DIE AUßENPOLITIK DER BUSH-II-REGIERUNG WIRD NICHT NACHGIEBIGER

Friederich Mielke

Wird die US-Außenpolitik unter Bush II konzilianter? Wird die zweite Bush-Regierung die militanten Alleingänge der USA aufgeben? Und kann die transatlantische Beziehung gekittet werden? Diese Fragen wurden in den vergangenen Wochen an der Bucerius Law School in Hamburg diskutiert. Drei hochkarätige „transatlantische Vorlesungen“ von Experten aus Washington haben die außen- und sicherheitspolitischen Gegensätze zwischen den USA und Europa beschrieben und bewertet. Fazit: Der europäisch-amerikanische Konflikt schwelt weiter, alte und neue Krisen werden die transatlantische Beziehung belasten: Irak, Iran, Afghanistan, Terrorismus, Nordkorea, Sudan, Russland, China und das Palästinaproblem verlangen die volle Aufmerksamkeit der USA und der Europäer. Doch der Dissens ist vorprogrammiert. In vielen Fragen sind sich die USA und Europa nicht einig.

Gary Schmitt vom „Project for the New American Century“ ist pessimistisch: „Europäer und Amerikaner streiten sich über den Irak, den Iran, Südostasien, den Nahen Osten und Zentralamerika.“ Dennoch hätten Europäer und Amerikaner die gleichen außen- und sicherheitspolitischen Interessen: Terrorismus, die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und der Umgang mit Schurkenstaaten seien auch in Europa wichtige Themen. Die NATO, so Schmitt, hätte im Kalten Krieg hervorragend funktioniert. Die totgesagte NATO hätte auch heute eine wichtige Rolle: Europäische und US-Interessen könnten abgestimmt und koordiniert werden. Wegen der leidvollen Erfahrung im Kosovo-Krieg hätte die Bush-Regierung auf eine aktivere Rolle der NATO in Afghanistan und im Irak verzichtet. Jetzt wolle die Bush-II-Regierung die NATO neu beleben, um als „guter Partner“ die außenpolitischen Aufgaben der nächsten vier Jahre gemeinsam anzupacken.

Das ist die gute Nachricht. Der Direktor der neokonservativen Denkfabrik in Washington hatte aber auch eine schlechte Nachricht: Laut Gary Schmitt will die Bush-II-Regierung ihre außenpolitischen Ziele jetzt konsequent umsetzen. Außenminister Colin Powell hätte bisher die Verwirklichung der Bush-Ziele eher gehemmt als gefördert. Mit Dr. Rice als Außenministerin werde die Agenda der Bush-Regierung abgearbeitet – Krieg gegen den Terrorismus, Eindämmung und Vernichtung von Massenvernichtungswaffen, Sieg über die „Achse des Bösen“ (Irak, Iran, Nordkorea) einschließlich von Präventivkriegen gegen „Terrorstaaten“, die ihre Nuklearprogramme nicht aufgeben wollen. „Die Präventivkriegsstrategie wurde 2002 nicht geschrieben, um im Schubfach zu liegen“, sagt Gary Schmitt und schockt seine Zuhörer mit der Meinung, die Bush-Regierung werde den Iran derart stark unter Druck setzen, dass ein Präventivkrieg gegen Teheran im Jahr 2005 wahrscheinlich sein könnte.

Bei der Iranfrage ist der Streit mit Europa abzusehen. „Der Iran hat ein geheimes Atomwaffenprogramm“, sagt Gary Schmitt. „Das Land bedroht Israel und strebt nach einer regionalen Hegemonie.“ Es bliebe nicht viel Zeit. „Das haben wir schon einmal gehört“, sagt ein Student und wirft der US-Regierung Unaufrichtigkeit vor. Gary Schmitt verteidigt Washington: Alle Geheimdienste hätten erklärt, Saddam Hussein würde Massenvernichtungswaffen besitzen. Man sei gutgläubig in den Irak gezogen. Jetzt ginge vom Iran eine weitaus größere Bedrohung aus.

Als „neokonservativer“ Denker erwartet Schmitt die Fortsetzung der unilateralen und expansiven Außenpolitik der USA. Die Bush-II-Regierung wird die Streitkräfte aufstocken, die US-Geheimdienste modernisieren, die Öffentlichkeitsarbeit der außenpolitischen Institutionen verbessern, die Entwicklungshilfe breiter streuen und die Allianzen stärken: „Die USA haben globale Interessen. Sie sind die einzige Supermacht. Europa ist wirtschaftlich zwar auch stark, doch Europa hat keine globalen Interessen.“

Während Schmitt dem rechten Flügel im politischen Washington zuzurechnen ist, kommt Steven Clemons aus der Mitte. Seine Denkfabrik heißt „New American Foundation“ und analysiert die Weltpolitik ohne starke ideologische Bindungen. Clemons wirft der Bush-Regierung vor, den Haushalt verschuldet und Ostasien vernachlässigt zu haben. Die amerikanische Suche nach unbegrenzter Macht würde eine Gegenreaktion in Asien und im Nahen Osten hervorrufen.

Clemons ist besorgt: Die USA ist das größte Schuldnerland der Welt, ein maßloser Konsumrausch würde das Land weiter verschulden, und die Abhängigkeit von chinesischen und japanischen Banken könnte zum Problem werden. „Die Wirtschaftspolitik der Bush-Regierung ist zweitrangig“, beklagt Clemons. „Das Außenhandels- und Leistungsbilanzdefizit sind gefährlich. Wenn Amerika so weitermacht, wird es bald ein verarmtes Imperium sein.“ In der Irak- und Iranfrage sieht Clemens keine Chancen für eine gemeinsame amerikanisch-europäische Außenpolitik. „Es gibt zu viele Widersprüche in der transatlantischen Beziehung“, bedauert der Gast aus Washington. Der strategische Konflikt zwischen den USA und der EU ließe sich kaum vermeiden. Die These des Washingtoner Politik-Professors Kupchan von der „europäischen Herausforderung“ sei richtig.

Daniel Hamilton sieht die europäisch-amerikanische Beziehung optimistischer. Hamilton ist Richard von Weizsäcker Professor an der Johns Hopkins University in Washington. Er kommt mit einer links-liberalen politschen Orientierung an die Law School und meint, Europa müsse die USA in einen „strategischen Dialog“ einbinden. „Präsident Bush will amerikanische Alleingänge durch einen erfolgreichen Multilateralismus verhindern. Die globalen Probleme erfordern europäisch-amerikanische Kooperation“, meint Hamilton. Diese Stimme der Vernunft wurde an der Hamburger Law School gern gehört, wo der transatlantische Dialog drei Wochen lang Studenten, Dozenten und Gäste inspirierte.