DIE TRANSATLANTISCHE BEZIEHUNG KANN GERETTET WERDEN
Friederich Mielke
Die transatlantische Beziehung leidet. Ärger wegen der
Bush-Politik, anti-amerikanische Stimmung in Deutschland,
Irakkrieg, Folterskandal, Hyperpower-Arroganz und der militante
Unilateralismus der Supermacht haben die Beziehung vergiftet
und den transatlantischen Ton verschärft. Die USA werden
zunehmend als rücksichtslose Übermacht gesehen,
als Grobian und kulturloses Land. Michael Moore wütet
nicht nur politisch. Seine Attacken gegen die „dummen
weißen Männer“ verhärten Vorurteile
gegen die USA als ein kulturloses Land. Kritik an der US-Außenpolitik
sei kein Anti-Amerikanismus, verteidigen sich die Anti-Amerikaner.
US-Negativbilder geistern zunehmend durchs Land. Selbst John
F. Kerry, der Bush-Herausforderer, wird nicht geschont: In
deutschen Medien verbreitet sich eine verquaste Kritik an
einem Politiker, der alles in den Wahlkampf wirft, um George
W. Bush zu entmachten. Anstatt fasziniert zu konstatieren,
dass dieser Mann Mut, Weitsicht und Kalkül hat, George
W. Bush zu verjagen, lesen die Urlauber an Schleswig-Holsteins
Stränden in einem Wochenmagazin, dass Kerry sich „verkauft“
und „vermarktet“. Nein, es ist den Deutschen nichts
Recht zu machen. Die Masche, dass nur negative Texte vom Leser
positiv aufgenommen werden, hat sich hierzulande verhärtet.
John F. Kerry ist das neuste Opfer dieser negativen Manipulation.
Die Amerikaner kennen dieses Jahr kein „Sommerloch“.
Der Wahlkampf tobt täglich. Zu viel steht auf dem Spiel.
Fest steht, dass sich die transatlantische Beziehung verändert,
sollte John F. Kerry gewählt werden. Zu oft hat Kerry
in Reden, Büchern, Interviews und Statements gesagt,
er werden die USA in die Weltgemeinschaft zurückführen.
Für Kerry sind die USA „Primus inter pares“
– kein Rüpel, kein Grobian, der sich über
internationale Organisationen, Allianzen und historisch gewachsene
Freundschaften hinwegsetzt. Kerry meint es ernst. Die neunmalkluge
Behauptung, alles bliebe nach einem Wahlsieg von John F. Kerry
beim Alten, entspringt einem zynischen Geist. Selbstverständlich
wird Kerry der Führer der militärisch, politisch,
technologisch und wirtschaftlich stärksten Nation der
Welt. Aber sein Geist ist international, multilateral und
kollegial. Von der Arroganz der Macht eines George W. Bush
ist bei ihm wenig zu erkennen.
Der Machtpolitiker Zbigniew Brzezinsik hat jetzt ein Buch
veröffentlicht, das die transatlantische Gemeinschaft
aufwertet. „The Choice: Global Domination or Global
Leadership“ ist gerade erschienen – „Die
Wahl zwischen Weltbeherrschung und Führung der Welt.“
Brzezinski, US-Sicherheitsberater unter Jimmy Carter, gehört
zur alten Garde der Hegemonialstrategen. Er sieht die USA
als Weltmacht Nummer Eins. Sein geopolitischer Entwurf hat
Ende der 90er Jahre die transatlantische Debatte beherrscht.
Der geostrategische Griff nach der Weltmacht – über
Eurasien, die „Gürtelstaaten“, das Kaspische
Becken – wurde als Bedrohung für Russland, China
und zum Teil Europa interpretiert. Jetzt meldet sich Brzezinski
mit einer neuen Variante der US-Geopolitik zu Wort: Die USA
und Europa sollten global zusammenarbeiten, um gemeinsam den
Zustand der Welt zu verbessern. „Europa kann ohne Amerika
nicht sicher sein“, schreibt Brzezinski. „Europa
kann sich nicht gegen Amerika vereinen. Die vieldiskutierte
autonome europäische politisch-militärische Rolle
wird noch lange klein bleiben, weil die Europäer nicht
gewillt sind, den Preis dafür zu bezahlen. Und Amerika
muss der Versuchung widerstehen, seinen wichtigsten strategischen
Partner aufzuspalten. Es gibt kein ‚altes’ oder
‚neues’ Europa. Die fortschreitende Vereinigung
Europas bedroht die USA nicht. Im Gegenteil: Sie kann Amerika
nur nützen, weil das Gewicht der atlantischen Gemeinschaft
vergrößert wird. Eine Politik des ‚divide
et impera’ wäre kurzsichtig und kontraproduktiv.“
Brzezinskis Buch erscheint auf dem Höhepunkt der transatlantischen
Krise. Sein Appell an die US-Regierung stimmt mit John F.
Kerrys Forderung nach transatlantischer Versöhnung überein.
Das demographisch jüngere, dynamische und politisch vereinte
Amerika ließe sich mit dem politisch und militärisch
diversifizierten Europa nicht vergleichen. Die Europäer
sind zwar auf dem Wege der Vereinigung, doch sie sind noch
lange nicht vereint. Dennoch gibt es auf beiden Seiten des
Atlantiks Werte und Vorteile, die die andere Seite braucht.
„Europa kann die US-Militärmacht stärken,
während die vereinten wirtschaftlichen Ressourcen der
Vereinigten Staaten und der EU die transatlantische Gemeinschaft
allmächtig machen würde.“ Europäer und
Amerikaner sollten zusammenarbeiten, wenn gemeinsames Handeln
erforderlich ist.
Die amerikanische Vorherrschaft bedeutet nicht, dass sich
Europa automatisch unterordnen sollte. Beide Seiten sollten
den Geist des Kompromisses stärken, gemeinsame strategische
Perspektiven entwickeln und zusätzliche atlantische Mechanismen
für einen Weltplan entwickeln. Dahinter, so Brzezinski,
steht das Modell des „Westens als Ganzes.“ Der
Westen brauche eine gemeinsame Vision. Eine trans-eurasische
multilaterale Sicherheitsstruktur könnte neue Dimensionen
der globalen Sicherheitspolitik erschließen. Es ginge
um kollektive Antworten auf regionale Herausforderungen: Nur
eine kooperative amerikanische Hegemonie werde die Verbreitung
von Massenvernichtungswaffen verhindern. Das ist Kerrys Politik.
Der Altstratege Brzezinski unterstreicht die Chance der Vereinigten
Staaten, die transatlantische Beziehung zu retten und den
Weg zu Kooperation, Kompromiss und multilateralem Handeln
wieder zu finden. John F. Kerry nährt diese Chance. Sein
Wahlsieg könnte Brzezinskis Vision in die Tat umsetzen.