IST EIN NEUER KALTER KRIEG MIT RUSSLAND UNVERMEIDBAR?
Friederich Mielke
Russland ist Gastgeber des nächsten G-8-Gipfels. Seine
Gäste sind die wichtigsten Demokratien der Welt. Putin
hat die Chance, Russland als demokratisches, fortschrittliches
und freies Land zu präsentieren. Doch US-Vizepräsident
Cheney fungiert als Spielverderber. Seine Brandrede in Vilnius
attackierte Russland als undemokratisch und gefährlich:
„Regime, die ihr Volk unterdrücken und tyrannisieren,
bedrohen auch den Frieden und die Stabilität anderer
Länder“, hat Cheney verkündet. Er nannte Defizite
bei freien Wahlen, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, inneren
Reformen und Religionsfreiheit. Die „sorgfältig
formulierte Rede“, so Cheney im Newsweek-Interview,
sollte Russland warnen: „Wir wollen Russland nicht vergraulen,
doch Russland muss aufhören, seine Nachbarn zu bedrohen
und zu bervormunden.“
Der russische Außenminister war empört, die russischen
Medien sprachen vom „Beginn eines neuen Kalten Krieges.“
Putin hielt sich zurück. Die US-russischen Beziehungen
haben sich tatsächlich verschlechtert. Die Flitterwochen
der frühen Bush-Putin-Freundschaft sind Geschichte. Amerika
kritisiert eine Vielzahl russischer Aktionen: Putin hat die
ukrainische Wahl gestört, den Wirtschaftsliberalismus
in der Yukos-Affäre eingeschränkt, den weißrussischen
Diktator unterstützt, den Tschetschenien-Krieg fortgesetzt
und innere Reformen blockiert. Der Autokrat Putin ist kein
Demokrat. Amerika zeigt sich enttäuscht. Auch die deutsche
Bundeskanzlerin wagt Kritik. Das Klima zwischen Russland und
dem Westen wird kälter.
„Amerika und ganz Europa wünschen sich Russland
als gesunde und vitale Demokratie“, sagte Cheney in
Vilnius. Doch die russische Regierung habe die Rechte des
Volkes „unfair und unvernünftig eingeschränkt“.
Andere Taten der Regierung seien kontraproduktiv und könnten
die Beziehungen mit anderen Ländern trüben. Gemeint
war der Versuch, „Öl und Gas zur Einschüchterung
und Erpressung zu gebrauchen“. Niemand könne Aktionen
rechtfertigen, die die territoriale Integrität eines
Nachbarn untergraben oder eine demokratische Bewegung blockieren.
Cheney hat Russland in die Schranken gewiesen, doch zugleich
hat er die Hand ausgestreckt: „Niemand glaubt, dass
Russland unabwendbar zum Feind werden muss. Ein Russland,
das zunehmend die Werte unserer Gemeinschaft teilt, kann ein
strategischer Partner und ein vertrauensvoller Freund werden.“
Russland habe nichts zu befürchten und alles zu gewinnen.
Eine Allianz mit dem Westen werde Russland Wohlstand und Größe
bringen. „Wir wünschen uns eine Gemeinschaft souveräner
Demokratien, die alte Feindschaften überwinden, die kulturellen
und historischen Gemeinsamkeiten anerkennen und gemeinsam
ein friedliches Jahrhundert anstreben.“ Das sind starke,
pro-russische Worte.
Cheney kritisierte Russland, zugleich macht er ein verlockendes
Angebot: Wenn Russland Demokratie, Menschenrechte und Freihandel
verwirklicht, kann es der Gemeinschaft der G-8-Staaten als
gleichberechtigtes Mitglied beitreten. Cheneys Brandrede scheint
die Bemühungen der US-Außenministerin zu boykottieren,
Russland mit den USA, England, Frankreich, Deutschland und
China in der Iranfrage abzustimmen. Doch Rumsfeld, Rice und
Bush teilen die Kritik. Der Auftritt des Vizepräsidenten
war mit Bush abgestimmt. Auch Rice fühlt sich nicht hintergangen.
Für Cheney gilt: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit
Steinen werfen. Seine Verbrüderung mit dem autoritären
Regime in Kasachstan ist knallharte Macht- und Ölpolitik.
Cheney kann Heuchelei und Doppelmoral vorgeworfen werden.
Dennoch: Russland gehört nicht zu den Spitzendemokratien
der Welt. Russland und China sind weit davon entfernt, die
Qualitätskriterien einer westlichen Demokratie zu erfüllen.
Cheney weist Putin in die Schranken und zeigt zugleich den
Weg, wie Russland in die westliche Wertegemeinschaft aufgenommen
werden kann.
Ein zweiter Kalter Krieg ist vermeidbar: „Unsere Ideale
– Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit –
sind die besten Ideale der Menschheit“, sagte der Vizepräsident:
Russland kann Cheneys Rat befolgen, sich demokratisieren,
reformieren und rechtsstaatlich untermauern. Anders als China
hat Russland die echte Chance, Demokratie und Menschenrechte
durchzusetzen und in die Westliche Gemeinschaft aufgenommen
zu werden. Cheneys Rede ist mehr als eine Kritik an der russischen
Misere: Sie enthält die Vision der Westlichen Gemeinschaft
einschließlich Russland. Es lohnt sich, diese Vision
im Auge zu behalten.