OBAMAS PRÄSIDENTSCHAFT INTERN: NEUES BUCH BIETET EINBLICKE
Friederich Mielke
Präsident Obama wirkt öffentlich charismatisch, willensstark und fleißig. Doch man hätte gern gewusst, wie dieser Mann „wirklich“ ist, denn oft trügt der äußere Schein. Nun wird ein Insider-Buch veröffentlicht, das Aufschlüsse über den echten Obama liefern soll: Der Journalist Jonathan Alter hat Obamas erstes Amtsjahr beobachtet und das Enthüllungsbuch „The Promise“ (Das Versprechen) geschrieben.
Alter schreibt, der Präsident sei konzentriert, fokussiert und primär rational. Während George W. Bush bei Entscheidungen seinem „Bauch“ vertraute, setzt Obama auf logische Argumentationsketten und sachliche Debatten. Bei Konflikten lächelt er überzeugend und legt sich somit einen „eisernen Schutzschild“ an. Das sei eine „nützliche Fähigkeit“ des Präsidenten, meint der Autor.
Obamas „gesunde seelische Struktur“ ist jedoch nicht unproblematisch: Der Präsident kontrolliert zu viel und delegiert zu wenig. Sein kühles und distanziertes Verhalten hat ihm den Vorwurf eingebracht, nicht mitmenschlich und „anfassbar“ genug zu sein. Die weiblichen Mitarbeiter klagen über mangelnden Einfluss im Team. Auch ist sein Selbstvertrauen manchmal zu groß. So kann er am Ende von politischen Prozessen unberechenbar sein: Er verändert geschriebene Reden kurz vor dem Auftritt und hofft dann auf das beste.
Für Jonathan Alter ist der Präsident authentischer als die meisten Politiker. Er hat nur ein Gesicht. Bei Indiskretionen gegenüber der Presse wird er jedoch leicht zornig. Das mussten Generalstabschef Mike Mullen und Verteidigungsminister Robert Gates erleben. Obama hat ihnen wegen einer Indiskretion über die Afghanistan-Strategie heftig die Leviten gelesen. Dies war „die schärfste Disziplinierung von Militärs seit dem Rauswurf von General MacArthur durch Präsident Truman“, schreibt der Autor.
Alter gibt der Obama-Regierung bisher eine durchwachsene Zensur. Der polarisierte Kongress und die zornige Öffentlichkeit ließen nicht viel mehr erwarten. Das Buch bietet einige Überraschungen: Hillary Clinton sollte zunächst Verteidigungsministerin werden; Wirtschaftsberater Larry Summers wollte Notenbankchef Ben Bernanke beerben, bevor dieser 2010 wiederernannt wurde; und Obama hatte dem Republikaner und Ex-Außenminister Colin Powell das Bildungsministerim angeboten, doch Powell wollte nicht.
Obama hält sich für einen Glückspilz, dennoch scheint er seine Arbeit nicht uneingeschränkt zu lieben. „Wer will diesen Job wirklich länger als vier Jahre haben?“ hatte er einmal gefragt. Aber dann sagte er: „Wenn wir nach vier Jahren gehen, können Republikaner wie Mitt Romney die Ernte unserer Arbeit einfahren, nachdem wir uns mit diesem Mist herumplagen mussten.“ Das überzeugt. Das macht ihn menschlich. Und das lässt auf eine zweite Obama-Amtszeit hoffen.