US-AUßENMINISTERIN RICE GERÄT INS KREUZFEUER DER KRITIK

Friederich Mielke

US-Außenministerin Condoleezza Rice ist vom Erfolg verwöhnt. Als Universitätspräsidentin, Sicherheitsberaterin und Außenministerin gilt sie als Polit-Star. Doch nun scheint ihr Stern zu sinken: Immer mehr Politiker, Journalisten und Beobachter äußern heftige Kritik an ihrer Amtsführung. Seit dem Rückzug von Verteidigungsminister Rumsfeld gilt sie zunehmend als Sündenbock für die Fehler der Bush-Regierung. „Condi“ Rice ist auf dem besten Wege, als gescheiterte Politikerin in die US-Geschichte einzugehen.

„Ihre Irakpolitik ist ein tragischer Fehler“, warf Senator Joe Biden jüngst der Außenministerin vor. „Dies ist die gefährlichste außenpolitische Katastrophe seit Vietnam“, meint der Republikanische Senator Chuck Hagel. „Ihre Politik ist unglaublich schlecht“, sagt John Kerry, der 2005 gegen die Nominierung von Condoleezza Rice gestimmt hat. Für Kerry ist Rice ein rotes Tuch. Er nutzt jede Gelegenheit, der Außenministerin Inkompetenz und Fehlgriffe vorzuwerfen.

Als Sicherheitsberaterin konnte sich Rice hinter Rumsfeld und Colin Powell verstecken, als Außenministerin steht sie allein in der Verantwortung. Da Öffentlichkeit, Medien und Opposition die Bush-Regierung zunehmend abstrafen, steht sie im Zentrum der Kritik. „Sie müssen mehr Erfolge vorweisen“, kritisierte der Republikanische Senator Voinovich aus Ohio und kündigte der Bush-Regierung seine Unterstützung. Das Heer der pensionierten amerikanischen Top-Diplomaten stimmt zu: Henry Kissinger, Madeleine Albright und Zbigniew Brzezinski gehören zu den schärfsten Kritikern der Außenministerin.

Die Medien sind inzwischen besonders kritisch. Das Nachrichtenmagazin „Time“ schreibt, Dr. Rice trage die Mitverantwortung für die angeschlagene Außenpolitik der Bush-Regierung: Ihre Erfolge als Außenministerin seien mäßig, urteilt das Blatt. Rice habe Bush die Irak-Kommission empfohlen aber nicht verhindert, dass der Präsident seine eigenen Wege geht: Als Chefdiplomatin werde sie daran gemessen, ob die USA ihre Konflikte ohne das Militär lösen können. Doch Rice habe sich nicht von den Falken in der Regierung getrennt. Auch habe sie Managementfehler im Außenministerium zu verantworten: Der Stellvertreterposten war allzu lang vakant, und es mangele an Transparenz.

„Condoleezza Rice ist ein untergehender Stern“, schreibt das britische Magazin „Economist“. Sie müsse die schlimmsten Fehler der Bush-Regierung mittragen: die mutmaßlichen Massenvernichtungswaffen im Irak, das angebliche irakische Uranprogramm in Niger, die Warnungen vor den Anschlägen des 11. September. Mrs. Rice verbringe viel Zeit mit dem Präsidenten, sein Denken und Handeln seien stark von ihr beeinflusst. Sie hätte Bush vor den Konsequenzen der Irakinvasion warnen müssen. Und niemand kann ihr verzeihen, dass sie Saddam Hussein einen Atombombenangriff auf die USA unterstellte. Unter der Führung von Dr. Rice sei der Iran gestärkt, der Irak geschwächt, die Hisbollah gewachsen und der Nahe Osten im Chaos versunken. Sie wollte dem Präsidenten schmeicheln, resümiert das britische Magazin: „Als Schützling der Bush-Familie hat sie eine hübsche Karriere gemacht. Dies ist aber keine gute Voraussetzung, eine erfolgreiche Außenministerin zu werden.“

Bisher galt Dr. Rice als Liebling der Klatschkolumnisten. Das Magazin „Vogue“ lobte ihre elegante Garderobe, und viele Websites fordern ihre Präsidentschaftskandidatur. Seitdem Rumsfeld nicht mehr der Prügelknabe der Nation ist, meint Kenneth Pollack von der Brookings Denkfabrik, werde Condi Rice viel kritischer beurteilt. So hat Präsident Carters Sicherheitsberater Brzezinski Rice vorgeworfen, sich allzu passiv zu verhalten. Kissinger fordert das Gespräch mit Syrien und Iran, und Bush-Vaters Sicherheitsberater Scowcroft nennt die geplanten Truppenaufstockungen im Irak „eine Taktik, aber keine Strategie“.

Rice wird nicht so scharf und hämisch angegriffen wie Rumsfeld. Sie verhält sich diplomatischer gegenüber Kollegen und Journalisten. Condi Rice gilt als angenehme Persönlichkeit, die mit Kritik leben kann. Getroffen fühlte sie sich, als ihr Senatorin Boxer vorwarf, als Single kein Verständnis für die Sorgen amerikanischer Mütter um ihre Söhne im Irak zu haben. Sie fühlte sich auch verletzt, als der Journalist Bob Woodward in seinem neusten Buch schrieb, Bush-Vater habe Rice „eine Enttäuschung“ genannt. In Washington wird gemunkelt, sie wolle sich nach Ablauf ihrer Amtszeit ins Privatleben zurückziehen. Bis dahin wird sie noch viel Kritik ertragen müssen: Das Chaos, das sie im Nahen Osten angerichtet hat, ist noch lange nicht beseitigt.