KEIN ABZUG DER US-STREITKRÄFTE AUS DEUTSCHLAND
Friederich Mielke
Das größte Kontingent von US-Streitkräften
außerhalb der Vereinigten Staaten steht in Deutschland
– den zeitlich begrenzten Einsatz im Irak nicht mitgerechnet.
43.000 US-Soldaten sind in Wiesbaden, Schwetzingen, Böblingen,
Schweinfurt, Grafenwöhr, Ramstein oder Heidelberg stationiert.
Die Amerikaner unterhalten hier Panzerverbände, Fallschirmjäger,
Infanteriesoldaten, Kampfflugzeuge, Hubschrauber und Transportflugzeuge.
Die US-Militärstruktur wurde während des Kalten
Krieges errichtet und in den 90er Jahren von 220.000 auf 62.000
Truppen reduziert. 2004 kündigte Präsident Bush
an, dass etwa die Hälfte der US-Streitkräfte aus
Deutschland abgezogen werde. Die 1. Infanteriedivision verließ
2006 Würzburg und ging nach Fort Riley in Kansas. Inzwischen
wurde die US-Präsenz von 62.000 auf 42.000 Soldaten verringert.
Amerikas Militär sollte in eine schnelle Einsatztruppe
umgeformt werden. Die Stationierung von konventionellen Verbänden
in Europa habe sich überlebt, meinte Ex-Verteidigungsminister
Donald Rumsfeld.
Der ehemalige Pentagon Chef plante die völlige Umstrukturierung
der US-Streitkräfte. Ein Höchstmaß an Beweglichkeit
sollte im „asymmetrischen Krieg gegen den Terror“
für Flexibilität, Agilität und ständige
Einsatzfähigkeit sorgen. Schwere Panzerverbände
waren zu unbeweglich und sollten daher von Deutschland abgezogen
werden. 2004 wurden einige Bürgermeister und zivile Beschäftigte
der US-Truppen in Deutschland nervös: Der Abzug der Amerikaner
hätte den Verlust von Arbeitsplätzen und öffentlichen
Einnahmen bedeutet. Die Amerikaner – wegen ihrer Militärpräsenz
gelegentlich im Kreuzfeuer der Kritik – wurden wieder
umworben. Man hoffte auf einen Aufschub der Truppenreduzierung.
Jetzt kann man in Baumholder, Schweinfurt und Bamberg aufatmen:
Die US-Streitkräfte werden nicht abgezogen. Zwei US-Generäle
hatten Verteidigungsminister Robert Gates gebeten, den Truppenabzug
zu stoppen und vier Kampfbrigaden – anstatt einer –
zu behalten. Der Kommandeur des US-Europakommandos, General
Craddock – und der Kommandeur der US-Armee in Europa,
General McKiernan befürchten Probleme bei der Erfüllung
von „Aufgaben, die uns vom Verteidigungsministerium
gegeben wurden“. Die Generäle setzten sich besonders
für den Erhalt der 2. Infanterie- und Panzerbrigade in
Schweinfurt ein, für den Verbleib der 1. Panzerdivision
in Baumholder und für den Erhalt des Panzer-Regimentes
in Vilseck.
General Craddock hatte die mangelnde Bereitschaft der US-Streitkräfte
bei Manövereinsätzen beanstandet. „Der Irakkrieg
dauert länger als geplant“, sagte der General.
Im Bereich des US-Europakommandos gäbe es „einige
Bruchlinien, die besonders berücksichtigt werden müssen“.
Besorgt sei man auch über „das wieder erstarkende
Russland“. Im Ausland stationierte Truppen könnten
leichter und besser an alliierten Manövern teilnehmen.
Streitkräfte, die aus den USA in ein internationales
Manöver gebracht werden, brauchten zwei Monate, um sich
an die örtlichen Gegebenheiten zu gewöhnen. „Wenn
man sich eingearbeitet hat, muss man den Ort wieder verlassen“,
klagt General Craddock. Das sei unbefriedigend.
Inzwischen hat der US-Verteidigungsminister die Pläne
seines Vorgängers verworfen und entschieden, die militärische
Infrastruktur in Deutschland zu behalten. Es ginge dabei nicht
nur um zusätzliche Kapazitäten für den Irakkrieg:
Gates will „die militärischen Verpflichtungen in
Europa erfüllen, die Alliierten zufrieden stellen und
Feinde abschrecken“. Unter philosophischen und praktischen
Gesichtspunkten sei der Erhalt der US-Truppenstärke in
Deutschland sinnvoll, sagte ein Pressesprecher des Pentagons.
Somit könne man die Wünsche von General Craddock
erfüllen. Es könne ein Zeichen gesetzt werden, dass
„wir zwar in Afghanistan und im Irak alle Hände
voll zu tun haben; wir bleiben aber global engagiert und sind
unseren Alliierten verpflichtet“. Hinzu kam, dass den
heimkehrenden Truppen noch nicht genügend Wohnraum in
den USA zur Verfügung steht.
Das rheinland-pfälzische Innenministerium hat die Entscheidung
des US-Verteidigungsministers begrüßt: „Dies
ist ein gutes Signal für ganz Rheinland-Pfalz“,
sagte der Mainzer Innenminister Karl-Peter Bruch. Der Minister
plant Gespräche in Washington über die langfristige
Nutzung der US-Kasernen in Baumholder und Schweinfurt. Volkmar
Pees, der Bürgermeister von Baumholder, klang überschwänglich:
„Wenn die Amerikaner bleiben, können wir eine Flasche
Champagner trinken“. Jetzt wissen wir es: Sie bleiben.