DIE VIETNAM-GENERATION WILL KEINE „IRAK-GENERATION“
Friederich Mielke
Das US-Verteidigungsministerium hat ein Problem: Immer weniger
junge Amerikaner gehen zum Militär. Die uniformierten
Anwerber im Dienste von Onkel Sam sind frustriert. Seitdem
nur Horror-Nachrichten aus dem Irak kommen, ist Amerikas Jugend
die Lust am Militärischen vergangen. Die Armee-Rekrutierer
erreichen ihre Einstellungsquote nicht, der Nachwuchs fehlt,
und Ausfälle durch Tote und Verwundete können schlecht
ersetzt werden. Die Stimmung in Amerika schlägt um. Der
Begeisterung für Fahne, Verfassung und Freiheit folgen
Enttäuschung und Lethargie.
Die Armee-Rekrutierer erscheinen in Schulen, Universitäten
und öffentlichen Gebäuden, um neue Soldaten anzuwerben.
Sie malen ein rosiges Bild vom Militärdienst und versprechen
kostenlose Studienplätze, Geldprämien und eine staatliche
Rundumversorgung. Kein Wort von Kampfeinsätzen, Verwundungen
und Tot. Bisher brauchten die Rekruten ein polizeiliches Führungszeugnis
und den Realschulabschluss. Doch wegen der Nachwuchskrise
werden heute auch vorbestrafte junge Leute ohne Abschluss
genommen. Amerikas Militär senkt seine Ansprüche
an Bildung und Sozialstatus.
Inzwischen rebellieren Eltern und Großeltern gegen
die Abwerbung ihrer Kinder und Enkel. Die Vietnam-Generation
will ihre Kinder für keinen Krieg opfern, von dessen
Sinn sie nicht überzeugt sind. Elterninitiativen boykottieren
die Armee-Werber. Junge Leute, die zum Militär wollen,
werden zunehmend von ihren Eltern unter Druck gesetzt.
Während vor und nach der Irakinvasion viele junge Leute
zu den Fahnen liefen, stoßen die Armee-Rekrutierer heute
zunehmend auf Widerstand. Eltern bedrohen und beschimpfen
die Anwerber und weigern sich, Auskünfte über ihre
Kinder telefonisch zu erteilen. Das Pentagon wirft den Eltern
vor, das System der Freiwilligenarmee zu gefährden: Sollte
sich niemand zum Militär melden, müsste die Wehrpflicht
wieder eingeführt werden – ein Szenario, das auch
die Regierung fürchtet. „Junge Männer und
Frauen lehnen zunehmend eine Karriere ab, bei der es hauptsächlich
darauf ankommt, Kugeln und Straßenbomben aus dem Wege
zu gehen“, schreibt die „New York Times“.
„Eine Regierung, die Kindern Geschenke für das
Sterben in einem Krieg verspricht, ist eine peinliche Regierung.
Obendrein ist dies ein Krieg, den die Regierung nicht vom
Zaun hätte brechen müssen.“ Der Widerstand
der Eltern habe inzwischen das Gewicht einer Anti-Kriegs-Bewegung.
Und diese Bewegung werde immer lauter und wirksamer.
Besonders militante Kriegsgegner sind die „Wütenden
Omas“ von San Francisco. Sie demonstrieren vor Schulen
und Hochschulen, verteilen Broschüren und tragen Anti-Kriegs-Parolen.
Die „Omas“ sind gegen Irakkrieg und Militarismus.
Sie rebellieren nicht gegen das Militär an sich sondern
fordern eine Streitmacht, die ausschließlich für
die Landesverteidigung sorgt. Die „Wütenden Omas“
von San Francisco halten nichts von Angriffskriegen. Sie demonstrieren
gegen die Verführung sozialschwacher junger Leute, denen
die Konsequenzen ihrer Entscheidung nicht bewusst sind. Nur
wenige Rekruten würden je in den Genuss von exotischen
Reisen oder Studiengebührfreiheit kommen.
Die Bush-Regierung verliert die Unterstützung für
den Irakkrieg. Nur noch 40 Prozent sind dafür, 60 Prozent
fordern den Rückzug. „Tausende mussten sterben
und viele Milliarden Dollar wurden ausgegeben, um einen Diktator
zu entmachten, der die Vereinigten Staaten nicht bedrohte“,
schreibt die Wochenzeitung „The Nation“. Stattdessen
hätten die Amerikaner einen „terroristischen Dschungel“
im Irak geschaffen. Die USA sei ihr eigener schlimmster Feind
im Irak. Ein schneller Rückzug sei die beste Strategie.
Kein Wunder, dass diese Forderung von einer linksliberalen
Zeitung kommt. Interessant ist diese Position, weil sie auch
von Republikanischen Abgeordneten und Senatoren formuliert
wird. So hat der Republikaner Walter Jones aus North Carolina
angekündigt, er werde ein Gesetz mit einem Zeitplan für
den Rückzug der US-Truppen durch den Kongress bringen.
Jones ist kein Linksliberaler. Er hatte die Irakinvasion unterstützt.
„Doch jetzt ist bewiesen, dass es keine Massenvernichtungswaffen
gab“, sagt der Republikaner. Sein Parteikollege Senator
Lindsey Graham aus South Carolina stimmt zu: „Dieser
Krieg hat ein schlechtes Image“, meint der Senator:
„Eltern und Großeltern sind dagegen. Wenn wir
uns den neuen Gegebenheiten nicht anpassen, verlieren wir
die öffentliche Meinung.“
Amerikas Glaube an George W. Bush schwindet. Die Vertrauenskrise,
die Bush im Ausland bereits erlebte, ergreift zunehmend das
Inland. Der regierungsamtliche Optimismus stößt
auf Skepsis, die Parallele zum Vietnamkrieg wird erkennbar:
Auch damals hieß es zunächst, Zeit und Geduld werde
den Sieg bringen. Doch Zeit und Geduld arbeiteten für
den Vietcong.
So lange US-Truppen im Irak stationiert sind, wird der Hass
der Selbstmordattentäter aus Saudi-Arabien, Iran, Afghanistan
oder Syrien nicht kleiner. Die US-Truppen hindern den Irak
daran, seine politische, kulturelle und ethnische Identität
zu finden. Er bleibt ein Magnet für Terroristen, Kriminelle,
Aufständische und Rebellen. „Verlasst den Irak!“
fordert der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat George
McGovern. Ein endloser Krieg werde Amerikas Haushalt ruinieren,
amerikanische Soldaten vernichten und die moralischen und
geistigen Werte der Vereinigten Staaten diskreditieren. Amerikas
Eltern wissen, dass ihre Kinder im irakischen Bürgerkrieg
verheizt werden. Der Widerstand der Eltern gegen die Armee-Rekrutierer
ist auch ein Misstrauensvotum gegen eine unflexible und somit
zum Scheitern verurteilte Irakpolitik.