US-RÜCKZUG: STEHT AMERIKA VOR DER AUßENPOLITISCHEN WENDE?

Friederich Mielke

Die amerikanische Außenpolitik verläuft in Zyklen: Auf eine extrovertierte Periode folgt eine introvertierte Phase. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Amerika isolationistisch, nach dem Zweiten Weltkrieg expansiv. Auf Nixons Realpolitik folgte Jimmy Carters Menschenrechtspolitik, nach dem Kalten Krieg kamen Clintons „humanitären Interventionen“.

Heute ist Amerika wieder expansiv: „Im Ausland engagiert sich unser Land für ein historisches Ziel – das Ende der Tyrannei auf unserer Welt“, sagte Präsident Bush im Bericht zur Lage der Nation. „Wir können uns nicht hinter unsere Grenzen zurückziehen. Die Vereinigten Staaten lehnen die falsche Bequemlichkeit der Isolation ab.“ Doch Bush könnte von der Geschichte überholt werden. Immer mehr Stimmen fordern eine außenpolitische Wende – vom Expansionismus zum Isolationismus. Ist die militante Pax Americana am Ende?

Als Salman Rushdie vor 17 Jahren geächtet wurde, galt der islamistische Bannstrahl nur ihm. Im heutigen Karikaturenstreit fordern Islamisten den Tod von Journalisten, Verlegern, Dänen, Juden und Amerikanern. Immer mehr Amerikaner kritisieren das außenpolitische Engagement der USA: Amerika brachte den Irakern die Freiheit, und sie danken es mit Bomben; die Palästinenser erhielten das Wahlrecht, und sie wählten Terroristen; Europäer, Chinesen und Mexikaner sabotieren die USA. Am besten wäre, sich aus der Welt zurückzuziehen und einen Zaun um das schöne Amerika zu bauen. Amerika beschwört den Geist des Isolationismus.

„Der Rückzug bringt keinen Frieden“, sagt Präsident Bush. „Und der Rückzug bringt keine Ehre. Die Vereinigten Staaten werden sich nicht von der Welt zurückziehen, und wir werden uns nie dem Bösen ergeben.“ Doch je lauter der Präsident die alte Politik propagiert, desto stärker wird der Widerstand. Im Oktober 2005 meinten 42 Prozent der Befragten, die Vereinigten Staaten sollten sich „international um eigene Belange kümmern und andere Länder allein lassen.“ Dies ist die größte isolationistische Stimmung seit dem Vietnamdebakel.

Inzwischen sehen Historiker den 11. September nicht als Beginn eines neuen außenpolitischen Zeitalters sondern als Nachklang einer vergangenen Epoche. Der Irak gilt als Wendepunkt. Der Irak könnte den Isolationismus bringen, den Bush bekämpft. Der fatale Irakkrieg bringt das Vietnamsyndrom zurück. Der Vietnamkrieg hatte die US-Außenpolitik nachhaltig geprägt: Auf den friedlichen Jimmy Carter folgte Ronald Reagan, der militärische Interventionen vermied und außenpolitische Abenteuer scheute. Amerika wurde erst im Golfkrieg wieder expansiv – kurz, heftig und mit internationaler Hilfe. Der Golfkrieg belegt die These, dass der Isolationismus der 40er und 80er Jahre nur durch große militärische Provokationen beendet wurde.

Als Amerika 2002 den Irakkrieg debattierte, fühlte sich das Land durch erfolgreiche Interventionen in Bosnien, im Kosovo und in Afghanistan gestärkt. Das Vietnamsyndrom war am Golf und im Kosovo besiegt worden, der Kongress konnte den Irakkrieg vorbehaltlos genehmigen. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet: Immer weniger Sicherheitsexperten unterstützen die Irakinvasion, nur noch 32 Prozent der amerikanischen Wissenschaftler votieren für die Bush-Politik im Irak. Einwanderung und Energiepolitik sind heute die wichtigsten außenpolitischen Themen. Das sind introvertierte Probleme, die keine militante Pax Americana erfordern.

Die isolationistische Forderung kommt aus dem Demokratischen und Republikanischen Lager. Viele Republikaner kritisieren die gewaltigen Kosten des Irakkrieges, die meisten Demokraten halten die Irakintervention für falsch. Nur noch 45 Prozent der Amerikaner unterstützen den Irakkrieg. Was Präsident Bush als isolationistische Bedrohung empfindet, kommt aus dem eigenen politischen Lager. Das Vietnamsyndrom meldet sich zurück.

Der vollständige Rückzug der USA aus der Welt ist eine Illusion. Amerika bleibt eine hegemoniale Weltmacht. Doch die Zeit militanter und unilateraler Interventionen läuft ab. Ein Krieg gegen den Iran fände keine Mehrheit im Kongress. Amerika korrigiert seine Fehler der Jahre 2002-2004. Und Amerika erfährt, dass seine Macht und Kraft nicht grenzenlos sind. Das Land steht vor einer außenpolitischen Wende. Spätestens im Wahljahr 2008 ist die militante und aggressive Bush-Politik Geschichte.