VIETNAM UND PROTESTLIEDER: BUSH GERÄT WEITER UNTER DRUCK

Friederich Mielke


George W. Bush kann nicht zufrieden sein: Anti-Kriegsdemonstranten belagern die Ranch, die Irakpolitik gerät durch eigene Leute unter Beschuss, und im konservativen Utah organisiert ein Bürgermeister den Aufstand gegen Bush. In Utah wähnte sich der Präsident zuhause. Der Mormonen-Staat ist stark Republikanisch. Eine Rede vor Veteranen sollte dort die Irakpolitik rechtfertigen. Bush war in Zugzwang geraten, seit Mutter Sheehan eisern vor der Ranch in Texas protestiert. Die trotzige Mutter eines gefallenen US-Soldaten hatte eine Debatte über den Irakkrieg ausgelöst. Das Land wartet auf ein Zeichen vom Oberkommandierenden.

Doch die Veteranen-Rede in Utah ignorierte Mutter Sheehan. Der Präsident lobte die irakische Verfassung als „Grundlage für eine dauerhafte Demokratie auf den Ruinen einer brutalen Diktatur“ und nannte den Verfassungsprozess „beeindruckend“. Bush will die unvollständige irakische Verfassung als politischen Erfolg im Irak-Chaos vorzeigen. Zum ersten Mal erwähnte er die genaue Zahl der US-Opfer – 1.864 im Irak, 223 in Afghanistan. Den Demonstranten sagte Bush: „Wir ehren das Opfer der Toten, indem wir offensive gegen die Terroristen vorgehen.“ Ein Rückzug der US-Truppen käme nicht in Frage.

Die Veteranen jubelten, doch im „Pioneer Park“ von Salt Lake City protestierten die Demonstranten. Etwa 2000 Kriegsgegner hatten sich zur kollektiven Bush-Schelte versammelt. Besonders pikant: Anführer der Anti-Kriegsdemonstration war der Bürgermeister von Salt Lake City persönlich. Im US-Staat mit der größten Bush-Gefolgschaft hatte Bürgermeister Rocky Anderson zum Protest gegen den Krieg aufzurufen: „Wir wollen der Welt sagen, dass selbst im konservativen Staat Utah viele Menschen die gefährliche, verantwortungslose und lügnerische Politik der Bush-Regierung ablehnen“, rief Anderson. „Wir protestieren nicht gegen das Veteranentreffen, wir protestieren gegen die Politik des Präsidenten. Wir hätten längst lernen müssen, dass wir unsere Form von Demokratie nicht mit Gewalt exportieren können.“

Anderson hatte persönlich zur Anti-Kriegsdemonstration aufgerufen. Wer nicht gegen die schädliche Politik der Bush-Regierung protestiert, hatte Anderson geschrieben, müsse sich „Apathie und Resignation“ vorwerfen lassen: „Der Patriotismus verpflichtet uns zur Kritik an der Regierung, wenn sie sich anti-demokratisch und lügnerisch verhält“. Die Veteranen reagierten zornig. Sie warfen Anderson Vaterlandsverrat vor und forderten seinen Rücktritt. Die Zeitung „Salt Lake Tribune“ hat sich indes auf die Seite des Bürgermeisters gestellt. Am 23. August schrieb das Blatt: „Patriotismus bedeutet nicht blinde Loyalität. Wer die Soldaten unterstützt, muss nicht den Einsatz unkritisch bejahen, in den sie geschickt werden. Im Bewusstsein vieler Patrioten gleicht dieser Krieg einer fatalen Todesfalle. Der Bürgermeister darf sich zu Recht dagegen wehren. In einer freien Gesellschaft ist Kritik nicht nur ein Bürgerrecht. Es ist eine Pflicht.“

Bush mag den Protest als lästiges Beiwerk einer Demokratie abtun; Kritik aus den eigenen Reihen schmerzt. Der Republikanische Senator Chuck Hagel aus Nebraska ist kein Pazifist. Als hochdekorierter Vietnam-Veteran hatte er für den Irakkrieg gestimmt. Jetzt sagt Hagel, der Krieg hätte den Nahen Osten destabilisiert und gleiche dem Vietnamkrieg: „Nach zweieinhalb Jahren im Irak sind wir keine Sieger“, meinte Hagel im US-Fernsehen: „Wir sollten darüber nachdenken, wie wir dort wieder rauskommen.“ Das Festhalten am eingeschlagenen Kurs sei keine Politik. „Je länger wir im Irak bleiben, desto mehr werden wir die Region destabilisieren. Und desto mehr ähnelt diese Lage der Situation in Vietnam.“

Amerika ist heute ebenso orientierungslos wie in den 60er Jahren, als der Vietnamkrieg Regierung, Opposition und die Öffentlichkeit spaltete. Selbst die Argumente sind die gleichen: „Wir werden dort drüben gewinnen, wenn wir mutig durchhalten und das Richtige zu tun“, sagt der Republikanische Senator Orrin Hatch aus Utah. Die Politik der Demokratisierung des Nahen Ostens ähnelt der Dominotheorie des Vietnamkrieges: Wenn der erste Staat demokratisiert ist, werde eine Demokratisierungswelle die Region verändern. Doch diese Logik ist umstritten. Sie kann auch eine Illusion sein. Vietnam ist das abschreckende Beispiel.

Um den Bezug zum Vietnamkrieg herzustellen, melden sich Veteranen der Anti-Vietnam-Bewegung zurück. Die beliebte Sängerin Joan Baez ist wieder da. In Texas hat sie ein Konzert für die 500 Demonstranten vor der Bush-Ranch gegeben. „Bei meiner ersten Vietnam-Demonstration waren wir 10 Leute“, sagte Baez. „Dies hier ist eine Menschenmenge.“ Baez lobte das Engagement von Mutter Sheehan: „Ihr Protest ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und fließendes Wasser kann man nicht aufhalten“. Die inzwischen 64-jährige Künstlerin sang Lieder aus der Vietnamzeit und ermutigte die Demonstranten bei ihrem Protest.

Wenn Joan Baez Recht hat, muss George W. Bush seine Politik bald ändern. Der Vietnamkrieg wurde abgebrochen, weil die Regierung von Volk, Presse und Opposition nicht mehr unterstützt wurde. Amerikanische Militärs meinen, sie seien „im Felde unbesiegt“ gewesen. Fernsehen, Demonstranten, „die Straße“ hätten den Rückzug erzwungen. Dies ist die Dolchstoßlegende des Vietnamkrieges. Verteidigungsminister Rumsfeld argumentiert heute ähnlich. Der Irak ist ein militärischer, politischer, wirtschaftlicher und menschlicher Alptraum. Die amerikanische Öffentlichkeit wird diesen Zustand nicht langfristig hinnehmen. Früher oder später wird die Propaganda der Regierung durchschaut. Dann wird der Irak auch zum Alptraum der Bush-Regierung.