WARUM DIE US-REGIERUNG DEN IRAN NICHT ANGREIFEN WIRD

Friederich Mielke


Präsident Bush liebt scharfe Worte. Seine „Achse des Bösen“ hat die Welt geschockt – zu Recht, da seither der Irak angegriffen und besetzt wurde. Auch der Iran gehört zur „Achse des Bösen“. Nun wird über mögliche Angriffspläne gerätselt. In Washington glauben die Analysten im „Projekt für ein neues amerikanisches Jahrhundert“ an einen Angriff gegen den Iran. Diese neokonservativen Scharfmacher wollen iranische Nuklearfähigkeiten gewaltsam verhindern. Sie fordern die ultimative Aufgabe des Nuklearprogramms. Sollte der Iran nicht nachgeben, drohen Militärschläge, Invasionen und Besetzungen.

Die Vereinigten Staaten haben die militärischen Fähigkeiten, den Iran zu bombardieren und zu besetzen. Die Frage ist, ob Washington dies tun wird. Viele Argumente sprechen dagegen. Nach genauer Prüfung der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Lage wächst die Einsicht, dass ein Militärschlag sinnlos, erfolglos und überflüssig wäre. Die US-Regierung wird den Iran nicht angreifen.

Bush kündigt seine Politik gern laut an. Vor der Irakinvasion hat er oft den „Regimewechsel“ im Irak gefordert. Der Iran wird rhetorisch weitaus weniger bedacht. „Optionen“ bleiben auf dem Tisch, sollten die Verhandlungen scheitern. Doch das ist selbstverständlich. „Optionen“ haben die USA für alles – für einen Krieg mit China, die Besetzung Nord-Koreas oder einen Militärschlag gegen den Iran. So lange Bush über keine konkreten Angriffspläne spricht, bleiben diese Pläne fiktiv. Sichtbare militärische Vorbereitungen gibt es nicht. Das Weiße Haus wagt es nicht, eine zweite Front zu eröffnen.

Die innenpolitische Lage schlägt um. Der Irakkrieg wird immer unbeliebter. Bush verliert die Unterstützung der Wähler. Vor den Kongresswahlen im November 2006 braucht Bush außenpolitische Erfolge. Wenn er die Irakkrise glimpflich übersteht, kann er froh und dankbar sein. Die geballte Wut des iranischen Volkes kann er jetzt nicht gebrauchen. Zusätzlicher Anti-Amerikanismus schadet dem Ansehen der Bush-Regierung. Da das Vertrauen in die Geheimdienste erschüttert ist, wird es dem Präsidenten nicht gelingen, den Wähler von der zwingenden Notwendigkeit einer Iraninvasion zu überzeugen. Viele Amerikaner glauben an die diplomatische Option. Niemand liebt die Vorstellung, eigene Soldaten zum zweiten Mal im Sand des Nahen Ostens zu verlieren. Und dies ohne Unterstützung der Alliierten. Auch England ist diesmal nicht überzeugt. Ein Irankrieg würde erneut auf Kosten des US-Steuerzahlers geführt werden.

Ein eventueller Irankrieg hätte schwere negative Konsequenzen: Der Ölpreis würde explodieren, iranische Terroristen könnten in Israel, im Irak und in Europa wüten, und die anti-amerikanische Stimmung würde sich verschärfen. Die „militärische Option“ der Bush-Regierung würde sich als katastrophal herausstellen: Der Iran könnte die Straße von Hormus sperren, US-Schiffe angreifen, die Ölproduktion drosseln und Soldaten in den schiitischen Teil des Irak schicken. All dies würde den militärischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Interessen der USA schaden. Washington weiß das. Bush hat seine Rhetorik gemäßigt, weil er die fatalen Folgen eines Irankrieges kennt. Das gelegentliche Säbelrasseln ist diplomatischer „Wind“, der die Iraner auf Trab halten soll.

Seit der Geiselaffäre 1979/80 ist die Beziehung zwischen den USA und dem Iran schwer gestört. Washington nennt den Iran einen „Schurkenstaat“. Diplomatische Beziehungen bestehen nicht. Die Amerikaner werfen Teheran Terrorismus, Totalitarismus und Menschenrechtsverletzungen vor. Teheran hält Washington für imperialistisch, Israel-hörig und religiös intolerant. Versuche der Annäherung und Versöhnung sind bisher gescheitert. Das iranische Nuklearprogramm hat die Beziehung zusätzlich vergiftet. Washington kann sich eine friedliche Koexistenz mit einer iranischen Nuklearmacht nicht vorstellen.

Anders die Europäer: Sie pflegen gute wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen mit dem Iran. Deutschland, Frankreich und England finden in Teheran ein offenes Ohr. Die Bush-II-Regierung hat sich somit zu Recht entschieden, den Europäern die diplomatischen Verhandlungen mit dem Iran anzuvertrauen. Die guten Kontakte der Europäer begünstigen einen Verhandlungserfolg. „Die militärische Option liegt nicht auf dem Tisch“, sagte Außenministerin Rice im Februar.

Das Nuklearprogramm ist auch im Iran umstritten. Das Land braucht gute Wirtschaftsbeziehungen – auch mit Amerika. Die Aussicht auf wirtschaftliche Vorteile bei nuklearem Wohlverhalten ist verlockend: Der Westen könnte den Iran in die Welthandelsorganisation aufnehmen, Sanktionen aufheben und Wirtschaftshilfe leisten. Europa und Amerika könnten dem Iran energiepolitische Angebote machen. Die wirtschaftspolitische Option könnte Teheran dazu verleiten, das Nuklearprogramm aufzugeben. Das setzt Vertrauen und Frieden voraus. Der Wink mit der „militärischen Option“ würde diese Strategie vernichten.

Seit dem Irakdebakel reden die Scharfmacher in Washington leiser. Die Bush-Regierung kann sich keinen zweiten missglückten Auslandseinsatz leisten. Eine Iran-Invasion wäre politisch, diplomatisch und finanziell ein Fehler. Die gemäßigten Töne, die Bush und Rice im Februar in Europa anschlugen, haben diese Einsicht bekundet. Die US-Regierung kann den Nahen Osten nur in Kooperation mit den Alliieren befrieden. Die Zeit der Alleingänge ist vorbei. Der Iran kann am besten eingedämmt und kontrolliert werden, wenn Europäer und Amerikaner am gleichen diplomatischen und wirtschaftlichen Strang ziehen. Weil Bush dies weiß, wird er keinen Militärschlag wagen. Eine Iraninvasion findet nicht statt.