DIE USA VERABSCHIEDEN SICH VON DER WELTMEISTERSCHAFT

Friederich Mielke

Die USA verabschieden sich von der Weltmeisterschaft. Das ist heute in den USA eine kleine Katastrophe. Doch Fußball ist traditionell kein amerikanischer Sport. Als die USA 1994 die Fußballweltmeisterschaft veranstalteten, berichteten die US-Medien nur sporadisch über die Spiele. Fußball galt in den USA als langweilig und „europäisch“. Amerikaner lieben „Tore“: Beim Basketball werden ständig Körbe erzielt, beim Baseball können drei oder vier „Runs“ in wenigen Sekunden entstehen. Ein torloses Fußballspiel galt als farblos.

Doch diese Einstellung hat sich geändert. Inzwischen sind auch die Vereinigten Staaten im Weltmeisterschaftsfieber. Wegen der Zeitverschiebung können Amerikaner die Spiele tagsüber sehen. König Fußball regiert in US-Werkshallen, Büros, Colleges und Privathäusern. Als Tschechien die USA in der Vorrunde schlug, sahen 85 Prozent der amerikanischen Haushalte zu. In Schulen, Büros und Shopping-Centern fieberte das Land für sein Team. Die Enttäuschung der 0:3-Niederlage war groß. Schwarzes Trauertuch soll auf der Freiheitsstatue gesehen worden sein, Trauerflor hing auf der Golden Gate Bridge in San Francisco und über den Präsidentenköpfen des Nationaldenkmals in Süddakota. Amerika trug schwarz. Nach dem Ausscheiden in Nürnberg ist die Trauer noch größer.

„Soccer“ ist in den Vereinigten Staaten angekommen. Seit gut 20 Jahren ist eine neue Generation von Fußballspielern herangewachsen. Bei Kindern und Jugendlichen ist der Sport besonders beliebt. Pelé und Franz Beckenbauer hatten für US-Proficlubs gespielt und dem Sport internationales Flair verliehen. Auch die US-Nationalmannschaft ist inzwischen hoch angesehen. 2002 erreichten die USA das Viertelfinale in Seoul; die US-Nationalmannschaft hatte Portugal und Mexiko geschlagen, und Deutschland gelang nur ein knapper 1:0-Sieg. Die Vereinigten Staaten waren zum gefährlichen Gegner avanciert.

Diesmal blamierten sich die USA gegen Tschechien, doch im Spiel gegen Italien zeigten sie ihren gefürchteten Kampfgeist. Die „New York Times“ nahm das US-Italien-Spiel zum Anlass, über Krieg und Frieden nachzudenken: Der US-Stürmer Eddie Johnson hatte das Spiel gegen Italien einen „Krieg“ genannt, und Torwart Kasey Keller hatte „für unser Land und unser Team geblutet.“ Der Krieg – so die „New York Times“ – sei ein amerikanisches Phänomen, während Europa in einer „post-heroischen und post-militaristischen Kultur“ lebe. Im Kampf gegen Italien habe sich das US-Team heldenhaft geopfert. Der Vergleich mit dem US-Militär sei angebracht. Das amerikanische Militär garantiere die Sicherheit von Asien und Europa. Ohne das US-Militär könne sich Europa kein post-militaristisches Zeitalter leisten.

Der Vergleich zwischen Fußball und Krieg passt in den transatlantischen Dialog, der Amerika „Macht“ und Europa „Schwäche“ zuweist. Doch die Vereinigten Staaten sind keine Fußballweltmacht. Amerikaner lieben es, selbstverliebt die „Nummer Eins“ zu sein. Beim Fußball spielen sie nur die zweite Geige. Der US-Fußballsenior Kasey Keller bleibt dabei gelassen. Er freut sich über das Fußballfieber in den USA. Etwa 20.000 Fans seien nach Deutschland gekommen, um ihr Team zu unterstützen: „Das US-Nationalteam stand früher unter Druck, bei Weltmeisterschaften zu siegen“, sagt Kelley. Heute sei der Fußball in den Vereinigten Staaten angekommen. Weltmeisterschaften seien keine Werbeveranstaltungen mehr: „Fußball bleibt in den USA auch dann beliebt, wenn wir nicht siegen.“

Wirtschaftswissenschaftler haben einen potentiellen Schaden ausgerechnet, den die Fußballbegeisterung der US-Wirtschaft zufügt. Manager und Personalchefs klagen über Auszeiten, lange Pausen und Produktivitätsverluste. Das „Junifieber“ habe das ganze Land erfasst. Doch viele Firmen bleiben gelassen und sorgen für Monitore und Pausenzeiten während der Spiele. Das Betriebsklima erwärmt sich, und die Mitarbeiter wollen die Fehlzeiten nachholen.

Nach dem Ausscheiden der USA wird das Fußballfieber nicht nachlassen. Die Vereinigten Staaten sind inzwischen genauso fußballbegeistert wie Europa. Im sportkulturellen Kontext wird der Atlantik kleiner. Die Kontinente gleichen sich an: Während die USA immer fußballbegeisterter werden, blühen bei uns Baseball, Basketball und Football. Ein Grund mehr, von einer euro-atlantischen Kulturgemeinschaft zu sprechen.