ERNENNUNG VON FRAU MIERS ZUR VERFASSUNGSRICHTERIN ENTSCHÄRFT INNENPOLITISCHE DEBATTE

Friederich Mielke


Amerika leidet an schweren innenpolitischen Konflikten. Die „Wertediskussion“ polarisiert das Land: Abtreibung, Waffenbesitz, gleichgeschlechtliche Ehe, Todesstrafe – selten waren Progressive und Konservative so verfeindet wie heute. Die Besetzung des obersten Gerichtes („Supreme Court“) beeinflusst die moralische Ausrichtung des Landes. Da der Präsident die Richter des obersten Gerichtes ernennt, kann er die moralische Orientierung Amerikas mitbestimmen.

Konservative Kreise erwarten, dass Bush den Supreme Court mit konservativen Richtern besetzen wird. Im Wahlkampf hat Bush dies versprochen. Die Ernennung von Frau Harriet Miers zur Verfassungsrichterin hat Amerika überrascht: Miers ist eine enge Beraterin des Präsidenten mit konservativer Haltung. Sie hat jedoch progressive Kandidaten wie Al Gore unterstützt und fundamentalistische Scharfmacher gemieden. Sie war Geschäftsführerin der staatlichen Lotterie von Texas – eine Tätigkeit, die von fundamentalistischen Christen als unmoralisch kritisiert wird. Harriet Miers ist eine tüchtige Juristin, Vertraute des Präsidenten und erfolgreiche Frau in der amerikanischen Juristenszene. Eine rechtsgerichtete Ideologin ist sie nicht.

Progressive Kräfte haben die Ernennung von Mrs. Miers begrüßt. Demokratische Senatoren wie Harry Reid (Nevada) und Charles Schumer (New York) sind zufrieden. Mrs. Miers kann somit leicht vom US-Senat bestätigt werden. Widerstand könnte vom konservativen Lager kommen: Vielen Republikanern ist Miers zu „liberal“ und progressiv. Amerikas „Rechte“ ist verärgert, die Wähler fühlen sich betrogen. Vizepräsident Cheney und Stabschef Rove haben konservative Journalisten, Politiker und Geistliche angerufen und beruhigt: Mrs. Miers stünde für Familie, Gemeinschaft und Integrität. Sie sei eine enge Vertraute des Präsidenten und somit Garantin konservativer Werte.

Politische Skandale, die Verschuldung des Haushalts und der fatale Irakkrieg überschatten die zweite Amtszeit von George W. Bush. Die Ernennung der gemäßigten Konservativen Miers ist ein politischer Schachzug, der Amerikas innenpolitische Debatte beruhigen soll. Bush will die verfeindeten Lager befrieden. Seine Zustimmungsrate hat den Tiefstpunkt erreicht.

Der Präsident will offensichtlich die gemäßigte Mitte stärken und rechte ideologische Einpeitscher bändigen. Sein Weg zur Mitte nimmt progressiven Kritikern den Wind aus den Segeln. Die Bush-Regierung steht plötzlich als innenpolitisch gemäßigt und verlässlich da. Demokraten, Progressive und „Liberale“ haben einen Grund weniger, die Ideologie der Bush-Regierung zu kritisieren.

Die moderate Kehrtwende des Präsidenten war überfällig. Das konservative Lager ist zerstritten: christliche Fundamentalisten bekämpfen konservative Ideologen, die den Staaten aus dem Privatleben des Bürgers heraushalten wollen; global orientierte Neokonservative reiben sich mit Neo-Isolationisten, die Amerikas Weltmachtrolle einschränken wollen; und traditionelle Konservative fordern die innenpolitische Beschneidung des Staates, während die Bush-Regierung die Bürokratie aufbläht – beim Heimatschutz, bei Katastrophenhilfe und Aufrüstung. Die konservative Bewegung ist in Kleingruppen zerfallen, die sich gegenseitig bekämpfen.

Besonders schädlich für Bush: Die politischen Skandale häufen sich. Die zweite Amtszeit der US-Präsidenten wird oft von Affären überschattet. Ronald Reagan hatte die Iran-Contra-Affäre, Bill Clinton das Amtsenthebungsverfahren.

Washington wird zurzeit von mehren Skandale erschüttert: Der Fraktionsvorsitzende der Republikaner im Repräsentantenhaus, Tom DeLay, muss sich wegen eines Verstoßes gegen das Wahlfinanzierungsgesetz vor Gericht verantworten. Der Republikanische Mehrheitsführer im Senat, Bill Frist, wird verdächtigt, illegale Insider-Aktiengeschäfte getätigt zu haben, und Karl Rove, der Stabschef im Weißen Haus, soll den Namen einer US-Geheimdienstagentin an die Presse verraten haben. Washington wird von Affären und Skandalen erschüttert. Der Republikanischen Bush-Regierung fällt es immer schwerer, ihre politischen Ziele unangefochten zu verwirklichen.

In dieser gereizten Stimmung wirkt die Nominierung von Mrs. Miers beruhigend und ausgleichend. Bush muss sich Vorwürfe der „Vetternwirtschaft“ gefallen lassen, weil Miers seine Privatanwältin war und wie Außenministerin Condoleeza Rice zum engsten Vertrautenkreis gehört. Miers wird Inkompetenz vorgeworfen, da sie bisher keine Erfahrung als Richterin hat. In Amerika ist es jedoch üblich, dass Juristen in den obersten Gerichtshof berufen werden, ohne vorher Richter gewesen zu sein.

Bush wird diese Vorwürfe schlucken. Entscheidend ist, dass Harriet Miers vom Senat bestätigt wird und die Konflikte zwischen Progressiven und Konservativen entschärft werden. Bush ist es offensichtlich leid, den Buhmann der Linken zu spielen.

Der Präsident kann mit Beifall rechnen, weil er mit Harriet Miers eine Frau nominiert hat. Sie war die erste weibliche Präsidentin der texanischen Juristenvereinigung, und sie war die erste weibliche Geschäftsführerin ihrer großen Anwaltspraxis in Texas. Als engste Beraterin des Präsidenten wird sie keine juristischen Alleingänge wagen. Dennoch können US-Präsidenten nie sicher sein, dass ihre Vertrauten im obersten Gerichtshof die Rechtssprechung im Sinne des Präsidenten beeinflussen. Es gibt zu viele Beispiele von Richtern, die nach ihrer Ernennung einen politischen Kurswechsel vollziehen. Als ehemalige Sympathisantin der Demokraten wäre Mrs. Miers eine Kandidatin für derartige Kurswechsel.

Die Ernennung von Harriet Miers war – trotz allem – der vernünftigste Schachzug des Präsidenten seit Monaten. Für alle Gemäßigten hat sich dadurch der innenpolitische Streit Amerikas etwas beruhigt.