WILLKOMMEN IN STRALSUND, MR. BUSH!

Friederich Mielke

Die Ankündigung des Bush-Besuches in Stralsund ist eine kleine Sensation. Amerikanische Präsidenten reisen selten ins deutsche Hinterland. Reagan war zwar in Bitburg, Clinton in Eisenach und George W. Bush in Mainz. Stralsund wird dennoch durch den Besuch eines US-Präsidenten privilegiert. Die angekündigte Visite manifestiert die enge Beziehung zwischen Kanzlerin und Präsidenten. Bush zeigt Flexibilität und Entgegenkommen: Die Erfolgsgeschichte im Osten passt in sein Weltbild. Für Bush sind Freiheit, Demokratie und Unternehmertum wichtige amerikanische Prinzipien. Für ihn ist die Leistung im Osten auch ein amerikanischer Erfolg.

Mr. Bush ist in Ostdeutschland nicht beliebt. Er gilt als Projektionsfläche für alles Negative an Kapitalismus und Marktwirtschaft. Seine Außenpolitik erhält schlechte Noten: Der Irakkrieg, die ruinöse Umweltpolitik oder die Ablehnung internationaler Organisationen werden als arrogant und verhängnisvoll kritisiert. Es wäre denkbar, dass die Stralsunder George W. Bush die kalte Schulter zeigen könnten.

Dies wäre fatal und ein Verrat an der Kanzlerin. Frau Merkel hat die richtige Strategie: Ihr vertrauensvolles Verhältnis zum US-Präsidenten ermöglicht ihr und Europa, Einfluss auf die Außenpolitik der USA zu nehmen. Je enger die Beziehung zwischen der Kanzlerin und dem Präsidenten, desto größer die Chance, Washington in wichtigen Fragen der Weltpolitik zu mäßigen und zu beeinflussen. Ein Schulterschluss zwischen den USA und Europa setzt Vertrauen, Kommunikation und Koordination voraus. Frau Merkel schafft die Voraussetzungen dafür.

Der Bush-Besuch bietet eine Gelegenheit, über Anti-Amerikanismus im Osten zu diskutieren. 40 Jahre Klassenfeindpropaganda haben Spuren hinterlassen. Es fällt vielen Ostdeutschen schwer, sich für Amerika zu erwärmen. Bush ist leider kein Vorzeigepräsident. Hillary Clinton oder John Kerry würden sich eher eignen, die USA als Kulturnation darzustellen. Dennoch ist die Zeit gekommen, das Thema Anti-Amerikanismus im Osten zu diskutieren. Es geht nicht an, dass die älteste Demokratie der Welt weiterhin als imperialistisch, faschistoid, kriminell oder kulturlos verurteilt wird. Das Land mit der stabilsten demokratischen und republikanischen Verfassung war bereits ein liberaler Rechtsstaat, als der Preußenkönig deutsche Demokraten mit Soldaten bekämpfte. Amerika ist die Mutter von Freiheit, Volkssouveränität, Gewaltenteilung und republikanischer Staatsform. Dies gilt, obwohl Amerika heute unter Bush der Welt ein anderes Bild zeigt. In Ostdeutschland ist diese Botschaft jedoch kaum angekommen. Die anti-amerikanischen Ressentiments der sozialistischen Propaganda gehören in die Archive.

Kluge Ostdeutsche werden erkennen, dass die deutsch-amerikanische Partnerschaft der vernünftigste Weg ist, die Probleme des 21. Jahrhunderts mit einem transatlantischen Schulterschluss zu meistern. Die Vereinigten Staaten sind keine unbefleckte Weltmacht; ihre Demokratie ist aber immer noch die beste Staatsform. Ostdeutschland muss umdenken. Amerika muss sich als Kulturnation und Wiege der Demokratie vorstellen. Das Vertrauen in eine wohlwollende Pax Americana kann im Osten nur wachsen, wenn Informationen und Vertrauen die Hasspropaganda der Vergangenheit ablösen. Der Bush-Besuch bietet eine Gelegenheit zur Aufarbeitung des gebrochenen Verhältnisses zur USA.

Bush-Vater hat geholfen, die Wiedervereinigung voranzubringen, Bush-Sohn sucht die Nähe zur Bundesrepublik. Die Bush-II-Regierung will ihre Außenpolitik mit Alliierten und Freunden koordinieren. Der militante Kurs der „Neokonservativen“ ist Geschichte. Die Bundeskanzlerin will diese Kursänderung anerkennen und unterstützen. Wer verantwortungsvoll und zukunftsorientiert handelt, steht in Stralsund an der Straße und winkt. Der euro-atlantische Schulterschluss stärkt Europa und die westliche Welt. Wer sich abwendet, schadet seinen eigenen Interessen. Die Schwächung der euro-atlantischen Gemeinschaft stärkt potentielle Weltmächte wie China oder Russland. Niemand muss so laut jubeln wie bei Kennedy oder Clinton. Aber ein freundliches „Willkommen, Mr. Bush“ sollte es schon sein. Auch wenn man dabei mehr an die Kanzlerin als an den Präsidenten denkt.