AUS AMERIKANISCHER SICHT WAR 2005 EIN SCHWIERIGES JAHR

Friederich Mielke


Für Amerika war 2005 ein schwieriges Jahr. Naturkatastrophen, Enthüllungsskandale, militärische Krisen, Kulturkämpfe und der „Krieg“ gegen den Terrorismus haben keine glückliche Zeit beschert. Ein Vergleich mit der Lage der Nation vor 10 Jahren ergibt Anzeichen von Dekadenz und Schwächung. 1995 herrschten Frieden, Wohlstand, Wachstum und gute Stimmung. Heute wird das Glück der Nation durch Krieg, Defizite, Kulturkonflikte und Katastrophen getrübt. Für viele Amerikaner war 2005 ein Jahr der Probleme und Sorgen.

Die Naturkatastrophe von New Orleans hat den Süden in einen primitiven Urzustand zurückversetzt. Die Hilflosigkeit und Verwundbarkeit der Menschen passt nicht zum Bild einer modernen, technisch reifen und militärisch hochgerüsteten Zivilisation. Die vernachlässigten Deiche von New Orleans sind ein Symbol für eine überdehnte Supermacht, die sich stark nach außen und schwach nach innen zeigt. Der Hurrikan „Katrina“ hat Amerikas große innenpolitische Probleme offenbart. Was nützt es, die ganze Welt zu gewinnen, nimmt man doch Schaden an seiner Seele – wenn Kriminalität, Hunger, Seuchen, Analphabetismus und Arbeitslosigkeit die stolze Supermacht von innen aushöhlen.

Der teure und verlustreiche Irakkrieg nagt an Amerikas Haushalt, Selbstwertgefühl und Image. Zu Weihnachten erreicht das Land die frohe Kunde, dass das Pentagon bald 7000 Soldaten abziehen will. Der Irakkrieg wird dennoch immer unbeliebter. Bush Junior hatte die Warnungen seines Vaters und dessen Ratgeber in den Wind geschlagen. Sein Irakkrieg hat Amerika in eine finanzielle und geistige Krise gestürzt. Seit über 30 Jahren sind die USA in keine vergleichbar böse Lage geraten. Was als Spaziergang durch die Wüste geplant war, entpuppt sich als verlustreiche und problematische Tollheit. Folterskandale und CIA-Übergriffe verleihen der Nation das Image eines „Reich des Bösen.“ Die muslimische Welt ist besonders empört: „Wir hatten Saddam, jetzt haben wir amerikanische Folterknechte“, klagt ein Iraker und bringt Amerikas Image-Problem im Nahen Osten auf den Punkt. Die zunehmende Demokratisierung des Irak ist zwar ein erfreuliches Nebenprodukt der Invasion, Harmonie zwischen Muslimen und Amerikanern wurde dadurch nicht erreicht.
Die amerikanische Wirtschaft bereitet weniger Sorgen. Wachstum und Konjunktur sind zufrieden stellend. Die gewaltigen Kriegskosten haben jedoch den Haushalt schwer belastet. Die Haushalts- und Außenhandelsdefizite bedrohen die wirtschaftliche Zukunft Amerikas. Enthüllungsskandale über kriminelle Geldwaschungen und die Enttarnung einer CIA-Agentin schwächen das Vertrauen in die Regierung. Wegen der CIA-Affäre droht ein mögliches Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Bush. Der Folterskandal hat Republikaner und Demokraten im Kongress empört. Die Enthüllungen haben auch eine positive Seite: Amerikas rechtsstaatliche und moralische Kräfte verschaffen sich zunehmend Gehör, die Presse wird kritischer, die Regierung gerät in die Defensive. Amerikas Zeitgeist steht vor einer Wende – hin zu mehr Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Moralismus in der Außen- und Innenpolitik.

Die Kulturkämpfe um Todesstrafe, Euthanasie oder die gleichgeschlechtliche Ehe demonstrieren die geistige und moralische Zerrissenheit der Nation. Das Schicksal der Komapatientin Terrie Schiavo hat Amerika bewegt, die Hinrichtung von „Tookie“ Williams erregte die Menschen nicht nur in Kalifornien. Der Widerstand gegen die Todesstrafe und die Diskussion um den Gnadentod zeigen, dass die scharfen Konservativen den Kulturkampf nicht gewonnen haben. Die amerikanische Gesellschaft ist im Umbruch. Der Kampf zwischen Liberalen und Konservativen ist noch nicht beendet.

2005 hat sich positiv auf die transatlantischen Beziehungen ausgewirkt. Der Bush-Besuch in Mainz war ein Erfolg; die deutsche Kanzlerin hat die Chance für einen Neuanfang. Wenn Europäer und Amerikaner wieder mit einander reden, wächst die Chance für transatlantische Schulterschlüsse und Kooperationen. Die euro-atlantische Krise nähert sich ihrem Ende. Europa und Amerika können 2006 ihre Kräfte vereinen und die Probleme des 21. Jahrhunderts zunehmend gemeinsam bewältigen. In Washington und Europa wächst dafür der gute Wille. Der Besuch der deutschen Kanzlerin in Washington wird Anfang Januar zeigen, ob es zur Wiedergeburt der westlichen Solidarität kommt. Die Vernunft gebietet, dass Amerikaner und Europäer am gleichen Strang ziehen. Auch wenn der „große Bruder“ jenseits des Atlantiks eine innen- und außenpolitische Krise durchstehen muss.