SCHRÖDER IN WASHINGTON:
AGENDA EINER SCHWIERIGEN PARTNERSCHAFT

Friederich Mielke


Der Bundeskanzler reist wieder nach Washington. Am 27. Juni wird er von George W. Bush zu Arbeitsgespräch und Arbeitsessen empfangen. Das Wort „Arbeit“ ist bezeichnend: Schröder und Bush mussten seit Frühjahr 2001 oft an ihrer Beziehung arbeiten. Schröders erster Besuch bei Bush verlief frostig. Nach dem 11. September war die „uneingeschränkte Solidarität mit den USA“ nur kurzlebig. Ab Herbst 2002 folgte die deutsch-amerikanische Dauerkrise: „Adolf Nazi“, „Deutsche im Erdloch“ und „Deutsche als Libyer“ sind Stichworte der schlimmsten deutsch-amerikanischen Fehde seit knapp 60 Jahren.

Jetzt ist wieder Versöhnung angesagt. Eine gemeinsame deutsch-amerikanische Erklärung hat inzwischen die Beziehung zwischen Washington und Berlin gefeiert. Beim Bush-Besuch in Mainz nannte der US-Präsident den „Gerhard“ einen „Friedenspartner“. Der Kanzler bezeichnete die Irakkrise als „Vergangenheit“ und betonte sein Interesse an einem stabilen, demokratischen Irak. In Mainz versprach Schröder die Ausbildung irakischer Sicherheitskräfte in den arabischen Emiraten, betonte Gemeinsamkeiten in der Iran-Frage und freute sich, dass England, Frankreich und Deutschland bei den Iran-Verhandlungen vom amerikanischen Präsidenten unterstützt werden. Bush sprach höflich von guten Beziehungen mit Deutschland und betonte Kooperation und Konsultationen. „Deutschland ist ein Partner“, sagte Bush freundlich: „Wir haben die gleichen Zielsetzungen. Wir wollen eine freie und friedliche Welt.“

Doch der versöhnliche Geist von Mainz trügt. Deutschlands Stellenwert in Washington ist gesunken. Außenminister Fischers USA-Besuch fand Anfang Juni in den US-Medien nicht statt. Verteidigungsminister Struck hat seinen USA-Besuch abgesagt: Als Donald Rumsfeld den deutschen Kollegen nur 45 Minuten schenken wollte, reagierte der deutsche Verteidigungsminister bockig. Eine Gelegenheit wurde vertan, Rummy Rumsfeld den deutschen Beitrag zur Befriedung von Afghanistan zu präsentieren. Die trotzige Form dieser Krise erinnert an die Kälte, die dereinst den Atlantik zum Einfrieren brachte.

Und jetzt das Arbeitsessen im Weißen Haus für Kanzler Schröder. In der offiziellen Ankündigung des Gipfels steht: „Deutschland ist ein starker Alliierter und Partner der Vereinigten Staaten, der Freiheit und Reformen mit uns voranbringt, Wohlstand und Entwicklung fördert und weltweit Terrorismus und Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bekämpft. Deutschland hat bei der internationalen Hilfsaktion für das afghanische Volk mit Sicherheitskräften, Polizeiarbeit und Wiederaufbaumaßnahmen geholfen.“ Bush sagt, er wolle mit Schröder die weltpolitische Lage besprechen.

Die Agenda des Arbeitsgipfels ist lang: Die Amerikaner wollen die Hälfte ihrer konventionellen Streitkräfte aus Deutschland abziehen; Deutschland arbeitet an der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die mit der NATO koordiniert werden muss; Deutsche und Amerikaner müssen sich über Aufgaben und Funktion der NATO einigen – besonders nach der NATO-Rede des Bundeskanzlers; sie müssen die Bedrohungslage im 21. Jahrhundert koordinieren, die Nahostpolitik abstimmen, deutsche Wiederaufbauhilfe, Schuldenerlasse und Ausbildungsprogramme im Irak diskutieren, die Iran-Diplomatie begutachten, die Bundeswehr in Afghanistan mit dem US-Militär koordinieren, das Waffenembargo für China diskutieren und das deutsche Streben nach einen permanenten Sitz im UN-Sicherheitsrat erörtern. Und zum Schluss steht die große Frage, wie sich die EU gegenüber dem transatlantischen Partner und Rivalen USA verhält. Bush und Schröder haben sich viel zu sagen.

Washington und Berlin sind sich in manchen Punkten einig: Die USA loben das deutsche Engagement in Afghanistan, gute Kommunikation im Kampf gegen den Terrorismus, gemeinsame Aktionen gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und deutsch-amerikanische Maßnahmen gegen die Erderwärmung. Der Teilabzug der US-Streitkräfte aus der Bundesrepublik wird koordiniert. Streitpunkte bleiben die US-Präventivkriegsdoktrin, die amerikanische Missachtung internationaler Verträge, die China-Politik und einige Wirtschaftskonflikte – das US-Haushaltsdefizit, das US-Außenhandelsdefizit und die schwache Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik. Die USA und die BRD sind politisch, militärisch, wirtschaftlich, diplomatisch und kulturell immer Partner – und zugleich Rivalen. Die starke Beziehungsarchitektur des Kalten Krieges ist Geschichte. Heute muss jeder Punkt auf der deutsch-amerikanischen und transatlantischen Tagesordnung einzeln abgehandelt werden. Das ist diplomatische Beziehungsarbeit.

Bush und Schröder sind politisch angeschlagen. Während Schröder seine Visite als Abschiedsbesuch empfinden mag, muss Bush zunehmend mit sinkenden Zustimmungsraten kämpfen. Für Bush ist die Schröder-Visite eine konsequente Fortsetzung der Charme-Offensive gegenüber Deutschland und Europa. Schröder hat die Chance, sich außenpolitisch zu profilieren und – vielleicht - dem Wähler als Bush-Freund zu imponieren. Doch das mag in Deutschland mehr Stimmen kosten als einbringen.

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind im Aufwind. Nichts ist wie früher, doch die Stimmung ist förderlich. Sie reden mit einander, und irgendwie mögen sie sich doch – der Gerhard und der George. Der „G-2-Gipfel“ von Washington bringt zwei Politiker zusammen, deren „Chemie“ nicht stimmt. Clinton mochte Kohl und Schröder. Bush hat den deutschen Sozialdemokraten und Wahltaktiker Schröder nie richtig gemocht. Aber hassen kann er ihn jetzt auch nicht mehr. Schröder ist „on the way out“ – unterwegs Richtung Ausgang.