Kommentar

US-Abgeordnete beschließen Truppenabzug

POLITISCHER BÜRGERKRIEG

Friederich Mielke

George W. Bush ist eine „lame duck“ („lahme Ente“) – er darf nicht wiedergewählt werden –, und er ist ein Präsident ohne Mehrheit im Kongress, in der Bevölkerung und in den Medien. Über 60 Prozent der Amerikaner halten inzwischen seine Amtsführung für unzureichend. Sein Versuch, mehr Geld für den Irakkrieg zu erhalten, ist gescheitert: Das Repräsentantenhaus hat den baldigen Abzug der US-Truppen beschlossen, der Senat folgt noch diese Woche.

Der Präsident will das neue Irakgesetz durch ein Veto kippen. Das ist sein verfassungsrechtlich verankertes Privileg. Doch ein Veto hieße, dass der Präsident gegen die Mehrheit der Amerikaner anregieren müsse – eine fatale Strategie, die bei Wahlen meist abgestraft wird. Die Verfassungsgrundsätze Amerikas – Volkssouveränität und Gewaltenteilung – lassen sich durch ein Veto nicht ausschalten. Der Widerstand des Kongresses gegen die Irakpolitik der Regierung bekundet die Renaissance der amerikanischen Demokratie: Die Irakfrage hat einen politischen Bürgerkrieg in Washington ausgelöst. Dies ist eine heilsame und notwendige Entwicklung.

Denn die Irakpolitik der Bush-Regierung ist gescheitert. Immer mehr Politiker, Journalisten, Experten und Wähler erkennen die Fehler der Bush-Strategie. Die Demokraten – voran Senator John F. Kerry – fordern neue diplomatische Initiativen in Nahost, einen genauen Zeitplan für den militärischen Rückzug, größere Eigeninitiativen der Iraker und den Einsatz des US-Militärs zur Aus- und Fortbildung der irakischen Sicherheitskräfte. Präsidentschaftskandidat Barack Obama will nur ein kleines Kontingent von US-Soldaten im Irak behalten – zur Rückendeckung und zur Ausbildung des irakischen Militärs. Für die Demokraten beginnt der Rückzug Amerikas aus dem Irak.
Die Durchhalteparolen des Präsidenten erinnern an die Forderungen der US-Regierung während des Vietnamkriegs. Sie sind unvernünftig und unnötig. Die rote Karte, die der Kongress dem Präsidenten zeigt, beweist die Fähigkeit des amerikanischen Volkes zur Einsicht und Umkehr. Das Votum im Repräsentantenhaus ist eine Niederlage der Bush-Regierung und ein Sieg der amerikanischen Demokratie.