DIE REPUBLIKANER SIND IN NEW YORK NICHT WILLKOMMEN

Friederich Mielke

Jetzt sind die Republikaner am Zuge. Die Demokraten haben ihren Spitzenkandidaten John Kerry in Boston gefeiert, nun werden die Republikaner ihren Präsidentschaftskandidaten in New York bejubeln: George W. Bush wird ohne Vorwahlkampf von seiner Partei zum Spitzenkandidaten nominiert. Vor einer Jahr dachten die Republikaner, New York sei der richtige Ort für die Nominierung ihres Kandidaten: Bush hatte nach dem 11. September einen guten Auftritt in New York, sein „Krieg gegen den Terror“ hatte viele New Yorker beeindruckt. Inzwischen bedauern die Republikaner, die Hudson-Metropole ausgesucht zu haben: Nur 20 Prozent der New Yorker sind Republikaner, über Hunderttausend Demonstranten haben sich angesagt, und Bush hat inzwischen beschlossen, nur einen Tag in New York zu verbringen. Die Republikaner wollen den Eindruck vermeiden, den 11. September für die Wiederwahl des 43. Präsidenten zu instrumentalisieren. Ihr Spitzenkandidat meidet die Stadt.

Bush mag New York nicht, und diese Antipathie beruht auf Gegenseitigkeit. Vor dem 11. September war er fast nie Gast in New York City. Bush hält New York für die Hochburg von linksliberalen Intellektuellen, progressiven Reformern und bildungsbürgerlichen Eierköpfen. Da sein Auftritt vor den Trümmern des World Trade Centers inzwischen verblasst ist, brechen die alten Konflikte wieder auf: New York ist eine Hochburg der Demokraten, die Stadt liegt John Kerry zu Füßen. Kerry fühlte sich in Boston zuhause. In New York ist Bush ein Fremder. Die Republikaner kommen in die Höhle des Löwen. Der Nominierungskonvent tagt vom 30. August zum 2. September in Feindesland. Die Republikaner sind in New York nicht willkommen.

Demonstranten aus allen Teilen Amerikas strömen diesen Sonntag nach New York. Eine Großdemonstration im „Central Park“ wurde nicht genehmigt. Jetzt kommt es zu vielen Kleindemonstrationen in „Midtown“, dem Hauptgeschäftsviertel von Manhattan. Hunderttausende von Kriegsgegnern, Gewerkschaftern, Abtreibungsbefürwortern, Globalisierungsgegnern und Anarchisten wollen auf der Siebten Avenue demonstrieren. Man spricht von den größten Demonstrationen anlässlich eines Parteitages seit den bürgerkriegsähnlichen Protesten 1968 in Chicago. Die Anarchisten werden von der New Yorker Polizei besonders gefürchtet. Die Ordnungsbehörden müssen für die Sicherheit der Republikanischen Delegierten sorgen und zugleich die Demonstrationsfreiheit gewähren. „Widerstand und Protest sind der Eckstein unserer demokratischen Gesellschaft“, sagt Norman Siegel, Ex-Direktor der New Yorker Gesellschaft für Bürgerrechte: „An der Demonstrationsfreiheit erkennen wir, ob wir eine offene Gesellschaft sind.“

George W. Bush wird in einer Atmosphäre von Spannung und Misstrauen nominiert. FBI, New Yorker Polizei und Sicherheitsdienst des Präsidenten beobachten die Demonstranten. 10.000 Polizisten werden die verbarrikadierten Straßen um den Konvent im Madison Square Garden kontrollieren. Beamte in Zivil mischen sich unter die Anarchisten, und viele Untersuchungsrichter halten sich bereit. Sie können bis zu 1000 Verhaftete pro Tag aburteilen. Da mehrere Protestorganisationen die Demonstrationsverbote anfechten, werden Anwälte und Verwaltungsrichter beschäftigt. Besonders aktiv: der „Nationalrat der arabischen Amerikaner“ und die Aktivisten der „Union gegen Krieg und Rassismus.“ Die größte Protestgruppe heißt „Union für Frieden und Gerechtigkeit“, die über 100 pazifistische, religiöse und soziale Gruppierungen vereint.

Die Republikaner wollen sich über die feindliche Stimmung hinwegsetzen und ihren Präsidenten als Garant von Sicherheit, Wohlstand und Fortschritt feiern. Bush setzt auf seinen angeblichen Erfolg im „Krieg gegen den Terrorismus.“ Er hält sich für besonders geeignet, die Terroristen zu besiegen. Der Nominierungskonvent wird zur Bühne für Bushs engste Freunde und Vertraute, die das Loblied des 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten singen. Die Stars der Republikaner werden für die Wiederwahl ihres Präsidenten werben und versuchen, über den pazifistischen, multikulturellen oder gewerkschaftlichen Protest von Manhattan hinweg die Wähler im Lande zu erreichen. Auf der Rednerliste stehen u.a. der Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, der Ex-Bürgermeister von New York, Ralph Giuliani, der Gouverneur des Staates New York, George Pataki und Vizepräsident Dick Cheney. Auch Laura Bush hat einen Redebeitrag angesagt. Das Motto des Nominierungskonventes heißt „Amerika erfüllt sein Verspechen: Wir bauen eine sichere Welt und ein sicheres Amerika“. Senator Zell Miller aus Georgia wird die Hauptrede am 1. September halten. Am 2. September spricht Präsident Bush über „eine sichere Welt und mehr Hoffnung für Amerika.“

Jetzt wird das Pendel wieder in Richtung Bush schwingen. Nach Abschluss des New Yorker Nominierungskonventes beginnt die letzte und heißeste Phase des Wahlkampfes. Senator Kerry steht der Endspurt bevor. Er kämpft seit einem Jahr um Nominierung und Wahlsieg. Amtsinhaber Bush hat es leichter: Er konnte bis jetzt regieren und steht erst seit Juli / August aktiv im Wahlkampf. Er genießt die Vorteile des Amtsinhabers – die absolute Medienaufmerksamkeit, Auftritte vor Soldaten und imposante Fototermine vor der Präsidentenmaschine „Air Force One.“ Doch in New York wird ihm dies wenig nützen. Er bedauert, seine Republikaner nicht zuhause in Houston, Dallas oder San Antonio begrüßen zu können. Der Mut, in die Höhle des Löwen zu gehen, ist nicht sehr groß: Bush wird sich knapp 18 Stunden in New York aufhalten und dann die Stadt fluchtartig verlassen.