US-MILITÄR MIT NEUER STRUKTUR UND NEUER STRATEGIE


Friederich Mielke

Seit zwei Jahren will das US-Verteidigungsministerium seine Streitkräfte im In- und Ausland umstrukturieren. Neue militärische Aufgaben erfordern neue Strukturen und eine neue Strategie. Die USA verfolgen heute primär drei strategische Ziele: Sicherung der Ölimporte, Eindämmung des chinesischen Hegemonialstrebens und Kampf gegen den Terrorismus. Europa und „der Westen“ rücken in den Hintergrund; China, Nahost, das kaspische Meer und Afrika geraten ins Visier. Die Umstrukturierung berührt somit das transatlantische Sicherheitsbündnis und die deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Verteidigungsminister Rumsfeld hat am 13. Mai eine Liste mit 800 Militäreinrichtungen vorgelegt, die innerhalb der USA entweder geschlossen, verlegt oder sonst wie umstrukturiert werden. Laut Liste sollen 33 große Militärbasen geschlossen und 29 verkleinert werden. Hauptgrund der Umstrukturierung: Neue strategische Anforderungen und Einsparungen von knapp 50 Milliarden Dollar über 20 Jahre.

Der Pentagon-Plan löst in den USA große Unruhe aus. Jeder Einzelstaat sorgt sich um Arbeitsplätze und Steuereinkommen. Nicht nur “blaue” Staaten sind betroffen, die 2004 gegen George W. Bush gestimmt haben. In South Dakota soll die Ellworth Air Force-Basis für B-1-Bomber geschlossen werden, in Mississippi steht der Marinestützpunkt Pascagoula auf der Liste, und in Georgia wird das Heer Fort McPherson verlieren. South Dakota, Georgia und Mississippi sind „rote“ Staaten mit Mehrheiten für Bush. Im Nordosten und Süden klagen die Politiker, im Südwesten und Westen wird triumphiert: „Wir sind erleichtert, dass Kalifornien fast verschont blieb“, freut sich Senatorin Barbara Boxer. Gouverneur Arnold Schwarzenegger sagt: „Wir werden alles unternehmen, um die existentiell wichtigen Militärbasen in Kalifornien zu beschützen.“ Und in Seattle (Washington) freut man sich über neue Jobs bei der Versorgung von U-Booten. Die Wirtschaft ist zufrieden, weil der Flugzeugträger „Abraham Lincoln“ weiterhin zum Marinestützpunkt Everett (Washington) gehört und nicht nach Hawaii verlegt wird.

Der Pentagon-Plan bringt ein spannendes Phänomen ans Licht: Die Umstrukturierung des US-Militärs verschiebt sich landesweit von Ost nach West. Während im Nordosten Militäreinrichtungen geschlossen werden, entstehen neue Installationen im Südwesten und Westen. Senator Joseph Lieberman aus Connecticut kritisiert den Verlust eines U-Boot-Stützpunktes in seinem Staat, Senatorin Olympia Snowe klagt über die Schließung der Marinewerft in Portsmouth (Maine), wo 7000 Militärs und Zivilisten ihren Job verlieren. Der Gouverneur von Georgia will die Militärstützpunkte in seinem Staat „entschlossen verteidigen.“ In Kalifornien haben Politiker indes erfolgreich darauf hingewiesen, dass ihre Stützpunkte bei einer asiatischen Bedrohung lebensnotwendig werden. So sagt Generalmajor Mike Myatt der „New York Times“, das Pentagon habe die strategische Bedeutung Kaliforniens klar erkannt: Asien, nicht Europa, läge im Interesse der Militärstrategen. Insofern sei es vernünftig, Militäreinrichtungen innerhalb der USA Richtung Westküste zu verlagern.

Auf internationaler Ebene sollen die US-Truppen aus Europa in die USA zurückverlegt werden. Die dabei gesparten Mittel sollen in Militärstützpunkte in den USA investiert werden. Deutschland wird davon zentral betroffen. Ursprünglich sollten alle 70.000 US-Truppen aus Europa abgezogen werden. Dies hatte Präsident Bush im August 2004 angekündigt. Das US-Militär sei zu stark auf die Anforderungen des Kalten Krieges ausgerichtet, sagte Bush. Die heutige Bedrohungslage erfordere eine flexible Streitmacht, die schnell verlegt und eingesetzt werden könne. „Heute wissen wir, dass wir in den nächsten Jahren militärisch gefordert werden“, sagte Staatssekretär Ryan Henry am 9. Mai vor Journalisten im Pentagon. „Was wir nicht wissen ist, wann, wo und wie militärische Gewalt benutzt wird.“ Die Rückkehr schweren militärischen Gerätes in die USA werde die Flexibilität der US-Streitkräfte erhöhen. Die Pläne für die Umstrukturierung der US-Streitkräfte im Ausland werden mit den regionalen Kommandeuren koordiniert und mit dem Kongress und den Alliierten und Partnern abgesprochen.

Inzwischen spricht das Pentagon von „mehreren Zehntausend“ US-Truppen, die aus Europa abgezogen werden sollen. Eine endgültige Entscheidung sei darüber noch nicht gefallen. Verteidigungsminister Rumsfeld betont, die US-Truppen sollten langsam aus Europa abgezogen werden. Die betroffenen Länder sollten respektvoll behandelt werden: „Der Zeitplan häng von den Verhandlungen mit den anderen Ländern ab, von den Kosten und unserer Wortwahl.“ Generalstabchef Myers befürwortet Rumsfelds Pläne: „Sollte die Umstrukturierung nicht gelingen“, sagte Myers, „werden die Vereinigten Staaten im Kalten Krieg stecken bleiben.“

Generalstabchef Myers bekräftigte eine Äußerung von General James Jones, dem Kommandeur der US-Streitkräfte in Europa. Jones hatte am 10. Mai betont, die USA würden sich zunehmend auf neue Bedrohungen durch nichtstaatliche Akteure „am Ost- und Südrand unseres Gebietes“ konzentrieren. Die aktuelle Verteidigungslage der USA sei zu linear und geographisch beschränkt. Ein neues strategisches Umfeld sei entstanden, das eine neue strategische Struktur erfordere. Die innere und äußere Umstrukturierung der US-Streitkräfte lässt die strategischen Ziele der USA erkennen: Der Krieg gegen den Terrorismus, die Eindämmung von China und die Sicherung der Erdölimporte erfordern flexible Streitkräfte, neue Militärbasen und eine östlich orientierte Verteidigungsstruktur. Mit der großen Umstrukturierung geht das Pentagon genau in diese Richtung.