WILLIAM F. BUCKLEYS TOD ALS UNTERGANG DES US-KONSERVATISMUS
Friederich Mielke
Mit dem Tod von William F. Buckley Jr. hat Amerika den Vater des Konservativismus verloren. Der Verfasser von über 50 Büchern, Kolumnist und Talk-Show-Gast hat den konservativen Geist Amerikas geprägt und die politische Stimmung des Landes im Kalten Krieg mitbestimmt. Buckley sah in Ronald Reagan und George Bush Senior die Verwirklichung seiner politischen Ziele und Ideale. Als Zeitgenosse von Norman Mailer, Truman Capote, Gore Vidal und James Baldwin hat Buckley durch sein politisches Magazin „National Review“ den Zeitgeist der 60er und 70er Jahre publizistisch definiert und den amerikanischen Konservativismus gegen rechtsextreme, antisemitische und fundamentalistische Strömungen abgegrenzt.

William Buckley bewunderte Barry Goldwater, der 1964 gegen Lyndon Johnson kandidierte und behauptete, „Extremismus sei zur Verteidigung der Freiheit kein Laster, und Mäßigung bei der Umsetzung von Gerechtigkeit keine Tugend.“ Goldwater lehnte Entspannung im Kalten Krieg ab und bekämpfte die Bürgerrechtsbewegung. Mit Goldwater polemisierte William Buckley gegen die Aushöhlung der Kompetenz der US-Bundesstaaten, gegen den Einfluss des Bundes auf die freie Wirtschaft, gegen hohe Steuern und den Wohlfahrtsstaat. Außenpolitisch stellte Buckley die Amerikaner vor die Wahl zwischen Freiheit und Sklaverei: Jeder Staat könne zwischen Kommunismus und brutaler Unterdrückung oder dem westlichen System mit Freiheit, Gleichheit, Frieden und Wohlstand wählen. Für Amerika gelte jedoch der Auftrag, die kommunistische Expansion mit allen Mitteln aufzuhalten. Ein starkes Militär sei Voraussetzung für einen starken Staat.

Bedeutet Buckleys Tod auch das Ende des traditionellen Konservativismus? Seit der Republikanischen Übernahme von Weißem Haus und Kongress im Jahre 2000 hat die konservative Bush-Regierung eine rigorose Ausgabenpolitik betrieben, die Kompetenzen der Bundesregierung gestärkt, die Bildung bundesstaatlich zentralisiert und im Ausland den Aufbau fremder Staaten betrieben. Die neokonservative Bewegung der Bush-Ära fordert die staatliche Einmischung in bürgerliche Freiheiten und verwandelt den traditionellen amerikanischen Individualismus in eine Ära „nationaler Größe“. Religiöse Fundamentalisten fordern die Übernahme ihrer extremen Werte durch die ganze Gesellschaft.

Als Konservativer hat William Buckley die Beschneidung konservativer Werte durch die Bush-Regierung kritisiert. Er beklagte die Machtverschiebung in Richtung Bundesregierung und die Anmaßung der „imperialen Präsidentschaft“. Für Buckley bedeutete Konservatismus die „Begrenzung und Eindämmung politischer Macht“. Unter Bush habe sich Washington in allzu viele Bereiche des persönlichen Lebens eingemischt – in Familiengesetzgebung, Bildungspolitik oder Waffenkontrolle. Der Präsident habe sich außenpolitisch wie ein „Diktator“ verhalten, die Macht des Kongresses eingeschränkt, die Selbstverantwortung des amerikanischen Volkes beschnitten und den Bundeshaushalt extrem verschuldet. Buckley hat Bush „die Abwesenheit einer effektiven konservativen Ideologie“ vorgeworfen und das Scheitern seiner interventionistischen Außenpolitik kritisiert. „Bush ist konservativ, aber er ist kein Konservativer“, schrieb er 2006. Der Irakkrieg sei unrealistisch und mit den Prinzipien konservativer Außenpolitik unvereinbar. Bush sei im Irak gescheitert. Damit sei seine gesamte Präsidentschaft gescheitert. „Wäre Bush ein europäischer Premierminister, müsste er abdanken oder zurücktreten“, sagte Buckley im Juli 2006. Die neokonservative Hybris, Freiheit global verbreiten zu wollen, überschätze die Fähigkeiten der Vereinigten Staaten. Buckley hat sich zunehmend als Kritiker des „Krieges“ gegen den Terrorismus geäußert. Er lehnte einen Vergleich zwischen dem Kalten Krieg und dem Krieg gegen den Terrorismus ab. Die radikalen Islamisten seien nicht in der Lage, die Sicherheit der Vereinigten Staaten ernsthaft zu bedrohen.

Die konservativen Agitatoren von heute – Rush Limbaugh, Anne Coulter, William Kristol – haben sich inhaltlich und stilistisch vom intellektuell anspruchsvollen geschliffenen William Buckley entfernt. Sie werden Buckleys Tod nutzen, um den amerikanischen Konservatismus zu feiern – die Ziele, Ideale und Werte eines William Buckley Jr. teilen sie nicht mehr. Buckleys Tod symbolisiert das Ende des traditionellen Konservatismus während der Bush-Ära – den Tod von Haushaltsdisziplin, Einzelstaatensouveränität, individueller Eigenverantwortlichkeit und außenpolitischer Behutsamkeit. Mit Buckley stirbt ein Teil der amerikanischen politischen Kultur. Sein Tod offenbart die Gedankenlosigkeit und Leichtsinnigkeit der Bush-Ära und erinnert daran, dass Amerika trotzdem eine Kulturnation und fähig ist, politische Debatten mit intellektuellem Anspruch zu führen.