KERRY MUSS SEINEN VIZEPRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN GESCHICKT AUSWÄHLEN

Friederich Mielke (07.Juli 2004)

Die Weltmacht USA erlebt einen dramatischen Wahlkampf 2004. Der Herausforderer Kerry lässt von sich hören: Er wirbt um jede Stimme, hält Reden, reist durch die Staaten und attackiert die Bush-Regierung. Diese Woche war er auf den Farmen und in den Kleinstädten des Mittelwestens. Er wollte sein Image als erdverbundener Politiker festigen. Als Jäger griff er zur Schrotflinte und schoss auf Tontauben. Jagen und Schießen sei das freie Recht des Bürgers. In Bluejeans spielte er Gitarre und gab sich als „country man“. Das kommt gut an. Im Herzland Amerikas zählen amerikanische Werte und Traditionen – die Freude am Schießen und Romantik am Feuer. Als Kandidat der Demokraten kann er nur für das Verbot des Verkaufs von Handfeuerwaffen kämpfen, wenn er vom Wähler akzeptiert wird. Kerry ist Jäger, aber er ist gegen die uneingeschränkte Abgabe von Pistolen und leichten Maschinengewehren. Er hat dem mächtigen nationalen Waffenverband (NRA) den Kampf angesagt. Kerry ist Hoffnungsträger der liberalen Kräfte in den USA, die den unsinnigen Verkauf von Handfeuerwaffen einschränken wollen.

Noch spannender wird es im Wahlkampf 2004 bei der Frage, wer Kerrys Vizepräsidentschaftskandidat wird. Die richtige Wahl des „running mate“ kann entscheidend sein. US-Präsidentschaftskandidaten treten im Doppelpack auf. 1976 kämpfte Carter mit Walter Mondale gegen Gerald Ford, 1980 trat Ronald Reagan mit George Bush senior an, 1984 ging Mondale mit Geraldine Ferraro ins Rennen, 1988 kämpfte Michael Dukakis mit Senator Lloyd Bentsen, und 1992 triumphierten Clinton und Gore gegen Bush senior. 2004 haben sich die Republikaner festgelegt: George W. Bush will wieder mit Vizepräsident Cheney kandidieren. Das „Ticket“ Bush-Cheney hat sich angeblich bewährt. Doch was macht John Kerry? Wer wird sein „running mate“?

In den USA zirkulieren die wildesten Gerüchte. Zunächst träumten viele Demokraten davon, der Republikanische Senator John McCain würde zu Kerry überlaufen. Dies wäre der absolute Triumph der Demokraten über die Republikaner. Das geschah nicht. Im Gegenteil: McCain trommelt jetzt für Bush, und einige Beobachter meinen, Bush könnte ihn noch als eigenen Vizepräsidentschaftskandidaten ins Rennen bringen. Dann wollten alle John Edwards: Der Senator aus North Carolina hat sich im Vorwahlkampf profiliert und gilt als charismatisch, gut aussehend, intelligent und dynamisch. Da er aus dem Süden kommt, erhoffen sich viele Strategen den Wahlerfolg im Süden. Zwar hat Bush eine starke Basis in Mississippi, Alabama und South Carolina, doch Arizona, Virginia und besonders Florida könnten Bush entrissen werden. Florida ist wieder ein großes „Schlachtfeld“. Es geht um 27 Stimmen im Wahlmännergremium. Florida könnte auch 2004 die Wahl entscheiden. Dann wäre John Edwards der richtige Mann an der Seite von Kerry.

Dick Gephardt ist der nächste Geheimtipp. Der Abgeordnete aus Missouri gilt als solide, linksliberal, integer und erfahren. Sein Staat Missouri würde 11 Wahlmännerstimmen bringen. Gephardt könnte auch die wichtigen Staaten des „Rostgürtels“ beeinflussen. Zum Rostgürtel gehören die Staaten mit der leidenden Schwerindustrie in Michigan, Ohio, Pennsylvania und Illinois. Ohio ist besonders wichtig. In Ohio liegt die Arbeitslosigkeit bei 12 Prozent. Die arbeitnehmerfreundliche Politik einer Kerry-Regierung könnte die 20 Wahlmännerstimmen einbringen. Bush muss Ohio gewinnen. Wer als Republikaner in Ohio verliert, kommt traditionell nicht ins Weiße Haus. Viel spricht für Dick Gephardt. Dagegen spricht, dass Gephardt recht alt ist, als Langweiler gilt und bereits zweimal vergeblich versucht hat, selbst die US-Präsidentschaft zu erringen.

Etwa 10 Kandidaten warten auf John Kerrys Anruf. Besonders interessant: Senator Bob Graham aus Florida, Senator Bill Nelson aus Florida, Gouverneur Tom Vilsack aus Iowa und Gouverneur Mark Warner aus Virginia. Beobachter meinen jedoch, Kerry brauche eine Überraschung, einen Knalleffekt, der seinen angeblich lahmen Wahlkampf in Gang bringt. Werden Edwards, Gephardt oder Vilsack ausgewählt, ist niemand überrascht. Diese Kandidaten sind solide Politiker. Ihr Engagement im Wahlkampf 2004 würde das Image des beständigen, soliden Senators Kerry bestätigen. Interessanter wäre Robert Rubin, der Ex-Finanzminister der Clinton-Regierung. Rubin hat noch keinen Wahlkampf geführt, aber die Sehnsucht nach den goldenen Clinton-Jahren könnte der Kerry-Kampagne nützen. Und Hillary Clinton, die immer wieder als Überraschung auftaucht. Hillary Clinton wäre die Sensation der Kerry-Kampagne. Sollte sich Kerry für Hillary entscheiden, würde Euphorie und Pep in die Kampagne zurückkehren. Der solide und beharrliche Wahlkampf wäre zu Ende. Amerikaner würden wieder leidenschaftlich diskutieren. Und als zweite Frau im Rennen um die Vizepräsidentschaft wäre sie erfahrener und erfolgreicher als Geraldine Ferraro, die 1984 mit Walter Mondale gegen Ronald Reagan scheiterte.

Und Bill Clinton? Darf ein Ex-Präsident Vizepräsident der USA werden? Clinton selbst meint, dass die Interpretation des 22. Zusatzartikels der US-Verfassung nicht zulässt, dass ein Ex-Präsident Vizepräsident werden darf. „Ich glaube nicht, dass es dazu kommt“, sagte Clinton auf CNN. Ganz ausgeschlossen hat er die Möglichkeit nicht. Eine Clinton-Kandidatur wäre die absolute Sensation. John Kerry würde diese Wahl jedoch nicht treffen. Die Führerpersönlichkeit Clinton könnte sich nicht als zweiter Mann ins zweite Glied stellen. Der Schatten, den er auf Kerry werfen würde, wäre zu groß.