ZWEITER AMTSANTRITT FÜR GEORGE W. BUSH:

AMERIKA BLEIBT SKEPTISCH

Friederich Mielke

Am Donnerstag leistet Bush seinen zweiten Amtseid. Er wird Selbstvertrauen, Zuversicht und Hoffnung ausstrahlen. Er will das Land vereinen, den politischen Streit überwinden und einen gemeinsamen Kurs festlegen – in der Außen- und Innenpolitik. „Die Amerikaner haben beide Kandidaten geprüft und sich für einen entschieden“, sagt Bush. „Die Zeit der Rechenschaftslegung ist vorbei. Es gibt keinen Grund, die Regierung für Fehler und Unterlassungen im Irak zu kritisieren. Der Wähler hat gesprochen.“

In seiner zweiten Inaugurationsrede will Bush seine Vision für eine demokratisierte Welt vertiefen. Freiheit, Demokratie und freie Wahlen im Irak seien das Opfer wert. Geduld sei jetzt erforderlich. Nach einer langen Zeit der Diktatur werde sich die Demokratie nur langsam durchsetzen. Amerika müsse fest entschlossen bleiben – besonders im Irak. Außenministerin Condoleezza Rice, so Bush, werde die Öffentlichkeitsarbeit der US-Regierung verbessern und der Welt „unsere Motive und Absichten erklären.“ Seine außenpolitischen Entscheidungen hätten dem Image der USA im Ausland geschadet; die meisten Muslime würden jedoch bald einsehen, dass Amerika „ein Leuchtturm für Freiheit und Demokratie“ sei.

Bush verteidigt die hohen Kosten seiner Amtseinsetzungsfeier. Er zeigt sich befriedigt über den Verlauf des „Krieges“ gegen den Terrorismus. Inzwischen sickern Pläne des US- Verteidigungsministeriums an die Öffentlichkeit, die US-Regierung wolle den Iran notfalls bombardieren, sollte das iranische Nuklearprogramm nicht eingestellt werden. Europa ist besorgt, und auch Amerika zeigt sich zunehmend skeptisch. Der kühne Plan, die Demokratie in den Irak und den Nahen Osten zu bringen, stößt zunehmend auf Vorbehalte.

Die Bush-II-Regierung tritt mit der niedrigsten Zustimmungsrate seit 1957 an – 50 Prozent. Richard Nixon (1973) und Bill Clinton (1997) hatten zumindest 59 Prozent. Bush leistet seinen Amtseid vor einer mürrischen und kritischen Nation. Der Pomp der Amtseinsetzung sei 2005 unangebracht, meinen viele Amerikaner. Der Krieg, die Tsunami-Naturkatastrophe und die außenwirtschaftlichen Sorgen der USA würden Bescheidenheit erfordern. 55,000 Tausend Menschen werden auf neuen Bällen tanzen, eine halbe Million will die Parade zwischen Kapitol und Weißem Haus sehen. Der Demokratische Abgeordnete Anthony D. Weiner, ein Kandidat für das Bürgermeisteramt von New York, möchte das Geld für die Feierlichkeiten den Truppen im Irak schicken. Präsident Roosevelt hätte seine Amtseinführung 1945 mit kaltem Hühnchen im Weißen Haus begangen.

„Präsident Bush beginnt seine zweite Amtszeit ohne ein klares Mandat zur Führung der Nation“, schreibt die „Washington Post“ am 18. Januar. Es gäbe wenige Hinweise dafür, dass sich Amerika seit der Niederlage von John Kerry mit sich selbst versöhnt hätte. Laut Umfrage von Washington Post - ABC News erwarten 55 Prozent, die Bush-II-Regierung werde besser als die Bush-I-Regierung arbeiten. Die Innenpolitik wurde primär negativ beurteilt. Terror und Irakkrieg seien in der zweiten Amtszeit besonders wichtig. Diese Themen sollten von Regierung und Kongress gemeinsam abgearbeitet werden.

60 Prozent der Amerikaner halten die Lösung des Irakkonfliktes für das wichtigste Thema der Bush-Regierung, 50 Prozent fordern Priorität für den „Krieg“ gegen den Terrorismus. Terror und Irak rangieren somit vor Wirtschaft, Renten-, Sozialversicherung und Bildung. Laut Umfrage äußern sich die meisten Amerikaner skeptisch über den Ausgang der irakischen Wahlen am 30. Januar. 57 Prozent der Befragten meinen, die Wahl sei nur ein Schritt auf dem Wege zum US-Rückzug.

Die Öffentlichkeit meint, der politische Gegensatz zwischen Republikanern und Demokraten könne nicht überwunden werden. Zwei Drittel glauben, Bush werde an dieser Front keine Fortschritte erzielen. Innenpolitischen Themen wie Reform der Sozialversicherung und Begrenzung der ärztlichen Kunstfehlerprozesse sollte man den Demokraten überlassen. Die Wirtschaftspolitik sei besser bei den Demokraten aufgehoben. Bushs Versuch, in seiner Antrittsrede das Land hinter sich zu vereinen, trifft auf Skepsis und Ablehnung.

Inzwischen formiert sich Widerstand gegen den Amtsantritt. Demonstranten aus 40 Bundesstaaten haben sich angesagt. 50 Protestdemonstrationen sind geplant. Eine Gruppe will dem Präsidenten in seiner Limousine den Rücken zu zeigen. Wut staut sich auf über den Irakkrieg, die teuren Eintrittspreise und die Kosten für Bälle, Feuerwerk, Paraden und die Sicherheit. „Die Feier soll Freiheit und Demokratie ehren“, verteidigen sich die Organisatoren, die 17 Millionen US-Dollar für 6000 Polizisten, 2500 Soldaten und Hunderte von Bodyguards aus Steuergeldern bezahlen müssen. Die Demonstranten werfen der Regierung vor, den Protestlern den Zugang zu den Tribünen verwehrt zu haben: „Auf den Tribünen werden nur Jubel-Amerikaner stehen“, beschwert sich ein Demonstrant. „Doch dieses Bild entspricht nicht der Stimmung im ganzen Lande.“

Amtseinsetzungsfeiern werden in Amerika traditionell mit großem patriotischem Pomp veranstaltet: Militärkapellen spielen, Gospelchöre singen, der Pfarrer betet, und um 12.00 Uhr spricht der Präsident den Amtseid vor dem Kapitol. Er legt dabei die Hand auf die Bibel. Die Amtsantrittsrede folgt, ein Pfarrer spricht den Segen, und dann erklingt die Nationalhymne. Wenige Amerikaner können sich dieser feierlichen Atmosphäre entziehen. Am 20. Januar 2005 beginnt für George W. Bush die zweite Amtszeit: Amerika und die Welt schauen zu, doch Amerika und die Welt werden nur verhalten jubeln.