DIE US-INDISCHE NUKLEARPOLITIK UNTER BESCHUSS
Friederich Mielke
Außenministerin Condoleezza wirbt um Anerkennung: Der
Kongress soll den US-indischen Vertrag über den Ausbau
der indischen Atomenergie ratifizieren; doch der Kongress
legt sich quer. Bei Parlamentariern, Sicherheitsexperten und
Medien wächst der Widerstand. Jetzt schreibt die Außenministerin
einen Artikel in der „Washington Post“, der die
Skeptiker bekehren soll: Der US-indische Vertrag über
die Nutzung der Atomenergie sei ein „historisches Ereignis“.
Er werde die internationale Sicherheit stärken, den Umweltschutz
erweitern und die technische Entwicklung Indiens fördern.
Dr. Rice verkauft den „Nukleardeal“ mit dem Argument,
Indien sei eine Demokratie und werde sich friedlich und freiheitsliebend
verhalten. Indien habe keine Atomtechnologie weitergegeben,
die Internationale Atomenergiebehörde werde Zugang zum
indischen Atomenergieprogramm erhalten, und Indien werde sein
militärisches und ziviles Nuklearprogramm von einander
trennen. Die indische Atomenergie werde den Ölverbrauch
des Landes reduzieren und die Umwelt entlasten. Außerdem
schaffe der Verkauf von US-Atomkraftwerken Arbeitsplätze
in Amerika. Das sei gut für die amerikanische Wirtschaft.
Washington ist nicht überzeugt. Der „Nukleardeal“
wird zunehmend als gefährlich und unklug bewertet. Der
Demokratische Abgeordnete und Nuklearexperte Edward Markey
meint, der Deal sei eine „Katastrophe“ für
die Nichtweiterverbreitungspolitik der USA: „Der Deal
beeinträchtigt den Versuch, Pakistan, Nordkorea oder
den Iran am Streben nach Nuklearwaffen zu hindern.“
Selbst Politiker der Republikanischen Partei kritisieren
die Indienpolitik der Bush-Regierung. Seit Jahrzehnten versuchen
US-Diplomaten, die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen
zu verhindern. Die Vorsitzenden der außenpolitischen
Kongressausschüsse, der Republikaner Henry Hyde und Senator
Richard Lugar, haben den Nukleardeal kritisiert. Der Indienexperte
Gary Ackerman meint, der Präsident müsse den Kongress
überzeugen: „Kann er uns nicht umstimmen, wird
der Nukleardeal platzen.“
Kritiker des Nukleardeals behaupten, die Bush-Regierung belohne
Indien für die illegale Entwicklung seines Nuklearprogramms.
Die USA hätten Indien die Missachtung des Nichtverbreitungsvertrags
stets vorgeworfen. Der Nukleardeal über den zivilen Ausbau
der indischen Atomenergie werde Indien als Atommacht anerkennen.
Andere Staaten – wie die Türkei, Brasilien oder
Saudi-Arabien – werden für ihr Wohlverhalten bestraft.
Das sei ungerecht und töricht.
„Der Deal gibt Indien völlige Freiheit, die Produktion
von spaltbarem Material für den Bau von Atombomben zu
steigern“, meint der Sicherheitsexperte Robert Einhorn
vom „Center for Strategic and International Studies“
(CSIS). Jeder als „militärisch“ eingestufter
Reaktor könne für das Atomwaffenprogramm benutzt
werden. Das mache die Welt nicht sicherer.
Kritiker weisen darauf hin, dass die indische Atomenergie
nur drei bis fünf Prozent des indischen Energiebedarfes
abdecken werde. Die zivile Atomenergie ginge weltweit zurück,
der Nukleardeal werde primär der US-Atomenergiewirtschaft
nützen. Alternative Energien wie Wind, Wasser und Sonne
seien für Indien interessanter als konventionelle Atommeiler.
Einige US-Medien kritisieren die Indienpolitik der Bush-Regierung
besonders scharf. So nennt die „New York Times“
den Nukleardeal „einen Weg in die globale Katastrophe“.
Eine allzu liberale Atompolitik werde China, Nordkorea und
den Iran reizen und von anderen Staaten als „doppelte
Moral“ gewertet. Der Kongress habe ein Problem: Der
Deal müsse abgelehnt werden, um die Weiterverbreitung
von Atomwaffen einzudämmen; zugleich dürfe man Indien
nicht brüskieren. Die „Baltimore Sun“ meint,
die Aufstockung des indischen Atomwaffenarsenals sei nicht
im nationalen Interesse der USA. Die Parteinahme für
Indien werde das Gleichgewicht der Mächte beschädigen,
die Region destabilisieren, das indische Atomwaffenprogramm
aufblähen und den Extremismus nähren. Außenministerin
Rice habe Unrecht. Die momentane Indienpolitik sei gefährlich
und kurzsichtig. Der Kongress sollte den Vertrag ändern
oder ablehnen.