NATO-GIPFEL IN RIGA: AMERIKA UND EUROPA IN DER AFGHANISTAN-KRISE
Friederich Mielke
Wenn die NATO in Riga zum Gipfeltreffen ruft, fürchtet
sich Deutschland: Afghanistan ist ein gefährlicher Unruheherd.
Die Alliierten könnten Deutschland auffordern, Kampftruppen
in den Süden zu schicken – ein Unternehmen, das
blutig enden könnte. Da Deutschland militärisch
mit den USA und Kanada verzahnt ist, wird jetzt Solidarität
gefordert. Parlament und Presse sind besorgt: Wie weit muss
die Bundesrepublik gehen? Was wollen die Amerikaner in Afghanistan?
Und wie weit geht die Bündnissolidarität?
Für Außenminister Steinmeier ist die Afghanistan-Frage
kein Problem: Der Bundestag hat das Mandat für die ISAF-Truppen
verlängert, die Mission sei „unverzichtbar, um
den Wiederaufbau Afghanistans zu sichern“. Militäri¬sche
Mittel als Instrumente internationaler Politik blieben wichtig:
„Im Kampf gegen radikale und ideologisch unbeugsame
Terroristen können wir auf sie nicht verzichten“.
Die Operation "Endu¬ring Freedom" und die NATO-Einsätze
im Mittelmeer im Rahmen der Operation "Active Endeavour"
seien notwendig.
Wenige sind überzeugt. Unter dem UNO-Mandat (Isaf) stehen
3000 deutsche Soldaten im relativ ruhigen Norden Afghanistans.
Doch die Bündnispartner drängen: Deutsche Kampftruppen
sollen in den gefährlichen Süden, die Arbeitsteilung
stimme nicht mehr, die Deutschen sollten aufhören, „im
Tarnanzug als Sozialarbeiter durch die Welt zu reisen“,
während Amerikaner, Briten, Kanadier in Afghanistan sterben.
Nicholas Burns, stellvertretender US-Außenminister,
hält die transatlantischen Beziehungen für wiederhergestellt.
Er hofft auf Verständigung mit den europäischen
Partnern und erklärt Afghanistan zum Hauptthema des NATO
Gipfels in Riga: „Wir ändern unsere Strategie nicht.
Die NATO hat den Taliban im Süden Afghanistans schwer
zugesetzt. Bis zum ihren Einsatz konnten die regierungsfeindlichen
Kräfte völlig ungestört operieren“. Für
Burns ist entscheidend, dass die Bündnispartner ihre
Truppenpräsenz nicht reduzieren.
Daniel Fried, US-Staatssekretär für transatlantische
Beziehungen im Außenministerium, klingt optimistisch.
Kanada, die USA, Großbritannien und die Niederlande
hätten sich im Süden Afghanistans stark gezeigt:
„Sie sind hineingegangen, haben hart gekämpft und
Verluste erlitten“, sagt Fried: „Wir wussten,
dass die Taliban auf uns warteten. Im Süden gab es keine
außer-afghanische Militärpräsenz. Die Taliban
hatten zunächst freies Schussfeld, doch sie haben sich
geirrt: Die NATO war äußerst erfolgreich. Auf dem
Schlachtfeld hat sich das Bündnis sehr gut gehalten“.
US-Diplomat Fried hält die Zonenaufteilung in Afghanistan
für unfair. Der deutsche Beitrag sei im Norden zwar wichtig,
er wolle „Deutschland nicht kritisieren“, dennoch
sagt Fried: „Wir sehen die nationale Beschränkung
von Kampftruppen innerhalb der NATO nicht gern.“ Die
Kommandeure brauchten Flexibilität beim Verlegen von
Kampftruppen. In Kanada werde darüber viel in der Presse
geschrieben: „Kanada hat 40 Soldaten verloren. Gemessen
an Verlusten im 20. Jahrhundert ist das wenig, aber für
Kanada bedeutet das viel. Die Kanadier wollen wissen, dass
die ganze NATO hinter ihnen steht.“
Für den US-Diplomaten Fried ist es bedauerlich, dass
viele Länder glauben, die USA wollten Afghanistan nur
militärisch befrieden. „Je mehr sich dieses Bild
verhärtet, desto schwerer wird es in diesen Ländern,
die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit von Kampfeinsätzen
in Afghanistan zu überzeugen“. Doch hier scheiden
sich die Geister – in Berlin, Washington und Riga. Die
Deutschen wollen nicht in den Süden, die Amerikaner wollen
sie dort sehen. In Riga werden sich die Fronten gegenüberstehen.
Dort geht es auch um das Image der NATO. Im Kalten Krieg war
das Bündnis Garant der europäischen Sicherheit;
auch heute sind die USA das wichtigste NATO-Mitglied. Kommunikation
und Kooperation innerhalb der NATO stehen auf der Agenda.
Das Ringen um Erfolg und Sinn des NATO-Einsatzes in Afghanistan
trennt Europäer und Amerikaner – und zugleich verbindet
es sie.
Die NATO hat die Krisen seit dem 11. September überstanden.
Die Europäer wollen die Probleme des 21. Jahrhunderts
diplomatisch, politisch und wirtschaftlich lösen. Beim
Nahostproblem, bei Terrorismus, Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen
und gescheiterten Staaten, so meinen sie, werde das Militär
kaum gebraucht. Anders die Nordamerikaner: Sie sehen militärische
Einsätze weiterhin für zwingend erforderlich. Der
Konflikt zwischen dem „friedlichen Europa“ und
dem „militärischen Amerika“ bricht wieder
auf.
Die heutige NATO hat sich verändert. Sie hat sich nach
Osten erweitert, ihre Beziehung zu Russland überprüft,
ein neues strategisches Konzept verabschiedet und militärisch
in Bosnien, im Kosovo und Afghanistan agiert. Als die UNO
im Balkankonflikt scheiterte, schalteten sich die USA diplomatisch
und militärisch ein: Eine „Implementation Force“
(IFOR) der NATO sorgte für die Umsetzung des Abkommens
von Dayton. Ohne US-Diplomatie und militärische Einmischung
wäre der Bosnienkonflikt ungelöst geblieben.
Die USA halten an der NATO fest. Die transatlantische Wertegemeinschaft
kommt ins Spiel: Europa und Amerika sind strategische Partner,
ihre Interessengemeinschaft fördert die Kooperation zwischen
Amerikanern und Europäern. Durch die NATO behalten die
USA einen militärischen Fuß in Europa, das sicherheitspolitische
Band zwischen Europa und Amerika wird nicht zerschnitten.
Europa und die USA können miteinander und nicht gegen
einander ins 21. Jahrhundert gehen. Als Friedensallianz genießt
die NATO einen guten Ruf, und dieser Ruf schließt die
Führungsmacht USA ein.
Für Außenminister Steinmeier ist die Afghanistan-Frage
gelöst: Die inter¬nationale Staatengemeinschaft dürfe
nicht nachlassen, die gesellschaftlichen, sozialen und wirt¬schaftlichen
Umstände zu bekämpfen, die das Entstehen von Terrorismus
begünstigen. Doch Afghanistan heißt auch: Sterben
für ein Ideal, für Demokratie und Sicherheit am
Hindukusch. Die deutsche Öffentlichkeit ist nicht überzeugt,
die amerikanische Regierung pocht auf mehr Engagement. In
Riga steht viel auf dem Spiel.
In Afghanistan lässt sich der tragische Lauf der Geschichte
kaum aufhalten. Briten und Russen sind dort gescheitert. Die
NATO dürfe nicht unterliegen, meinen verantwortungsbewusste
Politiker in Deutschland, Europa und den USA. Recht haben
sie. Nur weiß niemand, wann der Krieg dort zu Ende ist.
Und bis dahin fließt noch viel Blut.
In Riga wird sich zeigen, ob die Solidarität im Bündnis
hält, ob die NATO-Strategie in Afghanistan sinnvoll,
erfolgreich und vernünftig ist. Wenn nicht, müssen
sich alle Teilnehmer des Gipfeltreffens dem Vorwurf aussetzen,
junge Männer für einen Krieg geopfert zu haben,
der von Anfang an verloren war. Und dieser Vorwurf träfe
dann alle Bündnispartner – Europäer und Amerikaner.