DIE VISION EINER TRANSATLANTISCHEN WIRTSCHAFTSPARTNERSCHAFT

Friederich Mielke

Als EU-Präsidentin hat Bundeskanzlerin Merkel US-Präsident Bush eine transatlantische Wirtschaftspartnerschaft vorgeschlagen. Die EU-Kommission und die amerikanische Handelskammer begrüßen diese Initiative. Eine engere Kooperation zwischen EU und USA sei wichtig. Die Vision einer transatlantischen Kooperation prallt jedoch auf wirtschaftliche, rechtliche und diplomatische Realitäten: Handelshemmnisse, Sanktionen, wirtschaftliche Konkurrenz und transatlantische Wirtschaftskonflikte erschweren eine vertiefte Kooperation. Auch wechselseitiges Misstrauen hat den Fortschritt einer transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft behindert.

Transatlantische Wirtschaftskonflikte gibt es zwischen EU und USA seit Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Europäisch-amerikanische Streitfälle beschäftigen das WTO-Streitbeilegungsgremium, das mit Gründung der WTO (Welthandelsorganisation) die transatlantischen Handelskonflikte schlichtet. Zu den Konfliktfeldern gehören unilaterale Sanktionen der USA, nationale Finanzmarktregulierungen, Subventionen für Zivilflugzeuge (Airbus-Boeing), Export-Steuerbegünstigungen, Exportauflagen für die Rüstungsindustrie und Streit um Bananen, Agrarhandel und die Gentechnik.

Die USA und Europa streiten sich über die ökonomische und politische Effektivität von Wirtschaftssanktionen. Da die USA weitaus weniger auf Exporte angewiesen sind, können sie die Kosten von Sanktionen leichter abwälzen als die EU. Besonders bei Finanzsanktionen genießen die amerikanischen Kapitalmärkte ihre Überlegenheit. Für die USA ist der amerikanische Finanzmarkt ein internationaler Standortvorteil. Die Amerikaner interessieren sich somit wenig für regulative Integrationsschritte im atlantischen Wirtschaftsraum. Die europäischen und amerikanischen Finanzmärkte sind verflochten, aber nicht integriert. Das soll, fragt man amerikanische Politiker und Wirtschaftsexperten, auch weiterhin so bleiben.

Konflikte beherrschen auch die Bereiche Hochtechnologie und Rüstung. Die US-Regierung will ihren rüstungstechnologischen Vorsprung sicherstellen. Sie misstraut der EU als potentiellem strategischem Rivalen. Strikte Exportkontrollbestimmungen behindern den Rüstungssektor. Bei europäisch-amerikanischen Jointventures im Rüstungsbereich wächst in Europa die Angst, Entwicklungskapazitäten an die USA zu verlieren. Bei Übernahmen europäischer Rüstungsunternehmen durch amerikanische Firmen reagiert Europa mit Abwehr: Als ein US-Investor den Kieler U-Boot-Bauer HDW übernahm, wurden die Auflagen des deutschen Außenwirtschaftsgesetzes verschärft.

Bei den strategischen und Rüstungsindustrien sei der Atlantik breiter geworden, resümiert eine Analyse der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Hintergrund sei gegenseitiges Misstrauen: Europäer wehren sich gegen hegemoniale Großmachtansprüche der USA, die Amerikaner wollen ihre staatliche und wirtschaftliche Souveränität nicht einschränken. „Außenpolitisch neigt sich für die USA die Phase unilateraler globaler Handlungsfähigkeit dem Ende entgegen“, meint die Analyse. „Das relative Gewicht des europäischen Partners wächst wieder“. Die USA und die EU sollten sich nicht mit protektionistischen Maßnahmen überbieten. Eine transatlantische Integrationspolitik könne der Herausforderung durch China und die anderen Schwellenländer begegnen.

Trotz der transatlantischen Konflikte wächst das Bewusstsein, das EU und USA unverzichtbare Bündnispartner sind. Die Vision einer transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft entsteht. Auch Washington befürwortet eine neue große Übereinkunft mit der EU. Außenministerin Rice wirbt für eine neue transatlantische Partnerschaft. Einfluss auf scheiternde und aggressive Staaten und die Reduzierung von Massenvernichtungswaffen könnten nur mit Europa und nicht gegen Europa erzielt werden. Die großen geostrategischen Interessen der USA sollten sich möglichst nicht mit den wirtschaftlichen Interessen Europas reiben.

Die Bundeskanzlerin genießt Vertrauen in Washington. Als EU-Präsidentin hat sie die Chance, die Vision einer transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft voranzutreiben. Der völlige Schulterschluss zwischen der Militärmacht USA und der Handelsmacht EU ist ein unrealistisches Ziel, die Institutionalisierung der transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft ließe sich jedoch verwirklichen. Gegenseitiges Vertrauen ist die Voraussetzung für eine euro-amerikanische Wirtschaftspartnerschaft - und das Bewusstsein, angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts im gleichen Boot zu sitzen. Wenn jetzt Washington auch auf Europa zugeht, können die notwendigen Pflöcke für die transatlantische Wirtschaftspartnerschaft gesetzt werden.