JOHN KERRY MUSS IN BOSTON DIE WECHSELWÄHLER ÜBERZEUGEN
Friederich Mielke (21. Juli 2004)
Vom 26. bis 29. Juli verwandelt sich Boston in einen Hexenkessel.
Tausende von Delegierten der Demokratischen Partei strömen
nach Massachusetts, um John F. Kerry offiziell zum Präsidentschaftskandidaten
zu nominieren. Eine gewaltige Medienmaschine wird Reden, Events
und Interviews von Boston in die Welt ausstrahlen. Das zentrale
Thema: Die Bush-Regierung hat abgewirtschaftet, Amerika braucht
einen „Regimewechsel“. Das Massenhappening und
Politfest „Democratic convention“ ist Kerrys Chance,
die Wechselwähler Amerikas zu überzeugen. Und Kerry
hat es nötig: Er liegt nur wenige Prozentpunkte vor Bush.
Noch ist es ihm nicht gelungen, die Mehrheit der Wechselwähler
zu gewinnen. Amerika muss sehen und hören, warum es für
einen Mann stimmen sollen, den es bisher kaum kennt.
Nominierungskonvente stellen die biografischen, politischen
und rhetorischen Eigenschaften des Kandidaten vor und werben
für seine Politik. Wahlkampfauftritte, Fernsehspots und
Interviews im Lande ersetzen nicht die Nominierungsrede und
„Familienfotos“ mit Vizepräsidentschaftskandidat
John Edwards, Ehefrau Teresa Heinz Kerry und den Kerry-Töchtern.
„Stärker zuhause, von der Welt respektiert“
– mit diesem Motto präsentieren Kerry und Edwards
ihre Vision von einem sozial gerechten und sicheren Amerika.
Während Delegierte jubeln, die Band dröhnt und Ballons
fliegen, begutachtet Amerika die Herausforderer. Es geht um
sehr viel, weil die Republikaner seit 1968 fast jeden Wahlkampf
gewonnen haben. Und für viele geht es um Wiedergutmachung
für die unglückliche Wahl von 2000.
Kerry holt sich guten Flankenschutz. Am Montag (26. Juli)
sprechen Ex-Vizepräsident Al Gore und Ex-Präsident
Bill Clinton. Hillary Clinton wird ihren Mann vorstellen und
die Clinton-Präsidentschaft würdigen. Am Dienstag
(27. Juli) sprechen Senator Ted Kennedy und Ehefrau Teresa
Heinz Kerry. Am Mittwoch (28. Juli) kommt Vizepräsidentschaftskandidat
John Edwards zu Wort, der von seiner Frau Elizabeth vorgestellt
wird. Am Donnerstag (29. Juli) tritt der nominierte Präsidentschaftskandidat
John Forbes Kerry auf. Seine Rede wird die wichtigsten Themen
des Wahlkampfes zusammenfassen: Ein starkes Amerika braucht
eine starke Wirtschaft, eine gesunde Mittelschicht, eine preiswerte
Krankenversicherung für alle und eine Politik, die das
Land aus der Abhängigkeit vom nahöstlichen Erdöl
befreit. Kerry / Edwards wollen Amerikas Bündnisse erneuern
und das US-Militär stärken. Flankenschutz gibt es
auch von den Kerry-Töchtern, die ihren Vater als Menschen
beschreiben. Und dann treten die Vietnam-Veteranen auf, die
Kerry bei jedem Wahlkampf unterstützen. Die Veteranen
wollen Kerrys Führungsfähigkeiten bezeugen und seinen
starken Charakter würdigen. Sie sind ein wichtiger Teil
der Kerry-Legende.
Die zum Teil karnevalistische Supershow von Boston wird 15.000
Journalisten beschäftigen und über 64 Millionen
Dollar kosten. 40 Millionen Dollar werden durch Firmenspenden
aufgebracht. Großunternehmen in Boston spenden mindestens
eine Million Dollar als „Platin-Sponsoren“. At
& T, John Hancock Financial Services und Gillette sind
Großsponsoren, die von Senator Kerry und Kennedy persönlich
gewonnen wurden. Kritiker bemängeln, dass Senator Ted
Kennedy Spenden von Pharma-Konzernen einholt und im Gesundheitsausschuss
des Senates die Pharma-Industrie begünstigen könnte.
Für Kerry ist die Bostoner Polit-Party eine große
Chance, endlich zum Wähler durchzudringen. Die Kerry-Kampagne
hat bisher 80 Millionen Dollar für Fernsehspots ausgegeben.
Doch die Marketing-Strategie der Wahlkampfmanager geht nicht
auf. Kerry ist zwar beliebt, aber 30 Prozent der Wähler
kennen den Bush-Herausforderer kaum. Amerikaner sind nicht
überschwänglich von Kerry begeistert. Die Bostoner
Politparty soll den Durchbruch bringen. Amerika soll John
Forbes Kerry als dekorierten Vietnam-Veteranen kennen lernen,
als starken und verantwortungsbewussten Politiker. Und Amerika
soll fühlen und sehen, dass es eine Alternative zu George
W. Bush gibt: „Wir glauben an ein Land, das zuhause
stärker und in der Welt respektiert wird“, sagt
Bill Richardson, der Gouverneur von New Mexico und Vorsitzende
des Demokratischen Nominierungskonventes.
Die wichtigste Nachricht des viertägigen Politrummels:
Kerry ist genauso geeignet wie Bush, für Amerikas Sicherheit
zu sorgen. Die Wahlkampfstrategen nehmen sich den Konvent
von 1992 zum Vorbild, als Clintons Lebensweg anschaulich und
ergreifend vorgestellt wurde. Diesmal soll Kerrys Biografie
genauso überzeugen: Der Kandidat wird als starker und
erfahrener Politiker vorgestellt. Amerika soll ihm vertrauen:
„Kerry / Edwards werden Amerika durch ein starkes Militär
und solide internationale Bündnisse schützen“,
sagt die offizielle Erklärung zum Konvent: „Sie
werden den Heimatschutz verbessern und Polizei, Feuerwehr
und andere Hilfskräfte stärken.“ Nichts fürchten
die Kerry-Manager mehr als das Image, ihr Kandidat sei schwächer
als Bush, wankelmütig oder unentschlossen.
Neben den Wahlkampf-Kanonen Gore, Clinton und Kennedy erhält
Kerry Flankenschutz von einem Redner, der als Überraschungsgast
in Boston auftritt: Ron Reagan, der Sohn des 40. US-Präsidenten.
Ron Reagan wird ein Plädoyer für die Stammzellenforschung
halten und die Position der Demokraten unterstützen.
Reagan gilt als Kritiker der Bush-Regierung. „Wenn ich
darüber reden soll, George Bush aus dem Weißen
Haus zu verjagen, würde ich nicht nach Boston kommen“,
meint Reagan. Beobachter sagen aber, dass Reagans Auftritt
auch ein Zeichen für Kerry und gegen Bush setzen soll.