NEUER UN-BOTSCHAFTER ÜBERRASCHT WASHINGTON UND DIE WELT

Friederich Mielke


Eine Meldung aus Washington überrascht die Weltgemeinde: John Bolton wird Botschafter der Vereinigten Staaten bei der UNO. Außenministerin Rice lobt Boltons „Erfahrung mit effektivem Multilateralismus“ und dessen Erfolg beim Kampf gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. „John Bolton engagiert sich persönlich für den Erfolg der Vereinten Nationen“, sagt Condoleezza Rice. „Er wird sich auch in den Vereinigten Staaten für die UNO einsetzen.“ Die Außenministerin zitiert Kofi Annan: Amerikanische Unterstützung für die UNO sei besonders wichtig. Insofern sei Bolton, so Rice, der richtige Vertreter der USA bei den Vereinten Nationen.

Warum überrascht Boltons Ernennung Washington und die Welt? Weil Bolton nicht als Freund der Vereinten Nationen bekannt ist. Im Gegenteil: John Bolton gilt als Unilateralist, als Kritiker der Weltgemeinschaft, als scharfer Ideologe und Feind der UNO. Besonders berüchtigt ist seine Bemerkung im Jahre 1994: „Das UNO-Generalsekretariat in New York hat 38 Stockwerke. Sollten 10 Stockwerke verloren gehen, wäre dies völlig egal.“ Senator John Kerrysagt über Bolton: „Dies ist die rätselhafteste Ernennung, die der Präsident für die UN-Botschaft machen konnte. Diese Ernennung schleppt Gepäck mit sich herum, das wir uns nicht leisten können.“ John Kerry möchte wissen, warum Bush einen Mann ernennt, der sich offen gegen die Zusammenarbeit mit den Alliierten ausgesprochen hat. Und der ehemalige US-Botschafter in Saudi-Arabien, Chas Freeman, meint lakonisch: „Die Nominierung von Bolton für die UNO entspricht dem Abwurf einer Neutronenbombe auf diese Organisation.“

Boltons extreme außenpolitische Positionen sind berühmt. Er hat sich für die diplomatische Anerkennung von Taiwan ausgesprochen, die Bezahlung der amerikanischen UN-Beiträge kritisiert, die friedenserhaltenden Missionen der UNO abgelehnt und Iran und Nordkorea rhetorisch scharf angegriffen. Berüchtigt ist seine Polemik gegen den Nordkoreaner Kim Jon Il, den er einen „tyrannischen Diktator“ genannt hat. Sein Land sei ein „höllischer Alptraum“. Die nordkoreanische Regierung hat Bolton daraufhin als „menschlichen Abschaum“ und „Blutsauger“ beschimpft. Bolton gilt als Gegner des Internationalen Strafgerichtshofes, den er für das Produkt eines „naiven und gefährlichen romantischen Geistes“ hält. Bolton hat versucht, eine dritte Amtszeit für Mohammed El Baradei, den Generaldirektor der internationalen Atomenergiebehörde, zu verhindern. Und er beklagt sich gern über europäische Alliierte, die sich um eine diplomatische Lösung des iranischen Nuklearprogramms bemühen.

John Bolton gehört zum Kern der so genannten „Neokonservativen“ in Washington. Er sieht die Staaten im ständigen Machtkampf. Multilaterale Verträge würden den starken Staat dabei bürokratisch schwächen. Vor seiner Ernennung zum Staatssekretär für Rüstungskontrolle im Jahr 2001 galt er als „enfant terrible“ der diplomatischen Szene. Seine Kritik an der UNO als angeblich aufgeblähte, unfähige und schlecht verwaltete Organisation war berüchtigt. Der damalige Vorsitzende des außenpolitischen Senatsausschusses, Jesse Helms, hatte Bolton einen „brillanten Redner und Autor“ genannt und dessen Bestätigung im Senat unterstützt. Die Mehrheit war knapp: 10 – 8 im auswärtigen Ausschuss und 57 – 43 im Plenum. Auch heute regt sich Widerstand im Senat. Neben John Kerry hat sich Senator Christopher Dodd gemeldet: Boltons Ablehnung der UNO werde ihn daran hindern, seine Pflichten als Botschafter zu erfüllen, meint Dodd.

John Bolton ist sich dieser Probleme nicht bewusst: „Meine Arbeit für die US-Regierung beweist meine Unterstützung für effektive multilaterale Diplomatie“, sagte er bei seiner Nominierung am 7. März. „Enge Zusammenarbeit mit anderen ist wichtig. Wir sind uns einig, dass es viele Herausforderungen für die Vereinigten Staaten gibt. Die Sicherheit unseres Landes und aller freiheitsliebenden Völker muss beschützt werden. Durch die Vereinten Nationen wird es uns ermöglicht, unsere Politik zielbewusst voran zu bringen.“ Bolton räumte ein, kritisch über die UNO geschrieben zu haben. Die amerikanische Führungsrolle in der UNO sei dabei immer betont worden.

Beobachter der Bush-II-Außenpolitik sind überrascht: Ist die Europareise bereits vergessen? Waren die Beschwörungen einer neuen multilateralen Außenpolitik nur Lippenbekenntnisse? Zeigt die Bush-II-Regierung ihr wahres Gesicht? Bolton sei eine katastrophal schlechte Besetzung, meint David Corn, der linksliberale Chefredakteur der Wochenzeitschrift „The Nation“. Konservative Kreise hingegen loben Bushs Urteilsfähigkeit. Unter Bolton könne man die überfällige Reform der UNO durchsetzen. Bolton sei ein erfahrener und harter Verhandlungsführer. Er könne die Interessen der Vereinigten Staaten bestens vertreten.

Die Ernennung Boltons geschieht just zum Zeitpunkt, als China Taiwan mit Krieg droht. Sollte es zu „größeren Zwischenfällen“ zwischen China und Taiwan kommen, erwägt China einen Militärschlag. Die Volksrepublik werde alles tun, um eine friedliche Wiedervereinigung nach dem Grundsatz „ein Land, zwei Systeme“ zu erreichen. Der Ein-China-Grundsatz müsse jedoch befolgt werden. Taiwan lehnt diesen Grundsatz ab. John Bolton hat Taiwan bisher darin unterstützt. Als Botschafter der Vereinten Nationen sitzt Bolton im UN-Sicherheitsrat und redet mit der Volksrepublik. Zwar bestimmt er nicht die Richtlinien der US-Chinapolitik, aber seine bisherige Haltung entschärft die Lage nicht. Die Ernennung von John Bolton lässt keine Umkehr zum Multilateralismus erkennen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Bush-II-Regierung ernsthaft gewandelt hat.