IM IRAK FÜHREN AMERIKANER EINEN ABNUTZUNGSKRIEG GEGEN
TERRORISTEN
Friederich Mielke
US-Präsident George W. Bush wird offensiv: Am 28. Juni
hat er eine Fernsehansprache gehalten und die politischen
Vorteile der Irak-Invasion beschworen. Demokratie, Verfassung
und politische Stabilität seien auf dem Vormarsch, der
Irak mache „Fortschritte“, die Freiheit müsse
schmerzlich erkämpft werden. Doch die Amerikaner sind
skeptisch: Laut „New York Times“ habe der Krieg
die USA und die Welt nicht sicherer gemacht. Saddam Hussein
und der Irak hätten nichts mit dem 11. September zu tun.
Das schlimmste: Die militärische Führung mache Fehler.
Ein US-General sagte jüngst, die Situation habe sich
verschlechtert, die Angriffe der Aufständischen nähmen
zu.
Die Regierung widerspricht und versucht, die Wahrheit über
den Irak zu vertuschen. Der Republikanische Senator John McCain
beklagt die Geheimnistuerei des Weißen Hauses. „Die
Öffentlichkeit hat ein Recht auf Wahrheit“, donnert
McCain. „Immerhin bezahlen die Amerikaner für diesen
Konflikt.“ Verteidigungsminister Rumsfeld will davon
nichts wissen. Er hält es für möglich, dass
der Krieg mit den Aufständischen noch fünf bis 12
Jahre dauern könne. Man brauche nur Geduld. Der Oberkommandierende
für Afghanistan und Irak, General Abizaid, verbreitet
Optimismus: „Die Vereinigten Staaten werden nicht ins
Meer getrieben. Die Aufständischen haben keine Chance.“
Und Rumsfeld beteuert, die Rebellen hätten keinen charismatischen
Führer, keinen Mao Tse-Tung oder Ho Chi Minh. Der militärische
Fortschritt im Irak sei erstaunlich und „historisch.“
Inzwischen wird der Irakkonflikt in Washington zunehmend
als Abnutzungskrieg gesehen. Der Irak sei ein Magnet für
internationale Terroristen. Gotteskrieger, Selbstmordattentäter,
Saddam-Getreue und Kriminelle kämen aus Afghanistan,
Saudi-Arabien, Iran, Syrien und dem Sudan, um US-Truppen im
Irak zu bekämpfen. US-Militärstrategen sehen darin
eine Chance, den Großteil der verbleibenden Terroristen
zu töten. In Washington glaubt man offensichtlich, es
gäbe eine begrenzte Zahl von Selbstmordattentätern,
die man im Irak vernichten könne. Bei Aktionen vor Falludscha
seien Hunderte von Terroristen getötet worden. Andere
Militäraktionen im Irak dienten dazu, ein Maximum von
Aufständischen zu vernichten. Die Rebellen würden
mit Taliban und Al Kaida unter einer Decke stecken und Anschläge
auf die Sicherheit der USA planen. US-Elitetruppen nutzen
die Chance, „präventiv“ zu kämpfen und
anti-amerikanische Terroristen auszuschalten. .
Die Abnutzungstaktik ist jedoch umstritten. Niemand kennt
die Zahl der aktiven und potentiellen Terroristen. Experten
sprechen von viel „Nachwuchs“. Terrorzellen verhielten
sich wie eine Hydraschlange: Ihr Kopf wächst nach, sobald
sie geköpft wird. Die Terroristen kämen aus vielen
Ländern und seien hoch motiviert. Die Sinnlosigkeit von
Abnutzungskriegen werde durch die Geschichte bewiesen: Im
Ersten Weltkrieg wollten deutsche Generäle die französische
Jungend vor Verdun „ausbluten“. Das grausame Experiment
misslang. Auch in Vietnam war die Abnutzungstaktik erfolglos:
Der „body count“ von 20 toten Vietnamesen auf
einen toten Amerikaner rechnete sich nicht: Am Ende lagen
über 50.000 Amerikaner und eine Million Vietnamesen auf
dem Schlachtfeld; einen „Sieger“ gab es nicht.
Ex-CIA-Chef Paul Pillar hält militärische Optionen
gegen Terroristen für wirkungslos: „Der präventive
Einsatz von Militärgewalt gegen Terroristen ist unklug“,
schreibt Pillar in seinem Buch „Terrorismus und US-Außenpolitik.“
Militäroperationen würden die öffentliche Meinung
gegen die Supermacht USA aufbringen, die Terroristen ließen
sich nicht abschrecken, und andere anti-terroristische Maßnahmen
seien effektiver – der Gebrauch von Diplomatie, Strafverfolgung,
Spionage und ausgetrockneten Konten bei internationalen Banken.
Der US-Abnutzungskrieg gegen Terroristen wird im Irak auf
Kosten unschuldiger Zivilisten ausgetragen. Im „Terrormagnet“
Irak werden viele Kinder, Alte und Unbeteiligte zerfetzt.
Niemand veröffentlicht Zahlen über die zivilen Opfer
der Tötungsaktionen. Man könnte meinen, das US-Militär
sei bei irakischen Zivilisten beliebt: Die Selbstmordattentäter
vernichten die eigenen Mitbürger und disqualifizieren
sich als Iraker und Mitbürger. Denn Terror gegen US-Soldaten
ist auch Terror gegen irakische Zivilisten. Doch diese Logik
überzeugt nicht: Im Irak hört die Gewalt nicht auf,
weil US-Soldaten zurückschlagen, provozieren und töten.
Für fundamentalistische Propagandisten bietet der Irak
eine Chance, die Tötung von Terroristen als Gewalt der
„Besatzungsmacht USA“ darzustellen. Tote Zivilisten
wurden immer für Kriegspropaganda missbraucht. Von US-Soldaten
getötete Zivilisten sind „Opfer im heiligen Krieg.“
Einige amerikanische Experten und Politiker fordern die „Irakisierung“
des Konfliktes. Wenn es den Feind USA im Irak nicht mehr gibt,
könne der inner-irakische Machtkampf ohne den Gegner
USA ausgetragen werden. Dies könne die Motivation der
Selbstmordattentäter schwächen. Viele Araber mögen
die Amerikaner nicht – den US-Präventivkrieg, Besatzungsstatus
und aggressiven Gegenterrorismus. So schreibt der amerikanische
Experte James Dobbins in „Foreign Affairs“: „Der
Irakkrieg kann nicht gewonnen werden. US-Kampagnen gegen Terrorismus
und für Demokratie werden vor Ort mit der Präventivkriegsdoktrin
und ihrer Anwendung in Palästina assoziiert. Der Krieg
gegen den Terror und die Demokratisierungskampagnen werden
die Iraker nicht vereinen.“ Da die Amerikaner den Irakkrieg
als Abnutzungskampagne betreiben, bleiben sie in der arabischen
Welt unbeliebt. Militärische Mittel im Kampf gegen Terroristen
sind fast wirkungslos und ruinieren das Image der „Besatzungsmacht
USA.“