrise spitzt sich zu. Während Europäer, Russland, China und die USA über eine gemeinsame Iranpolitik verhandeln, empfängt der US-Präsident die Bundeskanzlerin. Dies ist ein gutes Zeichen für verstärkte transatlantische Kommunikation und Koordination.

Merkel und Bush haben eine umfangreiche Agenda. Iran, Irak, Afghanistan, Kosovo, NATO, Osteuropa, Afrika und der Nahe Osten bedürfen der Abstimmung. In Washington genießt die Kanzlerin Sympathie und Vertrauen. Ihr selbstbewusster Umgang mit Russland wird ebenso gern gesehen wie ihr konsequenter Kurs gegenüber dem Iran. Die Bush-II-Regierung arbeitet an einer diplomatischen Lösung der Iranfrage. Kommunikation und Kooperation mit den Alliierten ist dafür unerlässlich. George W. Bush scheint an die Tradition seines Vaters anknüpfen zu wollen, der seine Außenpolitik eng in internationale Strukturen einband. Der Golfkrieg von 1991 wurde von 28 Staaten mitgetragen. Bush-Vater war ein Meister der Diplomatie. Sein Sohn scheint endlich einzusehen, dass US-Alleingänge politisch, wirtschaftlich, militärisch und diplomatisch schädlich sind.

Dies ist die Stunde der europäischen Vertrauten. Frau Merkel hat die Chance, den US-Präsidenten in die europäische Verhandlungsdiplomatie einzubinden und vom Sinn der diplomatischen Konfliktregulierung zu überzeugen. Das Ziel – eine gemeinsame US-europäische Iranpolitik – stärkt die westliche Position und verhindert das Auseinanderbrechen der Allianz. Eine ähnlich geschlossene US-europäische Politik ließe sich gegenüber China, Palästina oder Korea entwickeln. Amerika und Europa sprächen dann mit gleicher Stimme und hätten mehr Gewicht in der Welt. Das Auseinanderbrechen der Allianz stärk die Rivalen des Westens – China, Korea, den Iran oder Russland. Ein transatlantischer Schulterschluss macht die Militärmacht USA und die Wirtschaftsmacht EU fast unverwundbar.
Amerikanische Regierungsvertreter loben Deutschlands Rolle in der Weltpolitik. So meint Karen Hughes, US-Staatssekretärin für Öffentlichkeitsarbeit, Amerika brauche „ein starkes Deutschland innerhalb einer starken Europäischen Union“. Die Offenheit und Aufrichtigkeit der Bundeskanzlerin habe das amerikanische Volk beeindruckt. „Amerika und Deutschland haben viele gemeinsame Interessen. Unsere Länder müssen bei der Lösung der weltweiten Probleme zusammenarbeiten.“

Ähnlich positiv äußert sich US-Botschafter Timken. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sollten gemeinsam bewältigt werden. Im Kampf gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, bei Terrorismus, Tyrannei, Armut, Hunger und Krankheiten sollten Amerika und Europa am gleichen Strang ziehen. Die deutsch-amerikanische Partnerschaft sei in der Nachkriegszeit die „größte diplomatische Erfolgsgeschichte der modernen Zeit.“ Heute käme es darauf an, dieses Bündnis „in den Dienst derer zu stellen, deren Hoffnung auf Freiheit und Wohlstand noch nicht erfüllt wurde.“

Amerikanische Politiker schätzen die konsequente Position der Bundesregierung in der Iranfrage. Der Iran müsse alle Aktivitäten zur Anreicherung von Uran einstellen und sich der Aufsicht der IAEA unterstellen. Das Säbelrasseln der so genannten „Neokonservativen“ bleibt so lange unbeachtet, wie Europäer und Amerikaner ihren konsequenten Weg gemeinsam fortsetzen. Die von den Franzosen angedeutete UN-Sicherheitsrat-Resolution könnte auch die Forderung nach Sanktionen oder militärischer Gewalt enthalten. Wenn es zu dieser Entwicklung kommt, dürfen weder USA, Frankreich, England, Deutschland, China oder Russland ausgeschlossen werden. Bundeskanzlerin Merkels Washington-Besuch ist somit eine Chance, eine gemeinsame Iranpolitik zu definieren und durchzusetzen.

Der Einfluss der Bundeskanzlerin in Washington schafft gute Voraussetzungen für konstruktive bilaterale und US-europäische Beziehungen. Amerika und Europa brauchen einander. Die Vereinigten Staaten sind wirtschaftlich und militärisch nicht so stark, wie sie vorzugeben scheinen; und Europa kann seine sicherheitspolitischen Defizite mit Hilfe einer multilateral eingebundenen USA ausgleichen. Die Entwicklung der transatlantischen Beziehung lässt auf mehr Stabilität und Vernunft in der Welt hoffen. Das wäre eine gute Voraussetzung für eine friedliche Zukunft.