BARACK OBAMA UND AMERIKAS RASSISTISCHES ERBE

Friederich Mielke

Die amerikanische Geschichte steht vor einem Wendepunkt. Zum ersten Mal bewirbt sich ein Schwarzer um das höchste Amt im Staat. Dies war noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar. Rassismus, Vorurteile und ethnische Gewalt spielen in der amerikanischen Gesellschaft eine große Rolle. Sollte Obama Präsident werden, könnte er Amerikas rassische Wunden heilen. Doch diese Aufgabe ist enorm. Trotz großer Fortschritte sind Amerikas Schwarze wirtschaftlich und sozial weiterhin unterprivilegiert. Hinter der Facade von Harmonie und Toleranz brodelt es immer noch. Der Rassismus lebt weiter.

Amerika ist heute noch keine „post-rassische“ Gesellschaft. Trotz integrierter Schulen, rassischer Quotenregelungen, Gewährung von Bürgerrechten und progressiver Gerichtsentscheidungen haben es die Schwarzen weiterhin schwer. Schwarze verdienen weniger als Weiße, bevölkern die Hälfte der amerikanischen Gefängnisse, brechen häufiger die Schulbildung ab, steigen gesellschaftlich nur langsam auf und bleiben Opfer von Vorurteilen und Anfeindungen. Obamas freiwillige Wahlhelfer berichten von rassistischen Beleidigungen durch Weiße, wenn sie an die Tür von potentiellen Wählern klopfen. Dennoch hat Obama eine große weiße Gefolgschaft. Sein Erfolg ist ein Beweis für den gesellschaftlichen Wandel Amerikas – ein Land, dessen Geschichte von Sklaverei bis Bürgerrechtsbewegung von Rassismus und ethnischer Gewalt geprägt wurde.

Millionen von Afrikanern wurden im 18. und 19. Jahrhundert als Sklaven nach Amerika verfrachtet. Ihr Schicksal war qualvoll: Sie mussten körperlich hart arbeiten und wurden oft geschlagen, vernachlässigt oder gelyncht. 1860 gab es in den Südstaaten 3,5 Millionen Sklaven. In „Onkel Toms Hütte“ hat Harriet Beecher Stowe das Elend der Sklaven ergreifend beschrieben. Die Abschaffung dieser menschenverachtenden Institution wurde erst durch den blutigen Bürgerkrieg erreicht: 1863 erklärte Präsident Lincoln die „Emanzipation“ der Sklaven. Doch das Schicksal von Amerikas Schwarzen blieb elend: Ohne Bürgerrechte konnten sie am amerikanischen Traum nicht teilnehmen. Im Süden herrschte die „Segregation“: Schwarze durften keine Restaurants, Kinos, Schulen, Busse oder öffentliche Toiletten betreten, die für Weiße reserviert waren. Zwischen 1880 und 1964 hat es über 4700 Lynchings gegeben. Der rassistische Geheimbund Ku-Klux-Klan verbreitete Mord und Terror; Schwarze wurden beleidigt, misshandelt und erniedrigt; das Schimpfwort „Nigger“ war in einigen Schichten gesellschaftsfähig. Der Schriftsteller und Nobelpreisträger William Faulkner hat in den Romanen „Licht im August“ oder „Schall und Wahn“ die Rassenspannungen im Süden beschrieben. Viele kennen den Film „In der Hitze der Nacht“ mit Sidney Portier, der als schwarzer FBI-Agent gegen rassistische Vorurteile in einer Kleinstadt kämpft. Doch auch in den Großstädten des Nordens – in Chicago, Baltimore, Detroit oder New York – waren Rassenspannungen an der Tagesordnung.

Erst die Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre brachte Amerikas Schwarzen gleiche Rechte und den Schutz des Gesetzes. Doch der Kampf war hart: Weiße Polizisten hetzten Hunde auf schwarze Demonstranten, in „langen, heißen Sommern“ erlebte Amerika Rassenkrawalle und Plünderungen, 1963 starben vier kleine Mädchen in Alabama, als der Ku-Klux-Klan eine Bombe in eine schwarze Kirche warf. Martin Luther Kings gewaltfreie Bewegung kämpfte mutig gegen Polizeigewalt, Rassenterror, Einschüchterungen und Morddrohungen. 1963 demonstrierten 300.000 Schwarze in Washington und forderten gleiche Rechte. King bezahlte 1968 diesen Kampf mit seinem Leben. Nach seiner Ermordung explodierten die schwarzen Stadtviertel. Amerika erlebte bürgerkriegsähnliche Gewalt.

Trotz großer Fortschritte im Zusammenleben sind diese Wunden noch nicht geheilt. Es gibt immer noch 7000 Angehörige des Ku-Klux-Klans, und auch die Schwarzen kennen rassistische Vorurteile gegen Weiße. Der Journalist Larry Elder behauptet in seinem Buch „Zehn Dinge, die man in Amerika nicht aussprechen darf“, dass Schwarze rassistischer als Weiße seien. Schwarze sähen sich in der Opferrolle und würden die eigene Lethargie an den Weißen abreagieren. So werde die Schuld an schlechten Schulen, nichtehelichen Kindern, Kriminalität, Drogen oder Arbeitslosigkeit den Weißen zugeschoben. O. J. Simpson werde von vielen Schwarzen als Opfer einer „weißen“ Justiz gesehen. Die Hassreden des unseligen Pastors Jeremiah Wright, die Barack Obamas Wahlkampf beschädigten, sind keine Ausnahme: Viele schwarze Prediger zögern nicht, „die Weißen“ für die Probleme der Schwarzen anzuklagen.

Das Rassenthema bleibt heute aktuell. In Filmen, Romanen, Talk-Shows und Büchern diskutiert Amerika über die gelungene oder nicht gelungene Integration seiner ethnischen Minderheiten. Tom Wolfes Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“ illustriert, wie tief die rassischen Vorurteile sitzen. Als der Protagonist Sherman McCoy einen Schwarzen anfährt, überkommen ihn Angst und Schrecken. Für Sherman sind Schwarze grundsätzlich kriminell, aggressiv und nicht vertrauenswürdig. Zum Schluss siegen die Schwarzen, doch die Satire auf das amerikanische Rassenverhältnis lässt tief blicken: Hinter der Fassade von Toleranz und Akzeptanz stecken Angst, Vorurteil und Heuchelei. Das Buch war auch erfolgreich, weil sich viele Amerikaner mit Sherman McCoys Vorurteilen identifizieren konnten.

Inzwischen sind Schwarze gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich und kulturell aufgestiegen. Dr. Condoleezza Rice, General Colin Powell, Barack Obama oder die Fernsehmoderatorin Winfree Oprah gelten als Stars einer neuen Generation von Schwarzen. Condoleezza Rice hat die Bürgerrechtsbewegung als Kind erlebt. 1963 erfuhr sie Hass und Rassismus im menschlichen Pulverfass von Birmingham. Sie sah, wie Polizisten mit Schlagstöcken und Hunden gegen 16-jährige Schüler vorgingen. Der damalige Rassenterror habt ihr Weltbild bis heute geprägt.

Barack Obama hatte es leichter, aber auch er musste Rassentrennung und Diskriminierung erfahren. Als 18-Jähriger erlebte er, wie weiße Frauen im Aufzug ihre Handtaschen verschlossen, wenn er den Fahrstuhl betrat. Taxifahrer fuhren an ihm vorbei, um dann bei einem Weißen anzuhalten. 1992 wurde er Zeuge der schlimmen Rassenunruhen in Los Angeles mit 53 Toten und hunderten von Schwerverletzten. Er erkannte, dass Rasse und Hautfarbe eine wichtige und oft destruktive Rolle in der Gesellschaft spielten. „Für Weiße sind wir keine richtigen Menschen“, sagten seine Freunde. Doch Obama wollte daran nicht glauben. Als „community organizer“ (Sozialarbeiter) wollte er die Schwarzen neu organisieren. In Chicago erlebte er Amerika ganz unten. Er kämpfte mit der Bürokratie, half den Analphabeten, verhandelte mit Polizisten und litt am Gefühl der Machtlosigkeit. Als er mit 27 Jahren als Jurastudent an die Elite-Universität Harvard ging, suchte er Kontakt zu weißen Studenten. Er begann, die Abschaffung der Rassendiskriminierung auf seine Fahne zu schreiben.

Obama ist die personifizierte Hoffnung Amerikas, den Rassenkampf überwinden zu können. Er möchte die „unvollendete Arbeit der Bürgerrechtsbewegung zu Ende bringen“. Der Staat solle bei Rassendiskriminierungen eingreifen, fordert Obama und meint, Amerikaner sollten sich unter einer gemeinsamen Fahne vereint fühlen: „Wir müssen die amerikanische Einheit anstreben und perfektionieren“, sagt er in seiner Rede zum Rassenthema im März 2008. „Wir brauchen ein freies, gleiches, erfolgreiches und fürsorgliches Amerika. Wir mögen unterschiedliche Hautfarben und Herkünfte haben – aber als Amerikaner schauen wir in die gleiche Richtung. Dieser Glaube basiert auf meinem unerschütterlichen Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Großzügigkeit des amerikanischen Volkes“. Amerika dürfe das Rassenthema nicht länger ignorieren. Es habe bisher keine konsequente Debatte darüber gegeben, die Rassendiskriminierung sei noch nicht überwunden. Die Minderheiten könnten an der Verwirklichung des amerikanischen Traums nicht teilnehmen. Amerika befinde sich im Zustand eines „rassischen Waffenstillstands“.

Obama appelliert an die Schwarzen, die Opferrolle aufzugeben und den Kampf für bessere Schulen, Arbeitsplätze oder soziale Leistungen als gesamt-amerikanischen Kampf zu sehen. Jeder solle die Verantwortung für sein Leben selbst übernehmen. Die Weißen sollen verstehen, dass die schwarze Erfahrung von Diskriminierung und Unterdrückung real war. Die Investitionen in Bildung, Gesundheit und Lebensglück von schwarzen, weißen oder lateinamerikanischen Kindern sollen ganz Amerika zugute kommen. Es wäre zynisch zu behaupten, dass Kinder von Schwarzen oder Indianern nicht lernwillig seien. „All diese Kinder sind unsere Kinder. Wir werden sie nicht aufgeben. Sie sollen in der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts nicht hinten anstehen. Diesmal nicht“.

Für Barack Obama hat der lange Kampf gegen den Rassismus erst begonnen. Erfreulich ist, dass ihm viele weiße Wähler zustimmen. Die Skeptiker werden noch zahlreiche Gelegenheiten haben, ihre Vorbehalte zu überwinden. Vielleicht glauben sie auch dann an Senator Obamas Vision eines vereinten Amerikas – einem Amerika, das Martin Luther Kings Verheißung erfüllt, „dass wir nicht mehr nach unserer Hautfarbe, sondern nach unserem Charakter beurteilt werden“.