KANZLERIN MERKEL UND DIE CHANCE DER TRANSATLANTISCHEN ERNEUERUNG

Friederich Mielke


Washington hat nicht euphorisch auf die Merkel-Kanzlerschaft reagiert. „Wir begrüßen es, dass Angela Merkel als Bundeskanzlerin designiert wurde“, sagte US-Außenamtssprecher Tom Casey. „Wir unterhalten starke Beziehungen zu Deutschland, die wir unter Kanzler Schröder ausgebaut haben. Wir freuen uns darauf, die deutsch-amerikanische Beziehung mit der neuen Regierung weiter zu pflegen.“ Nüchterne Worte angesichts der Hoffnung, die man in Washington auf eine Merkel-Kanzlerschaft setzt.

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen waren unter Kanzler Schröder gespannt. Nach der „uneingeschränkten Solidarität“ mit Amerika folgten der Irakkonflikt und Streit über Umweltpolitik, internationalen Gerichtshof und amerikanische Präventivkriegsdoktrin. Persönliche Gegensätze zwischen Kanzler und US-Präsidenten haben zusätzlich geschadet. Die Schröder-Regierung hat die größte deutsch-amerikanische Krise seit 1945 durchlebt. Nun hofft Washington, eine Merkel-Kanzlerschaft werde den Kurswechsel bringen. Loyalität mit den USA werde wieder vor nationale Eigenständigkeit und Selbstbehauptung rangieren. Eine Merkel-Kanzlerschaft soll die deutsch-amerikanischen Beziehungen entspannen.

Als Wolfgang Schäuble jüngst von Präsident Bush empfangen wurde, versprach er einen Kurswechsel der deutschen Außenpolitik. Schäuble gelobte eine Erneuerung der transatlantischen Beziehung und das Ende der Achse Paris-Berlin-Moskau. „Ich verstehe nicht, wie die einst exzellenten Beziehungen mit den Vereinigten Staaten derart verkommen konnten“, sagte Merkel nach Schäubles Besuch. Merkel plädiert für Loyalität im deutsch-amerikanischen Geflecht. Ihre Bush-freundliche Haltung wird im offiziellen Washington begrüßt.

Die nüchterne US-Reaktion auf Merkels Kanzlerschaft lässt erkennen, dass die amerikanische Regierung vom deutschen Wahlergebnis enttäuscht ist. Das Auswärtige Amt wird von Sozialdemokraten regiert, die große Koalition hemmt die freie Entfaltung der christdemokratischen Agenda. Kontinuität in den deutsch-amerikanischen Beziehungen ist angesagt – kein Kurswechsel. Die Schröder-Regierung hat nicht alle amerikanischen außenpolitischen Ziele blockiert. Sie hat den Kosovo-Krieg mitgemacht und die Afghanistan-Intervention unterstützt. Bundeskanzlerin Merkel wird dennoch ihre Loyalität zu Washington gegen die transatlantische Eigenständigkeit der Sozialdemokraten verteidigen müssen.

Es wird schwer werden, einen gemeinsamen Nenner in der Außenpolitik zu finden – beim Waffenembargo für China, im Nahen Osten, in der Iranfrage und beim Dauerthema Türkei. Merkels „privilegierte Partnerschaft“ für die Türkei ist in Washington unbeliebt. Außenministerin Rice hatte sich jüngst in die Türkeipolitik der EU eingemischt und die Europäer aufgefordert, die Verhandlungen mit der Türkei zu beginnen. Washington will die Vollmitgliedschaft der Türkei, Angela Merkel nicht. Die neue Kanzlerin hat hier ein Dauerproblem mit den Amerikanern.

Bush und Merkel mögen sich. Die „Chemie“ stimmt. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen können entspannt werden. Bush erwartet mehr logistische und diplomatische Unterstützung im Irak, Merkel wird Mäßigung im Umgang mit Alleingängen fordern. Vielleicht gelingt beiden, der transatlantischen Beziehung wieder den Stellenwert einzuräumen, den er im 21. Jahrhundert haben sollte. Die schweren Probleme der Welt müssen von Amerikanern und Europäern gemeinsam gelöst werden. Terrorismus, Seuchen, Armut, Treibhauseffekt und Massenvernichtungswaffen gehen alle an.

Bundeskanzlerin Merkel hätte eine Chance: Ihr Zugang zum amerikanischen Präsidenten bietet die Gelegenheit, die imperiale Politik des US-Präsidenten durch europäische Mäßigung aufzuweichen. Ob ihr dies gelingt, hängt viel vom persönlichen Umgang der Kanzlerin mit dem US-Präsidenten ab. Als Frau hat sie gute Karten: Bush hört auf starke Frauen – auf First Lady Laura, Außenministerin Condoleezza Rice oder Beraterin Karen Hughes. Vielleicht gelingt Angela Merkel, was Schröder, Chirac und Schüssel nicht schaffen: Ein Kurswechsel in Richtung euro-atlantische Kooperation und Kommunikation. Es wäre zum Besten Amerikas, Europas und der Welt.