FRANZÖSISCHER KAMPF GEGEN „AMERIKANISIERUNG“ IST ÜBERFLÜSSIG

Friederich Mielke


Franzosen stehen im Ruf, die französische und europäische Kultur gegen eine US-amerikanische Überfremdung zu bewahren. Frankreich, so heißt es in Europa, sei eine Bastion im transatlantischen Kulturkampf. Was kulturell von den „Yankees“ nach Frankreich dringt, wird abgelehnt und boykottiert. Hollywoodfilme, US-Skandalautoren, Science Fiction oder die McDonaldisierung der Gastronomie gelten in Frankreich als geschmacklos. Französische Kultur, Küche und Kunst müssten vor „amerikanischem Schund“ bewahrt werden: „Die Kultur haben wir“, dröhnt es in Paris und Bordeaux. Militärisch, diplomatisch und strategisch könne Europa mit den USA nicht mithalten; kulturell bleibe der alte Kontinent überlegen.

Dieser transatlantische Machtkampf ist allzu vertraut. Man glaubt, er würde langsam verschwinden. Doch dem ist nicht so: Zurzeit entsteht eine neue transatlantische Bildungsfehde. Die Suchmaschine „google“ will 15 Millionen englischsprachige Bücher digitalisieren und ins Internet stellen. Der Direktor der französischen Nationalbibliothek, Jean-Noël Jeanneney, wittert darin einen amerikanischen Angriff auf die französische Kultur: Die Digitalisierung englischsprachiger Bücher sei kein Versuch, englischsprachiges Allgemeinwissen zu demokratisieren und der Welt zur Verfügung zu stellen; es sei die „Ausdehnung amerikanischer Macht zur Errichtung einer globalen Kulturagenda.“ Jeanneney fordert einen europäischen Gegenangriff: Europa müsse seinen kulturellen und politischen Einfluss in der Welt bewahren. Frankreich und Europa sollten bei der Digitalisierung des Wissens eine „zentrale Rolle spielen.“

Die Forderung nach einer europäischen Version von „google“ als Gegengewicht zur amerikanischen Digitalisierung basiert auf Misstrauen. Man unterstellt den Amerikanern, die zu digitalisierenden Bücher mit US-amerikanischer Parteilichkeit auszuwählen. Europäische Themen könnten zu kurz kommen und französische Autoren ignoriert werden. Das Gewicht der englischen Sprache sei verdächtig, da die digitalisierten Bücher auf Englisch erschienen sind. Der Bibliotheksdirektor vermutet den Versuch, die amerikanische Kultur als universale Kultur durchzusetzen. Das ginge auf Kosten der Franzosen und Europäer.

Für den Politologen Samuel P. Huntington wird die globale Verbreitung westlicher Konsummuster und Populärkultur keine „universale Kultur“ schaffen. Der Konsum von Coca Cola werde keinen Nichtwestler „verwestlichen“. Die amerikanische Kontrolle der globalen Film-, Fernseh- und Videoindustrie sei zwar mächtig, die globale Kommunikation werde jedoch die Kultur der Völker und Nationen nicht nivellieren. „Das Ausmaß, in dem die globale Kommunikation vom Westen beherrscht wird, ist eine wesentliche Quelle der Feindseligkeit nichtwestlicher Völker gegen den Westen“, schreibt Huntington. Das Entstehen einer universalen Kultur sei eine Illusion. Diese These widerspricht der Warnung des französischen Bibliothekdirektors vor einer US-amerikanischen Universalkultur. Huntington weist außerdem darauf hin, dass der englischsprachige Nachrichtensender CNN inzwischen regional kopiert wurde. Es gibt Sender auf spanisch, japanisch, arabisch und französisch (für Westafrika). Das Englische würde sich nur begrenzt durchsetzen.

Die französische Angst vor einer englischsprachigen Überfremdung der Welt ist unnötig. Englisch wird von höchstens acht Prozent der Weltbevölkerung gesprochen. 18 Prozent der Welt sprechen eine chinesische Sprache, sechs Prozent sprechen Spanisch, und zwei Prozent parlieren jeweils Französisch und Deutsch. Die englische Sprache ist somit 92 Prozent aller Menschen fremd. Sie kann keine Weltsprache sein. Außerdem gibt es kein „Amerikanisch“. Es gibt nur amerikanisches Englisch, und diese Sprache ist zunächst Englisch und basiert auf der Sprache von Chaucer, Shakespeare und Charles Dickens. Deutsche Verlage, die Übersetzungen „aus dem Amerikanischen“ verkaufen, haben dies nicht verstanden.

Amerikanische Verleger, Geisteswissenschaftler und Bibliothekare bevorzugen eine umfassende Definition des westlichen Kulturerbes. Aus amerikanischer Sicht werden europäische Geschichte und Kultur ausführlich und grenzübergreifend dargestellt. Da Amerikaner keine Europäer sind, wird ihr Urteil nicht von europäischen nationalen Vorurteilen verzerrt: Das „westliche Kulturerbe“ wird nicht auf französische, deutsche oder spanische Machtzentren reduziert. Amerikaner sind objektiver; sie haben einen gesamt-europäischen Kulturkanon. Ihre Enzyklopädien, Schul- und Geschichtsbücher enthalten viele Einträge über europäische Themen, Namen und Ereignisse. Der amerikanische Beitrag zum westlichen Kulturerbe erscheint erst im 18., 19. und 20. Jahrhundert. Das französische Misstrauen gegenüber der amerikanischen Urteilsfähigkeit ist somit unbegründet.

Besonders überflüssig ist das französische Ressentiment gegen die amerikanische „Überfremdung“. Dieses Vorurteil leugnet die Existenz des euro-atlantischen Kulturkreises. Angesichts der großen Weltkulturen ist der französisch-amerikanische Kulturkonflikt überschaubar. Der Kulturgegensatz zur japanischen, chinesischen, hinduistischen, islamischen oder afrikanischen Kultur ist weitaus größer. Mit Blick auf die Weltkulturen erscheint es trivial, über amerikanisch-französische Gegensätze zu streiten. Die Europäer können und sollen ihre Bücher ins Internet stellen. Sie dürfen dies tun, ohne das Gespenst einer amerikanischen „Überfremdung“ zu beschwören. Die Digitalisierung durch „google“ wird die europäischen Bücher weder vernichten noch abwerten. Die Bedrohung der europäischen Kultur durch amerikanische Bücher ist ein Hirngespinst.