AMERIKAS KULTURELLE UND INTELLEKTUELLE ELITE WÄHLT KERRY

Friederich Mielke

Die US- Präsidentschaftswahl 2004 bleibt offen. Mehrheiten sind nicht abzusehen. Die Zustimmungsrate des Amtsinhabers ist gering: Nur 47 Prozent der Befragten meint, Bush hätte das Land gut geführt. 56 Prozent glauben, die USA sei in schlechter Verfassung. Eine bedrohliche Lage für Bush: Weil er zumindest 50 Prozent Zustimmung braucht, ist die Wiederwahl gefährdet.

Alle Welt blickt auf die „Schlachtfelder“ – die Bundesstaaten mit knappen Mehrheiten: Ohio, Florida, Pennsylvania, Wisconsin, Colorado, New Mexico, New Hampshire. Die Fronten haben sich verhärtet, und der Anteil der Unentschiedenen ist mit sechs bis acht Prozent sehr gering. Trotz allem: John Kerry hat weiterhin sehr gute Chancen. Bushs Wiederwahl hängt am seidenen Faden.

Inzwischen hat sich Amerikas kulturelle und intellektuelle Elite hinter John Kerry gestellt. Die Zweiwochenzeitung „New York Review of Books“ hat Sonderseiten mit vernichtender Bush-Kritik gedruckt, und die Intellektuellenzeitschrift „The New Yorker“ mischt sich zum ersten Mal seit 40 Jahren in den Wahlkampf ein und votiert für den Herausforderer. Senator Kerry hat Amerikas gebildete Elite hinter sich.

Das Urteil der Bush-Kritiker ist verheerend: Bush hätte eine zweite Amtszeit nicht verdient, schreibt die „Washington Post.“ Er hätte die Sozialversicherung, Krankenversicherung und wirtschaftspolitischen Probleme vernachlässigt und gute Ratschläge vor der Irakinvasion ignoriert. „Mr. Kerry ist fähig, die Aufgabe viel, viel besser zu bewältigen“, schreibt die „New York Times.“ Kerry würde die Bürgerrechte achten, die Trennung von Kirche und Staat einhalten, den Treibhauseffekt ernst nehmen und eine vernünftige Energiepolitik führen. „Uns bricht das Herz beim Rückblick auf die letzten vier Jahre – wegen der unnötig geopferten Menschenleben und der vielen vergeudeten Chancen.“ Die Jagd auf Saddam Hussein sei Fanatismus und keine Außenpolitik. Die Bush-Regierung wusste, dass Saddam Hussein keine Nuklearwaffen besaß. Das Thema wurde den Amerikanern trotzdem verkauft, und kein Regierungsmitglied sei dafür zur Verantwortung gezogen worden.

„The New Yorker“ greift Bush außergewöhnlich scharf an. Das gewaltige Haushaltsdefizit werde bis 2014 auf 4,5 Billionen Dollar anwachsen, Amerikas Zukunft sei verpfändet, die Umwelt werde zerstört, die Bürgerrechte werden missachtet, und Justizminister Ashcroft sei „geheimnistuerisch und arrogant.“ Die US-Militärmacht hätte sich übernommen, und das „Irakabenteuer“ hätte Amerikas Glaubwürdigkeit stark beschädigt: „Kerry bietet eine klare, vernünftige und seriöse Alternative zur Demagogie und Verschlagenheit von Bush… Als Beobachter, Reporter und Kommentatoren erwarten wir von ihm ein Höchstmaß an Aufrichtigkeit und Leistungsfähigkeit. Und als Bürger hoffen wir auf seinen Sieg.“

Amerikas Intellektuelle lehnen George W. Bush ab. Norman Mailer, Susan Sontag, Gore Vidal oder Paul Krugman haben ihn kritisiert und als gefährlich und dumm-dreist geschmäht. Bush passt nicht in die Kultur der Künstler, Schriftsteller und Geisteswissenschaftler von New York oder San Francisco. Bush steht für Land, Provinz, Heimat und Erdhaftung – Kerry für Geist, Kultur, Weltläufigkeit und Idealismus. Bush und Kerry repräsentieren zwei widersprüchliche Seiten der Großmacht USA. Ihr Kampf um die Macht ist auch ein Kampf um die Vorherrschaft von Geist und Kultur im amerikanischen Staat.

Kurz vor dem 2. November veröffentlicht die „New York Review of Books“ kritische Stimmen über „die Wahl und Amerikas Zukunft.“ Altmeister Norman Mailer nennt Amerika ein „neureiches Imperium“ mit einem Präsidenten, der den Dummköpfen gefällt, weil er beharrlich auf seiner Dummheit besteht und seine Unflexibilität als Stärke verkauft. „George Bushs heroischste Tat war, mit dem Trinken aufzuhören“, schreibt Mailer. „Doch Amerika könnte jetzt den Preis dafür bezahlen. Seine Pietät überdeckt alle Verrücktheiten, die er als trockener Nichttrinker begangen hat.“ Brian Urquhart, vormals stellvertretender Generalsekretär der UNO, kritisiert die unilaterale Ideologie der Bush-Regierung: Die falsche Rechtfertigung des Irakkrieges hätte die Weltmeinung gegen die USA zu einer Zeit aufgebracht, als Solidarität im Kampf gegen den fundamentalistischen Terrorismus erforderlich sei. Der Journalist Russell Baker wirft Bush vor, das Land nach rechts gezogen und den Irakkrieg unüberlegt begonnen zu haben. „Die Vereinfachungen der Bush-Regierung sind gefährlich“ schreibt Baker. Diese Neigung zur „metaphysischen Simplizität“ sei uramerikanisch, meint der Publizist Mark Danner. Niemand könne dagegen sein, wenn Bush gegen „das Böse“ zu Felde zieht. Sollte John Kerry das Weiße Haus erringen, werde er zwischen dem „metaphysischen Gefängnis“ seines Vorgängers und der ideologisierten Opposition zerrieben.

Die Intellektuellen der „New York Review of Books“ sind sich einig: Die Wiederwahl von George W. Bush wäre eine Gefahr für Amerika und die Welt. Seit dem 11. September sei das Rechtsstaatsprinzip mit Füßen getreten worden. Der Physiker und Nobelpreisträger Steven Weinberg glaubt, die Vereinigten Staaten würden mit Vollgas in die falsche Richtung fahren: Eine zweite Amtszeit für Bush sei eine Katastrophe. „Der Amtsinhaber sieht nicht ein, dass sein Präventivkrieg gegen den Irak ein Fehler war“, meint Garry Wills. „Wer die Republikaner wählt, stimmt für die Ölgesellschaften und eine unilaterale Außenpolitik, die Kritiker als Feiglinge und Dummköpfe beschimpft; und er stimmt für Steuersenkungen für die Reichen, das Riesendefizit und die Abschaffung des Sozialstaates.“