US-ZWISCHENWAHLEN: SELBSTREINIGUNG DER AMERIKANISCHEN DEMOKRATIE?

Friederich Mielke

Am 7. November schlägt in Amerika die Stunde der Wahrheit: Können die Demokraten beide Häuser des Kongresses erobern? Bei den Zwischenwahlen – den „midterms“ – brauchen die Demokraten sechs zusätzliche Sitze im Senat und 15 im Repräsentantenhaus, um die Mehrheit im Kongress zu erringen. Alle 435 Repräsentanten und 33 Senatoren, ein Drittel des Senates, stehen zur Wahl.

Krieg, Steuern und moralische Werte beherrschen die Debatte. Die Republikaner behaupten, der Irakkrieg und der „Krieg“ gegen den Terror seien bei ihnen in besten Händen. Bush will im Irak auf Kurs bleiben; er verdrängt die gewaltigen militärischen, politischen, wirtschaftlichen und menschlichen Kosten dieser fatalen Invasion. Demokraten, so die Republikanische Litanei, seien „Weicheier“ und wollten Steuern erhöhen. Außerdem hätten sie schlechte moralische Werte. In Amerika sind ethische Fragen wie Abtreibung, Familienwerte und gleichgeschlechtliche Ehe stark umstritten.

Wie im Präsidentschaftswahlkampf 2004 versucht Bush erneut, den Wähler einzuschüchtern und zu blenden. Nur diesmal ist sein Image angeschlagen: Die katastrophalen Meldungen aus dem Irak zehren am Wähler und schaden der Bush-Regierung. Während die Republikaner am liebsten nur über Wirtschaft und Familienwerte reden, werden sie von Kriegen und schmutzigen Skandalen eingeholt.

Der Kongresswahlkampf 2006 ist auf der Zielgeraden. Im November 2006 könnte Amerika seine demokratischen Selbstreinigungsmechanismen in Gang setzen und der Bush-Regierung die rote Karte zeigen. Viele Amerikaner wollen den Durchhalteparolen ihrer Regierung nicht mehr glauben. Sie sind wütend auf eine Regierung, die die Steuern der Oberschicht kürzen und seit dreieinhalb Jahren einen Krieg führen, der sich kaum rechtfertigen lässt. Selbst beim Thema Ethik sind die Republikaner unglaubwürdig geworden: Korruptions- und Schmutzskandale haben moralisch gesinnte Bürger erbost. Sogar hart gesottene Bush-Propagandisten sind über den Skandal um den Republikanischen Abgeordneten Mark Foley entsetzt.

Ein Wahlsieg der Demokraten im Kongress würde die Republikanische „Hegemonie“ (Vorherrschaft) beenden. Das Gewaltenteilungsprinzip der amerikanischen Demokratie wäre gestärkt. Untersuchungsausschüsse im Repräsentantenhaus und Senat könnten der Bush-Regierung für die zwei verbleibenden Jahre das Leben schwer machen. Demokratische Politiker haben gedroht, Verteidigungsminister Rumsfeld „von Untersuchungsausschuss zu Untersuchungsausschuss zu treiben“. Auch das Impeachment (Amtsenthebung des Präsidenten) könnte auf die Tagesordnung kommen. Die Bush-Regierung hätte eine effektive politische Opposition.

Doch europäische Beobachter sollten nicht in Wunschdenken verfallen. Einen „Erdrutsch“ wird es nicht geben, die Mehrheiten bleiben knapp. Die Selbstreinigung der amerikanischen Demokratie braucht Zeit. Der „Flugzeugträger USA“ kann seinen Kurs nur langsam ändern. Auch die Möglichkeiten der Kongress-Ausschüsse dürfen nicht überschätzt werden. Hillary Clinton wird zwar als Senatorin von New York wiedergewählt, ihre Irakpolitik gleicht aber erstaunlich der Position des Republikanischen Senators John McCain: Durchhalten, wenn möglich Truppen erhöhen. Sollten die Demokraten das Repräsentantenhaus und den Senat erobern, bliebe das Irakproblem ungelöst. Auch der „Krieg gegen den Terror“ ginge nicht zu Ende.

Viele Europäer drücken den Demokraten die Daumen. Das ist verständlich. Der Irak-Horror und die Bush-Skandale werden unerträglich. Dennoch darf die Zwischenwahl nicht überbewertet werden. Ein Amtsenthebungsverfahren erfordert eine Zweidrittelmehrheit im Senat. Und auch im Außen- und Verteidigungsausschuss des Senats schlägt die Stimmung nicht radikal um.

Eine Nachricht wird jedoch pikant: In Kalifornien steht Arnold Schwarzenegger als Gouverneur zur Wahl. Angeblich wird er verlieren. Das wäre das Ende der politischen Karriere eines Europäers in Amerika.