NANCY PELOSI: US-SPITZENPOLITIKERIN ALS GEGENMACHT ZU BUSH
Friederich Mielke
Amerika hat eine neue Polit-Heldin: Nancy Pelosi ist zurzeit
mächtiger als Hillary Clinton. Während Hillary „nur“
Senatorin des Staates New York ist, führt Pelosi die
Opposition der Demokraten im Repräsentantenhaus. Als
Sprecherin der zweiten Kammer des Kongresses steht sie auch
an dritter Stelle hinter US-Präsident Bush: Sollten Bush
und Vizepräsident Cheney ausfallen, würde sie als
US-Präsidentin nachrücken.
Pelosi hat Macht: Von ihr hängt ab, ob Bush mit oder
gegen den Kongress regiert. Gegner der Bush-Regierung jubeln:
Die neue Sprecherin des Repräsentantenhauses aus San
Francisco sei bissig, mutig, frech und beharrlich –
wichtige Eigenschaften auf dem politischen Schlachtfeld von
Washington. Als linksliberale Abgeordnete aus Kalifornien
ist Pelosi Hoffnungsträgerin: Sie soll mit Bush abrechnen
und dessen Regierung durch die Ausschüsse treiben. Auch
das Amtsenthebungsverfahren („impeachment“) wird
wieder aktuell. Die einfache Mehrheit im Repräsentantenhaus
genügt, um den Präsidenten im Senat anzuklagen.
Die Bush-Regierung ist nervös. Schlechte Aussichten für
die verbleibende Amtszeit.
Pelosi gilt als Speerspitze der Demokratischen Opposition.
„Le Monde“ nennt sie „Bushs größte
Feindin“. Amerikas Presse hat sie schon zur Frau des
Jahres erklärt. Und Amerikas Frauen freuen sich über
den Machtzuwachs: „Es ist wichtig, dass die Menschen
in unserem Lande erkennen, dass auch Frauen an der Spitze
der Macht Erfolg haben“, sagte Pelosi nach dem Wahlsieg.
„Senatorin Clinton braucht keine Bestätigung von
einer anderen Frau. Sie ist selbst eine erfahrene und intelligente
Politikerin.“ Mit Nancy Pelosi hat Kalifornien eine
dritte Frauenmacht in Washington: Beide US-Senatoren aus Kalifornien
– Barbara Boxer und Diane Feinstein – sind Frauen.
„Wir müssen auf einer Vertrauensbasis zusammenarbeiten“,
beschwichtig Pelosi die Öffentlichkeit nach ihrem Wahlsieg
im Kongress. „Es gibt Gemeinsamkeiten mit den Republikanern“.
Doch niemand glaubt an eine Kuschelpolitik. Pelosi ist zu
streitbar und gestanden, um Bush das Leben zu erleichtern.
Beim politischen Feind ist sie verhasst: Die linksliberalen
Positionen der Abgeordneten Pelosi sind Amerikas Konservativen
ein Dorn im Auge. Sie gilt als Projektionsfläche für
die Negativpropaganda der rechten Medienszene. Amerikas Kulturkampf
um Abtreibung, Todesstrafe, Waffenkontrolle, gleichgeschlechtliche
Ehe, Umweltschutz, Menschenrechte oder Patriotismus konzentriert
sich auf die Abgeordnete aus Kalifornien. Amerikas bevölkerungsreichster
Staat ist auch am progressivsten. Mit Boxer, Feinstein und
Pelosi ringt Kalifornien um Einfluss und Macht in Washington.
Nicht alle Parteifreunde lieben Pelosi. Die starke Frau führt
mit starker Hand. Härte nach außen zeige sich auch
durch Härte nach unten: Wer sich entgegenstellt, wird
bekämpft. Doch durch die strenge Fassade blickt auch
das Menschliche hindurch – die Mutter, Ehefrau und Politikerin,
der das Wohl ihres kalifornischen Wahlkreises am Herzen liegt.
Pelosi ist seit 1987 in Washington. Ihr Vater war 12 Jahre
Bürgermeister von Baltimore, und auch ihr Bruder wurde
Bürgermeister. Als Mutter von fünf Kindern hat sie
bereits fünf Enkelkinder. Ihre Ehe ist gut, Skandale
kamen nicht vor. Im Wahlkreis ist sie beliebt – bei
den Bürgerinnen und Bürger von San Francisco, die
zwischen „Fisherman’s Wharf“, Chinatown
und „Golden Gate Park“ wohnen.
Außenpolitisch hat sich die Abgeordnete für die
Menschenrechte eingesetzt, für die tibetanische Minderheit
in China, den Stopp der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
Terrorkontrolle, Umweltschutz und eine gemäßigte
Weltmachtrolle. Im Irak ringt die „eiserne Lady aus
San Francisco“ um einen Kompromiss. Sie respektiert
die Vereinten Nationen und erinnert die UNO an die „moralische
Verpflichtung“, das Leiden in Dafur zu beenden. Als
progressive Politikerin bleibt sie strengen moralischen Prinzipien
verpflichtet.
Das liberale Amerika ist stolz auf Nancy Pelosi. Mit der
neuen Sprecherin des Repräsentantenhauses steht eine
Frau im Zenit der Macht, die Amerika als moralisch verpflichtete
und politisch integere Weltmacht verkörpert. Der Sieg
von Nancy Pelosi ist auch ein Sieg für die Demokratie
in einem Land, das seit sechs Jahren von republikanischen
Politikern beherrscht wird. Die streitbare Demokratin kann
vor der Welt die Bush-Regierung in ihre Schranken weisen.
Repräsentantenhaus und Senat werden den Präsidenten
grillen. Sprecherin Pelosi freut sich darauf.