DIE US-IRAKPOLITIK BLEIBT IN AMERIKA UMSTRITTEN
Friederich Mielke
Der Irak kommt nicht zur Ruhe. Laut US-Angaben werden dort
täglich bis 60 Anschläge verübt. Zwei Jahre
nach der US-geführten Invasion bleiben Frieden, Sicherheit
und Stabilität ein fernes Ziel. Am letzten Donnerstag
und Freitag starben 23 Menschen bei Selbstmordanschlägen
und Attentaten. Am Montag waren es sieben Tote. Bagdad, Falludschah,
Mossul und Basra erleben weiter Krieg und Gewalt. Der Irak
steckt im Chaos.
Am zweiten Jahrestag der Irakinvasion kam es in den USA zu
Hunderten von Anti-Kriegsdemonstrationen. Immer mehr Gemeinden
und Gruppen fordern den Abzug der US-Truppen. Die Rekrutierung
stockt. Laut Umfrage von „Washington Post“ und
ABC-Fernsehen glauben nur 45 Prozent der Amerikaner an die
Notwendigkeit des Irakkrieges. Dennoch wollen viele durchhalten:
Stabilität, Sieg über die Terroristen und Sieg der
Demokratie sei eine Frage der Zeit. Senator Ted Kennedy hat
seine Kritik gemäßigt, und selbst die Anti-Kriegs-Seite
„MoveOn.org“ interessiert sich zunehmend für
innenpolitische Themen. Amerika kann den Krieg nicht ignorieren,
schreibt die „New York Times“, aber Amerika könne
von weitem zuschauen, ohne persönliche Opfer zu bringen.
Das Land bleibt polarisiert, doch die Stimmung ist nicht
so erregt wie zur Vietnamzeit. Es gibt keine Massendemonstrationen.
Dennoch ist das Land nicht gleichgültig. Auf vielen Websites
wird gegen den Krieg polemisiert. Paul Vogel, ein Angestellter
aus Chicago, hat 1518 US-Fahnen vor seinem Büro aufgestellt
– eine Fahne pro gefallenem Amerikaner in Irak. „Die
Leute vergessen die menschlichen Kosten des Krieges“,
sagt Vogel. Die Presse beklagt die politischen Kosten der
Irakinvasion: „In Europa ist der Anti-Amerikanismus
stark“, schreibt die „New York Times.“ „Und
In der arabischen Welt ist die anti-amerikanische Stimmung
so groß wie nie.“ Ägypter, Palästinenser
und Saudis dächten nicht an Iraker im Wahllokal. Sie
sähen zunächst die Folterfotos aus Abu Ghraib. Die
Präsenz von US-Truppen im Lande sei besonders bedenklich.
Man müsse über eine Strategie zum Abzug der US-Truppen
nachdenken.
Der Truppenabzug ist umstritten. Die Aufständischen
können erst besiegt und die irakische Regierung sicher
sein, wenn das irakische Volk seine Regierung unterstützt
und die arabischen Nachbarn kooperieren. Die US-Kampagne gegen
Terrorismus und für Demokratie werden vor Ort hinterfragt.
Die meisten Araber erleben die Besetzung des Irak und Palästinas
als Demütigung. James Dobbins, ein Sonderbotschafter
unter Präsident Clinton, schreibt in der renommierten
Zeitschrift „Foreign Affairs“: „Die Vereinigten
Staaten sollten sich militärisch sofort zurückziehen,
sobald die neue irakische Regierung sicher am Ruder ist.“
Auch der renommierte Stratege Edward N. Luttwak empfiehlt
ein „disengagement“. Die muslimischen Geistlichen
hätten seit der Invasion verbreitet, die Amerikaner wollten
im Irak den Islam zerstören und das Öl der Iraker
stehlen. Die Geistlichen hielten die Reden über Demokratie
und Menschenrechte für Heuchelei. Die Mehrheit der Iraker
würde den Geistlichen glauben. Alle Umfragen ergäben,
dass Amerikaner und Alliierte als schlimme Besatzer gehasst
würden. „Die USA vergeuden ihre militärische
Stärke im Irak“, schreibt Luttwak: „Sie verschleudern
ihren diplomatischen Kredit und haben unrealistische Ziele.“
Dennoch sei es unmöglich, das Land einfach zu verlassen.
Bürgerkrieg und Chaos würden folgen. Der Iran oder
die Türkei könnten das Land besetzen, was erneut
zu Widerstand, Gewalt und Repressionen führen würde.
Luttwak votiert trotzdem für einen Abzug. Die Anwesenheit
fremder Truppen würde islamistische, nationalistische
und pan-arabische Kräfte stärken. Eine gesamt-irakische
Identität könne nicht entstehen. Nach einem Truppenabzug
könne den Schiiten die Verantwortung für die Sicherheit
im Lande übergeben werden. Wird die Autorität der
Schiiten konsolidiert, würden sich auch die Nachbarstaaten
friedlich verhalten. Sie hätten kein Interesse an Anarchie
und Chaos. Die Iraner würden ihre anti-amerikanische
Vendetta nur so lange betreiben, wie US-Truppen im Irak stünden.
Anarchie im Irak würde Saudi-Arabien bedrohen, und selbst
Syrien hätte kein Interesse an Chaos im Irak. Ein „disengagement“
würde den Weg zu Frieden und Stabilität öffnen,
da Islamisten, Nationalisten und ausländische Terroristen
keinen Grund mehr hätten, gegen die „christlichen
Kreuzritter“ zu kämpfen. „Disengagement“
und Diplomatie seien trotz aller Gefahren erfolgversprechender
als die Dauerpräsenz des ausländischen Militärs
im Irak.
Die Vorschläge des Strategen Luttwak wurden in Washington
bisher nicht gehört. US-General Abizaid, Chef des amerikanischen
Zentralkommandos im Irak, beklagt den Widerstand durch Aufständische,
Terroristen und ausländische Rebellen. Er macht Syrien
und den Iran für die Unterstützung der „Kriminellen“
im Irak verantwortlich. „2005 haben die Iraker eine
große Chance, sich zu vereinen und Frieden zu schließen.“
General Abizaid meint, die Mehrheit der Iraker sei für
Frieden und Demokratie und gegen einen Gottesstaat oder ein
Taliban-Regime. „Dieses Land gehört den Irakern“,
betont der US-General. „Sie haben eine goldene Gelegenheit,
Frieden und Stabilität zu gewinnen.“ Bei fast 60
Anschlägen täglich, anti-amerikanischer Hetze, wachsender
ausländischer Einmischung und chaotischen und anarchischen
Bedingungen zwei Jahre nach Beginn der Irak-Invasion fällt
es schwer, dem US-General zu glauben. Der Irak braucht Stabilität
und Frieden. Noch mehr braucht er das Gefühl, dass der
Irak den Irakern gehört.