DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN NACH DEM 2. 11.04

Friederich Mielke

Die USA und Europa gehören zum gleichen Kulturkreis. Dies behauptet der US-Politologe Huntington in seinem Buch „Kampf der Kulturen.“ Amerikaner und Europäer unterscheiden sich weitaus weniger als Europäer und Chinesen, Europäer und Inder, Afrikaner, Araber oder Lateinamerikaner. Die euro-atlantische Kulturgemeinschaft basiere auf gleichen politischen, historischen, geistesgeschichtlichen und kulturellen Werten. Der Atlantik sei klein, Europäer und Amerikaner gehören zusammen.

Eine Illusion? Die deutsch-amerikanischen Beziehungen haben unter der Bush-Regierung schwer gelitten. Der Ton hat sich verschärft, antiamerikanische Publikationen schießen ins Kraut, George W. Bush wird dämonisiert, und Amerika wird als „Reich des Bösen“ verteufelt. Selten war der Atlantik so breit wie heute. Von einem gleichen Kulturkreis ist keine Rede mehr. Die glücklichen Jahre nach Ende des Kalten Krieges sind Geschichte, als Clinton vor zehn Jahren die Wiedervereinigung in Berlin feierte und ausrief: „Nichts kann uns aufhalten, alles ist möglich, Berlin ist frei!“ Clinton hat Deutschland viermal besucht. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen waren gut; Konflikte um die Expo 2000, Scientology, amerikanisches elterliches Sorgerecht oder den Standort der US-Botschaft in Berlin blieben marginal. Und 1999 zogen die Deutschen mit den Amerikanern in den Kosovo-Krieg.

Heute bleibt wenig davon. Diffuse Erinnerungen an die Rolle von George Herbert Walker Bush, der 41. Präsident der USA, während der Wiedervereinigung. Maggy Thatcher und Francois Mitterand waren gegen den Vereinigungsplan von Kohl. Bush hatte die Gunst der Stunde erkannt und gemeinsam mit Kohl ein Paket geschnürt, das Franzosen und Briten akzeptieren mussten. 1989 – 90 war die große Stunde der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Bush-Vater gilt in Deutschland zu Recht als Ehrenmann.

Und nun Bush-Sohn. Wir mögen ihn nicht. Seine Arroganz, sein ungebildeter Habitus, seine Rücksichtslosigkeit gegenüber Allianzen, der UNO und den globalen Herausforderungen machen ihn suspekt. Die meisten Deutschen hoffen, John F. Kerry werde Bush aus dem Weißen Haus verjagen, die alte Freundschaft wiederherstellen und der Weltmacht USA die Fesseln anlegen. Mit Bush als Feindbild entsteht ein einseitig negatives Bild der USA als Land der Rohlinge und Barbaren. Deutschland, so heißt es landesweit, müsse sich von diesem Grobian befreien. Es ist die Stunde der anti-amerikanischen Propaganda, der alten Ressentiments von links und rechts.

Besser wäre, über die Reparatur der maroden deutsch-amerikanischen Beziehungen nachzudenken. Unabhängig davon, ob Kerry oder Bush am 2. November gewinnt, wird der Irakkonflikt fortbestehen. Wenn die Vereinten Nationen Aufgaben im Irak übernehmen, werden auch die Deutschen gefordert. Dann können sie sich nicht mehr heraushalten und den Amerikanern Unilateralismus vorwerfen und jegliche Beteiligung am Irakkrieg – auch unter einer UNO-Resolution – ablehnen. Selbst die Spanier erwägen eine Rückkehr in den Irak. Auch die Franzosen werden sich bewegen. Deutschland hat exzellente Sanitäter, die im Irak gebraucht werden. Wenn die Weltgemeinschaft ruft, dürfen sich die Deutschen nicht abwenden. Wenn sich Deutschland an der Internationalisierung des Irakproblems beteiligt, wird auch die deutsch-amerikanische Beziehung entspannt.

Die Amerikaner torpedieren den deutschen Sitz im Weltsicherheitsrat nicht aus „Rache“ für die Irak-Verweigerung. Washington meint, es gäbe genug Europäer im UN-Weltgremium. Andere Kontinente sollten eine Chance erhalten – besonders die Zweite und Dritte Welt. Das ist nachvollziehbar. Und Washington braucht auch keine Krise der transatlantischen Beziehungen. Noch gibt es die NATO, noch haben Europäer und Amerikaner gemeinsame Sicherheitsinteressen – im Kampf gegen Aids, globale Erwärmung, Terror, internationales Verbrechertum oder Armut. Wenn Amerikaner, Deutsche und Europäer am gleichen Strang ziehen, können die Probleme des 21. Jahrhunderts besser als im nationalen Alleingang gelöst werden. Gute Beziehungen zwischen der EU und den USA sind auch für Deutschland nützlich.

Bush und Kerry wissen, dass Amerikaner und Deutsche zur gleichen Wertegemeinschaft gehören und Interdependenz lebenswichtig ist. Für die deutsche Regierung wäre die Kommunikation mit einer Kerry-Regierung leichter. Kerry verspricht Multilateralismus, die Rückkehr zu Allianzen und die Einbindung der USA in die Weltgemeinschaft. Hinzu kommen subjektive Aspekte: Kerry ist gebildet, international versiert und mehrsprachig. Schröder und Bush passen nicht zu einander. Dennoch muss versucht werden, den Dialog mit der US-Regierung nicht abbrechen zu lassen.

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind Teil des Systems, das globale Herausforderungen durch die Weltdemokratien – USA, Kanada, die EU und Australien / Neuseeland – begegnen kann. Diese Spitzendemokratien sind gemeinsam für das Wohl der Welt verantwortlich. Im Kontext der globalen Herausforderungen bleibt die transatlantische Beziehung lebensnotwendig. Die Aufspaltung des „Westens“ in Europäer und Amerikaner wäre fatal – für Europa und die USA. Beide Blöcke brauchen einander. Leider hat die scharfe anti-europäische Rhetorik der Bush-Regierung großen Schaden angerichtet. Und in Deutschland warten 85 Prozent der Wahlbeobachter darauf, dass Kerry gewinnt und Bush nach Texas schickt. Es wird dennoch Zeit, dass auch die Deutschen wieder auf die Amerikaner zugehen – egal, ob ein Bush oder Kerry im Weißen Haus regiert.