US-MEDIEN SIND SCHWACHSTELLE DER AMERIKANISCHEN DEMOKRATIE

Friederich Mielke

Präsident George W. Bush ist ein Lügner. „Der Irak beherbergt ein Terrornetz, an dessen Spitze ein hochrangiger El-Qaida-Terrorist steht“, behauptete seine Regierung. Die El-Qaida-Verbindung und die Massenvernichtungswaffen wurden nicht gefunden. Die USA sind unter falschen Vorzeichen in den Irak einmarschiert. Doch Bush wurde für seine Lügen nicht zur Verantwortung gezogen. Zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl meinen knapp 50 Prozent der Amerikaner, Bush hätte eine zweite Amtsperiode verdient. Wie ist das möglich?

Eine Antwort lautet: Die amerikanischen Medien vernachlässigen ihre Kontrollfunktion. „Bush profitiert davon, dass viele Politik-Reporter über Wahlkämpfe wie über Sportveranstaltungen berichten“, meint David Corn, ein links-liberaler Kommentator in Washington. Wegen des Irakkriegs geriet Bush zwar unter Druck, die Entrüstung der Medien hielt sich jedoch in Grenzen. Tony Blair wurde in Großbritannien viel schärfer angegriffen. Amerikanische Reporter wagen es kaum noch, ihren Präsidenten einen Lügner zu nennen. Das Amt und der Inhaber flößen Respekt ein. Wenn der Präsident beliebt ist und seine Popularitätswerte in den Himmel schießen, verstummt die Kritik. So geschehen nach dem 11. September 2001. Selbst die links-liberale „New York Times“ sang das Lied des Präsidenten, als der Präventivschlag gegen den Irak vorbereitet wurde. Die konservative Medienmacht Amerikas stand geschlossen hinter Bush.

Die amerikanische Medienkultur ist kaum noch die vierte Macht im Staate. Während Richard Nixon wegen seiner Lügenhaftigkeit aus dem Amt getrieben und Reagan im Iran-Contra-Skandal scharf angegriffen wurde, wird Bush mit Samthandschuhen angefasst. Mit Ausnahme einiger Kolumnisten der „New York Times“, des „Boston Globe“ oder der „Washington Post“ singen die meisten amerikanischen Medien das Lied des Präsidenten. „Einige der ganz großen Sender sind Sprachrohr der Republikanischen Partei“, sagt Al Gore. Bill Clinton wurde von der konservativen Presse fast vernichtet, weil er über die Sex-Affäre gelogen hat. Bush beginnt einen Krieg, ruiniert den Haushalt, verstrickt sich in Lügen und schafft es, von den Medien verschont zu bleiben.

Seit 15 Jahren verliert das amerikanische Mediensystem seine Kontrollfunktion. Kartellrechtliche Restriktionen wurden gelockert, die Aufsichtsbehörde FCC will den gegenseitigen Aufkauf der großen Sendeanstalten zulassen, und die inoffizielle Richtlinie, unparteilich berichten zu müssen, ist außer Kraft. Die fünf Nachrichtensender sind Ableger riesiger Mischkonzerne: „Unsere Information kommt von der AOL Time Warner General Electric Disney Westinghouse News Corporation“, schreibt der Kritiker Paul Krugman. „Die wenigen Medienkonzerne sind auf Profit aus. Sie sind versucht, subjektiv zu berichten und sich den Interessen der Regierungspartei unterzuordnen.“

Der US-Medienexperte Eric Alterman meint, ein Großteil der US-Medien sei in konservativer und Republikanischer Hand. Der erzkonservative Radio-Kommentator Rush Limbaugh hätte 22 Millionen Hörer täglich. Seine scharfen Attacken auf Bill Clinton, Al Gore oder John Kerry fänden keine Parallele im links-liberalen Lager. Als Präsidentschaftskandidat hätte George W. Bush versprochen, „dem amerikanischen Volk die Wahrheit zu sagen.“ Seltsamerweise schweigt die Presse zu den Lügen des Weißen Hauses. Die „New York Times“ ist jetzt aufgewacht und hat sich für die unkritische Haltung in der Irakfrage entschuldigt. Doch die Mehrheit der US-Medien bleibt regierungstreu.

Laut Eric Alterman verlieren die links-liberalen Medien den Kampf um die publizistische Vorherrschaft. Das rechtsgerichtete „Wall Street Journal“ erreicht täglich fünfeinhalb Millionen Leser. Die „New York Times“, das links-liberale Gegenstück, sei ideologisch bei weitem nicht so einseitig. Die scharfen Angriffe des „Journal“ gegen Clinton und Kerry würden keine ebenso bissigen Kommentare in der „Times“ gegen Bush auslösen. Die konservativ-republikanischen Medien sind aggressiver und weiter verbreitet als die links-liberalen Medien. Das erzkonservative Imperium von Rupert Murdoch hat einen Nettowert von fünf Milliarden Dollar und beherrscht einen Großteil der amerikanischen Öffentlichkeit – den Nachrichtenkanal „Fox News“, 130 englischsprachige Zeitungen und 25 Zeitschriften. Die 25 Fernsehsender des Murdoch-Konzerns in den USA beeinflussen 40 Prozent der amerikanischen TV-Haushalte.

Das „Wall Street Journal“ und der Murdoch-Konzern wollen die Wiederwahl von George W. Bush. Murdoch befürwortet die Steuersenkungen für die dünne Oberschicht und die Verwässerung der kartellrechtlichen und medienpolitischen Restriktionen. Bush verspricht beides: Mehr Geld für die Reichen und mehr Macht für die Medienmoguls. Je weiter die USA in diese Richtung treiben, desto schwerer kann Kritik an der US-Regierung verbreitet werden. „Fox News“ hetzt gegen Friedensaktivisten, Linksliberale, Gewerkschafter, Menschenrechtsorganisationen und „Frankreich-hörige Feiglinge“. Einen ebenso scharfen Hetzsender der Linksliberalen gibt es nicht.

Angesichts des weitgehend regierungstreuen US-Mediensystems ist die die amerikanische Demokratie in Gefahr. Eine kritische, unabhängige und überparteiliche Presse gehört zur Substanz einer gesunden Demokratie. Die Vorstellung, Amerika könnte seine freie Presse verlieren, ist genauso beunruhigend wie das Konzept der militanten „pax americana“, das sich gegen den Willen der Völkergemeinschaft durchsetzt. Die Wahl 2004 ist somit auch eine Entscheidung über die Zukunft der demokratischen Kultur Amerikas.