DIE US-ÖFFENTLICHKEIT VERLIERT DAS INTERESSE AM IRAKKRIEG

Friederich Mielke

Kein Mensch mag ständig schlechte Nachrichten hören; der amerikanische Durchschnittsbürger ist keine Ausnahme. Die Öffentlichkeit hat begonnen, die Gewaltberichte aus dem Irak zu verdrängen. Die großen Fernsehanstalten berichten immer weniger über Selbstmordanschläge, Heckenschützen und den täglichen Terror. Mit über 100 Opfern pro Tag ist die Gewalt im Irak größer als im Libanon und in Israel, doch man erfährt in Amerika immer weniger darüber. Niemand verliert gern, und Amerika ahnt, dass der Irakkrieg verloren geht. Die Niederlage ist mit Händen zu greifen.

Der Zweifel an den Kriegsgründen wächst. Die Argumente der Regierung haben sich in Luft aufgelöst. Immer weniger Menschen glauben, die Irakinvasion werde die Demokratie in den Nahen Osten bringen, Israel sichern oder die Einfuhr billigen Öls garantieren. Die Libanonkrise hat die Verwundbarkeit Israels gezeigt. Der Irakkrieg hat die Region nicht stabilisiert. Auch das humanitäre Argument, die Amerikaner hätten den Irak von der Diktatur befreit, verliert angesichts von Chaos und Gewalt sein Gewicht. Die Amerikaner haben zwar die Diktatur abgeschafft aber kaum daran gedacht, die zivile, wirtschaftliche und militärische Infrastruktur aufbauen zu müssen. Viele Versprechungen wurden nicht eingehalten. So wird der Bau eines Kinderkrankenhauses in Basra verzögert – trotz großsprecherischer Zusagen von Frau Laura Bush und Condoleezza Rice. Und in Bagdad fehlen immer noch Wasser und Elektrizität.

Inzwischen wird bekannt, dass das Wiederaufbauprogramm durch Korruption und Schlamperei behindert wird. Milliarden von Dollar seien vom zivilen Wiederaufbau abgezweigt worden und privaten Sicherheitsfirmen zugeflossen. Viele Bauarbeiter wurden entführt oder ermordet. Die USA haben bisher etwa 21 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau des Irak ausgegeben. Kritiker des Programms halten den Wiederaufbau für gescheitert. Die Republikanische Senatorin Susan Collins aus Maine bemängelt, es habe zu viele Planungsfehler und Unterbrechungen durch Gewalttaten gegeben. Das Wiederaufbauprogramm leide unter einer „eine Serie von Misserfolgen.“

„Für die meisten Amerikaner bleibt das irakische Volk eine sentimentale Abstraktion“, schreibt die „New York Times.“ Chalabi, Allawi und Maliki würden vom US-Präsidenten mit gleichem Lob bedacht, dann könnten sie gehen. Der Irak ginge in einer endlosen Folge von Krisen und Gewalt unter. Wer sich noch ernsthaft mit dem Irak befasse, durchschaue die Vertuschungsversuche der Regierung.

Der Schiitenführer Muktada al-Sadr sei inzwischen der gefährlichste Mann im Irak. Al-Sadr solidarisiert sich mit Hamas und Hisbollah und gilt als Alliierter des Irans. Er hat 30 Sitze im irakischen Parlament und kontrolliert fünf Regierungsposten. Er wird mit Todeskommandos in Verbindung gebracht, die viele Iraker und Amerikaner ermordet haben. „Wenn das US-Militär jetzt versucht, mehr Truppen nach Bagdad zu verlegen, dann gleicht diese Aktion dem Verrücken von Deckstühlen auf der Titanic“, kommentiert bissig der Kolumnist Frank Rich.

Im Gegensatz zum Vietnamkrieg kennen die USA heute keine Wehrpflicht. Das Töten im Irak wird von Menschen besorgt, die sich freiwillig gemeldet haben und dafür bezahlt werden. Der Irakkrieg bedroht niemanden persönlich. Dies ist ein wichtiger Grund, warum die Amerikaner auf die Gewalt zunehmend apathisch reagieren. Bush und Rumsfeld haben den Krieg begonnen, nun sollen sie ihn beenden.

Das US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“ spricht bereits von einem Bürgerkrieg im Irak. Schiiten und Sunniten hätten die gemischt-ethnischen Nachbarschaften verlassen und sich streng nach religiösen Grenzen verteilt. Die schiitischen und sunnitischen Milizen seien im Dauerkrieg. Die Politiker, so das Nachrichtenmagazin, hätten den Begriff Bürgerkrieg vermieden und von „zivilen Auseinandersetzungen“ und „sektoralen Konflikten“ gesprochen. Doch wen interessiert das schon, wenn die Medien im Sommerloch lieber über Affären und Skandale als über das Blutvergießen im Irak berichten? Die Amerikaner sind es leid, sich ständig schlecht zu fühlen. Die Verdrängung hat begonnen, und so lange es keine guten Nachrichten gibt, wird sie zunehmen. Doch gute Nachrichten werden zunächst nicht aus dem Irak erwartet.