REPUBLIKANISCHE US-SENATOREN KÄMPFEN FÜR MENSCHENRECHTE GEGEN BUSH

Friederich Mielke


Die Vereinigten Staaten präsentieren sich gern als Rechtsstaat. Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind vielen Amerikanern heilig. Das missionarische Credo der USA basiert auf den Prinzipien der US-Verfassung. Eine unabhängige Gerichtsbarkeit und das Recht jedes Angeklagten auf einen gerechten Prozessverlauf sind verfassungsrechtliche Selbstverständlichkeiten. Wer diese Prinzipien in Frage stellt, erschüttert die Grundsätze des amerikanischen Selbstverständnisses. US-Patrioten sind Verfassungspatrioten. Sie ehren den Rechtsstaat und loben Gewaltenteilung, Menschenrechte und Bürgerrechte.

Soviel zur Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Seit die Bush-Regierung den „Krieg gegen den Terrorismus“ ausgerufen hat, gelten Menschen- und Bürgerrechte nur noch begrenzt. Das neue Heimatschutzgesetz beschneidet wichtige Bürgerrechte im Inland, und die US-Militärjustiz missachtet die UN-Menschenrechtskonvention im Ausland: „Feindliche Kämpfer“ werden in US-Militärgerichten misshandelt und gequält. Die Bilder aus Guantanamo, Abu Ghraib und Afghanistan haben das Image der Weltmacht USA schwer beschädigt. Die arabische Welt sieht Amerika inzwischen als rücksichtslose und militaristische Unrechtsmacht. Menschenrechtsorganisationen und Amerikas Alliierte sind entsetzt und enttäuscht: Die einstige Schutzmacht USA tritt die Genfer Konvention mit Füßen.

Die US-Regierung meint, Terroristen, „feindliche Kämpfer“ und Aufständische hätten die Menschenrechte verwirkt. Terroristen seien gesetzlos. Wer ihnen Rechte gewährt, hindere die Regierung daran, den Terrorismus zu bekämpfen und Amerika zu schützen. Die Zeitung „Courier-Journal“ aus Kentucky hält diese Argumentation für „absoluten Unsinn.“ Präsident Bush könne den Krieg nicht nach eigener Lust und Laune führen. Amerikas Ehre stünde auf dem Spiel. Und die „New York Times“ zitiert Admiral John Hutson: Die Menschenrechtsfrage sei sehr wichtig. Werde dieses Problem nicht gelöst, hätte man die Definition des amerikanischen Geistes verwässert.

Inzwischen wird die US-Regierung in der Menschenrechtsfrage von Republikanischen Senatoren angegriffen. Senator John McCain aus Arizona fordert die Regierung auf, den Gefangenenmissbrauch einzustellen und das amerikanische Militärhandbuch zur Befragung von Kriegsgefangenen zu respektieren. McCain wird von den Republikanischen Senatoren John Warner und Lindsey Graham unterstützt. Die drei Senatoren haben ein Gesetz eingebracht, das die grausame und unmenschliche Behandlung von Kriegsgefangenen verbieten soll. Die Bush-Regierung ist bestürzt, weil das Gesetz von Senatoren befürwortet wird, die bisher politisch und ideologisch auf Seiten der Regierung standen.

Vizepräsident Cheney will das Gesetz verhindern. Er hat die drei Senatoren vorgeladen und ihnen ins Gewissen geredet. Doch ohne Erfolg: Die Senatoren drohen damit, gegen den Verteidigungshaushalt 2006 in Höhe von 440 Milliarden Dollar zu stimmen, sollte die Regierung das Menschenrechtsgesetz ignorieren. Die Bush-Regierung hat umgekehrt damit gedroht, ein Veto gegen das Gesetz einzulegen. Die Fronten sind verhärtet.

Neu ist an dieser Situation, dass der Widerstand gegen die Bush-Regierung aus dem Republikanischen Lager kommt. Senator John McCain hat über sechs Jahre in vietnamesischer Gefangenschaft verbracht, Senator Warner ist Veteran des Zweiten Weltkrieges. McCain wird von pensionierten Generälen, Admirälen und ehemaligen Kriegsgefangenen unterstützt. Die Offiziere beklagen in einem Brief an den Senator, dass „die Misshandlungen Amerikas Krieg gegen den Terror behindern, das US-Militär gefährden und die Werte verletzen, die seit Generationen von Amerikanern hochgehalten werden.“ Senator Graham aus South Carolina bewirkte die Veröffentlichung eines Memorandums von Militärstaatsanwalt General Jack Rives, in dem von Befragungstechniken gesprochen wird, die „inländisches Strafrecht verletzen.“

Senator McCains Initiative wird von der links-liberalen Presse Amerikas begrüßt. Es ginge um Anstand und Ehre, meint das „Courier-Journal“. Die „New York Times“ zitiert McCains Äußerung, die Einhaltung der Menschenrechte habe etwas damit zu tun, „wie wir uns als Amerikaner definieren.“ Helen Thomas, die große alte Dame der amerikanischen Presse, schreibt in der „Falls Church News-Press“: „Präsident Bush gibt sich als mitfühlender Konservativer. Doch er weigert sich, die grausame und missbräuchliche Behandlung von Kriegsgefangenen zu unterbinden. Dies ist derselbe Präsident, der sich voriges Jahr schockiert zeigte, als er die Fotos von nackten Gefangenen an der Hundeleine sah.“ Inzwischen habe Bush seine Mitarbeiterin Karen Hughes damit beauftragt, Amerikas Bild im Ausland zu verbessern. Dies sei jedoch unmöglich, so lange das US-Militär die Menschenrechtskonvention missachtet: „Die sadistische Erniedrigung von Irakern, Afghanen und anderen Ausländern hat unser Land entehrt“, schreibt Helen Thomas. „Bush und Rumsfeld haben keine Verantwortung dafür übernommen.“

Angesichts der Republikanischen Hegemonie in Regierung, Kongress und Verfassungsgericht ist die amerikanische Demokratie gefährdet. Opposition und Presse sind schwach. Die Bush-Regierung kann selbstherrlich und ungeniert handeln. Die Initiative der drei Republikanischen Senatoren zeigt jedoch, dass die amerikanische Demokratie nicht tot ist. Die Senatoren und Kongressabgeordneten sind nur ihrem Gewissen unterworfen und an keinen Fraktionszwang gebunden. Der Machtkampf zwischen Senat und Weißem Haus gehört zum Regierungssystem der USA. Die Selbstherrlichkeit der Bush-Regierung hat ihre Grenzen: Amerikas Senatoren zeigen der Welt, dass Anstand, Ehre und Menschenrechte zur politischen Kultur der USA gehören.