DER US-WAHLKAMPF WIRD IMMER SCHMUTZIGER UND AGGRESSIVER

Friederich Mielke

Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Bush und Kerry wird immer spannender. Bush führt beim Thema Terrorismus und militärische Stärke, Kerry liegt vorn in der Außen- und Wirtschaftspolitik und bei fast allen innenpolitischen Themen. Da die Nachrichten aus der Wirtschaft ungünstig sind – weniger Wachstum, weniger Arbeitsplätze – greift Kerry in der Wirtschaftspolitik an. Die gewaltigen Steuererleichterungen für die Reichen, so Kerry, hätten dem kleinen Mann keine Arbeitsplätze geschenkt. Das Haushaltsdefizit würde die Sozialprogramme vernichten, die Kosten für Krankenversicherung, College-Ausbildung und Benzin würden das Einkommen der Mittelschicht dezimieren, der kleine Mann werde von der Bush-Regierung verraten und verkauft. Die Republikaner stehen unter Druck: Sollte der Benzinpreis weiter steigen, noch mehr Arbeitsplätze verloren gehen und das Wachstum weiter sinken, wird das Thema Wirtschaft von den Demokraten besetzt. Dann heißt es wieder „Die Wirtschaft, Du Simpel!“, und die Republikaner hätten das Nachsehen.

Beim republikanischen Nominierungskonvent in New York wird sich Bush Ende August als Kriegsheld feiern lassen. Im Madison Square Garden wird sich Bush nahe „Ground Zero“ als Präsident darstellen, der die USA sichererer gemacht hat. Der Irakkrieg sei erforderlich gewesen, Amerika hätte das Recht, militärisch präventiv gegen tödliche Bedrohungen zu handeln. Die New Yorker sind zwar mehrheitlich Demokraten, doch der kleinste Zweifel an der richtigen Führung im Krieg gegen den Terror lässt sie wanken. Der Gedanke an vergiftetes Trinkwasser, biologische Kampfstoffe oder einen Atomwaffenangriff versetzt viele in Angst und Schrecken.

Kerry wirft Bush vor, den Krieg gegen den Terrorismus falsch zu führen. Anstatt die Weiterverbreitung von Atomwaffen zu verhindern, werden Geld, Soldaten, Kraft und Goodwill im Irak-Krieg verschwendet. In der „New York Times“ warnt der Kolumnist Nicholas Kristof vor der realen Möglichkeit, Terroristen könnten in den Besitz von Nuklearwaffen geraten. Die Wahlkampfrhetorik bleibt jedoch trivial: Bush-Cheney werfen Kerry beim Irak-Thema Inkonsequenz vor und verdrehen Kerrys Äußerung über den Krieg gegen den Terror. „Ich kann den Krieg gegen den Terror strategisch besser und vernünftiger führen“, sagte Kerry zu Journalisten. Sogleich polemisierte Vizepräsident Cheney gegen das Wort „Vernunft“: Amerika hätte viele Kriege geführt, aber keiner wäre durch Vernunft gewonnen worden. Mit Vernunft könnte man die islamistischen Henker nicht besiegen. „Die politischen Gegner können nur negativ argumentieren“, antwortete Kerry, „sie haben keine Vision für Amerikas Zukunft.“

Die Kerry-Kampagne erhielt Schützenhilfe von zehn hochrangigen Militärs: „George Bush und Dick Cheney haben den Wahlkampf in die Gosse gezogen“, ließen sie verlautbaren. „Diese persönlichen Angriffe sollten aufhören!“ Auch General Wesley Clark kritisierte Cheney: „Heute hat der Vizepräsident ein billiges Argument gebracht. Ein derart niedriges Niveau entwürdigt das Amt des Vizepräsidenten“, sagte der General. Und der Ex-Navy-Pilot Senator Harkin nannte Cheney einen Feigling: „Diese Kritik an Kerry macht mich wütend“, erboste sich Harkin. „Dick Cheney war ein Feigling. Er hat nicht im Vietnamkrieg gedient. Die Republikaner werden nervös, weil John Kerry in Vietnam gekämpft hat und sie sich gedrückt haben.“

Richtig schmutzig wurde der Wahlkampf, als John O’Neill und Jerry Corsi ein Anti-Kerry-Buch auf den Markt warfen und behaupteten, Kerry hätte seine Kriegsmedaillen zu Unrecht erhalten. Kerry hätte keinen Vietcong sondern einen fliehenden Teenager erschossen. Die Kerry-Kampagne nannte Corsis Äußerung „abscheulich“ und forderte Bush auf, den Hetzer zu tadeln. Die Bush-Leute wiederum fanden es „schändlich“, dass sie mit dem Anti-Kerry-Buch in Verbindung gebracht werden. Die Bush-Kampagne hätte niemals Zweifel an Kerrys Leistung im Vietnamkrieg geäußert.

Das Buch „Unfit for Command“ (Als Kommandeur ungeeignet) vergiftet den Wahlkampf und reißt die Wunden des Vietnamkrieges auf. Es will das Image von John Kerry als Kriegshelden ruinieren. Republikanische Kommentatoren und Agitatoren loben den Versuch, „die Wahrheit“ über Kerrys Vietnamzeit zu berichten. „Der wahre John Kerry hat in Vietnam falsche Einsatzberichte geschrieben, unverdiente Medaillen beantragt und sich vor Kampfeinsätze gedrückt.“ Wichtigster Angriffspunkt: Kerrys Behauptung, sein Patrouillenboot in das damals neutrale Kambodscha gelenkt zu haben, sei falsch. Der Republikanische Medienagitator Rush Limbaugh erzählt über 20 Millionen Radiohörern, Kerrys Biografie als Kriegsheld sei fabriziert und beschönigt.

Eine Schmutzkampagne gegen Kerry war zu erwarten. Bush senior hat 1988 den Demokratischen Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis mit der Behauptung vernichtet, er hätte toleriert, dass Straftäter beim Freigang Frauen vergewaltigen dürften. Die negativen Wahlkampfspots gegen Dukakis kosteten dem Demokraten die Wahl, weil er sich nicht gegen die Schmutzkampagne wehrte. Heute tauchen die „Veteranen für die Wahrheit“ auf, die Kerry seit langem verfolgen. Ihr Problem ist, dass ihre Anschuldigungen sofort von Kerry-treuen Veteranen korrigiert werden. John Kerry hat geschworen, negative Angriffe zu erwidern. Er will nicht passiv zusehen, wie der politische Gegner ihn diskriminiert. Jetzt muss sich Kerry entscheiden, ob er die Anwürfe ignoriert oder sich vehement zur Wehr setzt. Bisher haben die seriösen Zeitungen Amerikas das Thema nicht aufgegriffen. Mit etwas Glück könnte Kerry eine Schlammschlacht erspart bleiben.