SAUL BELLOW: AMERIKAS GEISTIGER VATER UND CHRONIST
Friederich Mielke
Schriftsteller beschreiben den seelischen Zustand einer Zeit,
einer Nation, eines Milieus. Saul Bellow, Nobelpreisträger
und langjähriger Bürger Chicagos, ist der Prototyp
des amerikanischen Intellektuellen und Schriftstellers. Seine
Romane ermöglichen einen Blick ins Innenleben Amerikas
– in seine seelischen Abgründe und Absurditäten.
Bellows Tod reißt eine Lücke ins geistige und kulturelle
Leben Amerikas, doch sein Werk bleibt als Manifest amerikanischer
Kultur: Bellows Romane sind Bollwerke gegen die Sterilität,
Konformität und Einsamkeit der Großstädte
und Shopping Center. Seine Charaktere ringen um Sinngebung
in einer sterilen Welt.
Bellow ist Amerikas geistiger Vater und Chronist. Seine Personen
sind Amerikaner und zugleich Prototypen der modernen Literatur.
Wer Bellow liest, erlebt das bunte, harte und oft komisch-grausame
Leben der amerikanischen Metropole. Denn hinter den Fassaden
von Supermärkten, Glaspalästen und Wolkenkratzern
leben, lieben und leiden Amerikas Menschen genauso hemmungslos
und tragisch wie in den Groß- und Kleinstädten
Europas. In der Tradition von Balzac und Dostojewski hat Bellow
seiner Zeit und seinem Milieu ein schriftstellerisches Denkmal
gesetzt. Obwohl er keinen modernistischen Stil wagt, wuchert
seine Rhetorik ins Barocke, vermischt sich Realismus mit dem
Symbolisch-Phantastischern.
Bellows Frühwerk „Die Abenteuer des Augie March“
(1953) ist ereignis- und personenreich wie William Thackerays
„Jahrmarkt der Eitelkeit“ oder Thomas Manns „Buddenbrooks“.
Doch Bellow hat seinen eigenen Stil – den Bellow-Stil
als Gemenge aus komischen und tragikomischen Komponenten.
Bellows Protagonisten mischen Umgangssprache, Jiddisch und
Hochsprache zu einem Idiom, das typisch amerikanische genannt
werden kann: Die sozialen, ethnischen und kulturellen Gegensätze
der Immigranten verhindern die vollständige Assimilierung.
Der „typische“ Amerikaner bleibt undefinierbar
und ständig wandelbar.
Während New York als Hochburg amerikanischer Intellektualität
und Kultur gilt, erklärte Bellow Chicago zur geistigen
Heimat Nordamerikas. Chicago wurde für Bellow genauso
wichtig wie London für Charles Dickens und Dublin für
James Joyce. „Ich bin ein Amerikaner aus Chicago“,
beginnt „Augie March“ – „Chicago,
die düstere Stadt.“ In „Humboldts Vermächtnis“
(1975) ist Chicago die Stadt der Wolkenkratzer, Immigranten,
Kriminellen und Intellektuellen. „In heißen Nächten
fühlen die Bewohner von Chicago die Stadt mit Leib und
Seele“, schreibt Bellow in „Humboldts Vermächtnis“.
Die „finstere“ Stadt dampft, die Gerüche
der alten Schlachthöfe dringen durchs Fenster, das Heulen
der Feuerwagen gellt „eingeweidetief“ durch die
Nacht, „in den Slums werden Schwarze zu Brandstiftern,
und Kinderbanden lauern mit Handwaffen und Messern.“
Bellow beschreibt Chicago als Moloch und Alptraum. Und dennoch
liebt sein Held Charlie Citrine die Großstadt am Michigansee.
Citrine fühlt sich wohl in der amerikanischsten der amerikanischen
Metropolen – trotz der Schikanen durch Kriminelle, trotz
Lärm, brutalem Wetter, Hektik, Rassenwahn und exorbitanten
Immobilienpreisen. Für Bellow ist Chicago Hölle
und Himmel zugleich - Mutter, Freund, Schlachthaus und Brutstätte
von Rassismus, Gewalt und gigantomanischer Hysterie. Die Metapher
Chicago wird zum Inbegriff Amerikas – voller Widersprüche
und Ambivalenzen.
Bellows vielschichtiger Charakter ist so bunt und komplex
wie die amerikanische Gesellschaft. Er entzieht sich jeder
Kategorisierung. Er missbilligt das Etikett „jüdischer
Schriftsteller“, das man in Deutschland besonders gern
vergibt. Seine Monolog- und Diskussionsromane thematisieren
die Tragik des Intellektuellen in der amerikanischen Gesellschaft.
So schreibt Manfred Allié: „Bellows Bücher
sind welthaltig, ironisch und sogar selbstironisch. Sie sind
intellektuell und doch emotional, sie können bei aller
Mühe sogar spannend sein.“ Bellows Helden sind
Träumer, Suchende oder vergeistigte Buchmenschen - verrückte
Individualisten, schnelllebige Verkäufer und halbseidene
Exzentriker. Bellow liebt Philosophie, Religion und Literatur.
Seine Helden sind auch die geistigen Don Quijotes Amerikas
- irrende Ritter der Intellektualität in einer materialistischen,
kapitalistischen und kommerzialisierten Konsumwelt.
Der Kontrast zwischen Materialismus und Geistigkeit ist ein
Zentralthema bei Bellow. Die Spannung zwischen Kommerz und
Kultur, vulgärem Konsum und intellektuellem Anspruch
durchdringt seine Literatur. Als Amerikaner hatte Bellow starke
europäische Wurzeln. Er liebte Shakespeare, die russischen
Erzähler des 19. Jahrhunderts, Flaubert, Proust und Henry
James. Als Universitätsdozent, Schriftsteller und Essayist
fühlte er sich der europäischen Erzählkultur
verbunden, zugleich gelang es ihm, eine originelle Stimme
für die amerikanische ethnische und kulturelle Realität
und Identität zu finden. Mit Saul Bellows Stimme spricht
Amerika als Kulturnation.
1976 erhielt Bellow den Literaturnobelpreis – „für
außerordentliche Ideen, blitzende Ironie, extravagante
Komödien und starkes Mitgefühl.“ Er wurde
mit Hemingway und Faulkner verglichen und zur Ikone der amerikanischen
Gegenwartsliteratur. Als sein Roman „Ravelstein“
2000 erschien, war er wieder Chronist amerikanischer Philosophie
und Intellektualität. „Ravelstein“ setzt
sich mit dem Chicagoer Philosophen Allan Bloom auseinander.
Mit Saul Bellow starb ein großer Vertreter der amerikanischen
Hochkultur. Jede Zeile seines Werkes erinnert uns daran, dass
die USA mehr sind als eine Militär- und Wirtschaftsmacht.
Sie sind auch eine Hochburg schöpferischen Genies und
kultureller Originalität.